Jedes Bild atemberaubend

Mit seinem kulturbewussten Sozialsystem bildet Island seit jeher ein Paradies für Künstler und Literaten, die häufig von staatlicher Unterstützung leben und arbeiten können (der Literaturnobelpreisträger Halldór Laxness sorgte dank nur 320.000 Mitbewohnern auf der Insel für die höchste nationale Nobelpreisträgerdichte der Welt), doch in Sachen Film war das Land mit der nördlichsten Hauptstadt der Welt lange Zeit eher Entwicklungsgebiet. Durch die geringe Bevölkerungsdichte, die späte Unabhängigkeit 1945 und die sehr kleine Sprachgemeinschaft hat sich in dem Land zudem erst in den 1960er Jahren ein eigener Fernsehsender ausgebildet, in dem spätere Filmemacher ihr Handwerk lernen konnten. Lange Jahrzehnte bestand das überschaubare isländische Filmschaffen denn auch aus Heimatfilmen und Adaptionen der berühmten Sagas.

Das änderte sich erst in den 1970er Jahren mit der Gründung des Reykjavík Film Festivals, eines nationalen Filmarchivs und der Filmförderanstalt. Viele Filmemacher besuchten zudem europäische Filmhochschulen und trugen dieses Wissen zurück in die Heimat, wo sich später in der Reykjavíker Vorstadt Kópavogur eine kleine Filmschule bildete. Nach einer Rezession der Filmindustrie, die bis in die 1980er Jahre anhielt, kamen endlich die internationalen Erfolge wie die Teilnahme von Þorsteinn Jónssons Atomstation bei den Filmfestspielen von Cannes 1984 und die Oscarnominierung für Friðrik Þór Friðrikssons Children of Nature 1991. Vor allem Friðriksson und der unermüdliche Baltasar Kormákur halten mit ihren Gesellschaftsdramen und Literaturverfilmungen die isländische Filmkultur heute noch auf großen Festivals präsent, aber auch Regisseure wie Dagur Kári oder Ragnar Bragason konnten schon internationale Erfolge verbuchen.

Heutzutage gibt es auf Island etwa fünf bis sechs einheimische Kinoproduktionen pro Jahr (darunter ein hoher Anteil europäischer Koproduktionen) und eine aktive Kurz- und Amateurfilmszene in der Hauptstadt und in einigen Studentenzentren wie Akureyri und Kópavogur.

Mit seinen sagenhaften Landschaften und einer großzügigen staatlichen Filmförderung ist Island in den letzten Jahren aber auch für prominente ausländische Produktionen zu einem beliebten Drehziel geworden: Clint Eastwood drehte hier sowohl Teile von Flags of our Fathers als auch von Letters of Iwo Jima; auch Christopher Nolan schickte Bruce Wayne in Batman Begins für einige Szenen in die schroffe Landschaft der arktischen Insel, und Lee Tamahori ließ sogar James Bond in seinem 20. Dienstjubiläum Die Another Day im kühlen Norden antreten. Durch die massive Entwertung der isländischen Krone und dem entsprechenden Bedarf an aus ausländischen Devisen wurden die Filmförderung für internationale Koproduktionen zudem 2009 noch einmal massiv aufgestockt.

Wer schon einmal auf der regnerischen Insel gedreht hat, merkt schnell, was sowohl den größten Charme als auch die größte Gefahr der isländischen Filmindustrie darstellt: die Natur. „Wenn Dir das Wetter nicht gefällt, dann warte einfach eine Viertelstunde“, sagt eine isländische Spruchweisheit, und zusammen mit Phänomenen wie der Mitternachtssonne im Sommer und dem Polarlicht im Winter können die wechselhaften äußeren Bedingungen ein unflexibles Filmteam leicht zur Verzweiflung treiben. Aber wer die meditativen Seen in den moosbewachsenen Vulkankratern gesehen hat oder die milchig-weißen, dampfenden Quellbäder inmitten des pechschwarzen Basaltgesteins oder die majestätischen Eisberge, die in den kristallblauen Gletscherlagunen schwimmen, der weiß, dass die Natur auch der größte Freund des isländischen Filmemachers sein kann – wenn sie mitspielt, ist es egal, wohin man die Kamera richtet: Jedes Bild ist atemberaubend.

Von Daniel Bickermann.

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