Japan Media Arts Festival in Dortmund – ganz große japanische Momente

55 Künstler, 3 Wochen, 1 Ort: Dortmunds U lässt die Sonne aufgehen

Sensation ist keine Übertreibung für das Programm des Japan Media Arts Festivals 2011. Schon die Kette der vorherigen Gastgeber Peking, Shanghai, Singapur, Wien, Istanbul und jetzt Dortmund lässt uns staunen. Doch die guten Beziehungen des HMKV nach Japan plus das 150-jährige Jubiläum Preußisch/Deutsch-Japanische Beziehungen haben das hochkarätige Festival ins Dortmunder U reisen lassen.

Spürbar reichlich finanziert vom Amt für kulturelle Angelegenheiten in Japan, kuratiert vom sympathisch-kompetenten Stefan Riekeles wird es für drei Wochen eine beeindruckende Mischung aus Manga und Anime, Medienkunst und Games bzw. Entertainment zu erleben geben. Die Grenzen zwischen Kunst, technischen Entwicklungen und kommerzieller Verwertung sind in dieser Präsentation japanischer Kultur jedenfalls fließend und von Teezeremonie und Zen weit entfernt – Gegenwartskunst im besten Sinne.

 

Knall-Pop Eröffnung am heutigen Samstag

Am Eröffnungswochenende werden erstklassige japanische Künstler auftreten, darunter so etwas wie die Spice Girls Japans, nämlich Momoiro Clover Z mit ihrem sehr eigenwilligen, Performance-orientierten J(apan)-Pop und die Vocaloid (Vocal-Android)-Künstlerin Hatsune Miku - wohl der berühmteste „Gesangs-Avatar“ Japans. Sie wird mit der Band als Projektion im U auftreten – verfolgt von staunenden Deutschen vor Ort und vielen tausend Japanern und Anime-Fans im Internet. Schon allein dieser Act wird viele Japaner vor Neid erblassen lassen, die normalerweise um Karten für ein Konzert kämpfen müssen.
Ob also jemand die japanische Gegenwarts-Kultur jenseits von Sushi und Heidi kennenlernen will oder die grandios unbeschwerte, irgendwie eigenartige Kultur-Mischung aus Pop, Video- und Computerspielen, Comic, Film, Kunst und Kommerz vertiefen möchte – jeder wird begeistert sein.

 

Vom Kern in alle Richtungen der Medien

Nukleus nicht nur der Ausstellung, sondern auch des Konzepts japanischer Medienkünste, ist der Nachbau eines „Manga-kissa“. In Japan können in so einem Café junge Leute gleichzeitig Mangas lesen, im Internet wurschteln und etwas trinken, während an den Wänden vergrößerte Mangas wie Kunstgemälde gehängt sind. Die hier erkennbare Überschneidungen von Kunst, Kommerz, Technik und Unterhaltung findet sich in vielen der 55 Werke wieder, die für die Ausstellung ausgewählt wurden.
Ein anderer unterhaltsamer, ebenso zentraler Raum ist vollgestellt mit Figuren vom Meister Osamu Miyawaki: Von Godzilla über Aliens, Roboter bis zu einer Armee hübscher kleiner Mädchen entstammen seine Figuren meist Mangas und wurden zu Filmen. Die computergenerierte Nachfolger wie die erwähnte Hatsune Miku stellten die Fortschreibung der Tradition dar

 

Live-Stream Club zum Feiern über Kontinente hinweg

Ein Highlight des Wochenendes wird die Show des eigenwilligen, kreativen Tausendsassa Naohiro Ukawa sein, der in einem eigens gebauten Clubraum das Projekt Final Media Dommune erschafft. Eine „Twitter Disco“, ein Streaming Event, der in den orginalen Dommune Club in Shibuya, Tokio übertragen wird. Doch auch in diesem kleinen

Kellerraum finden immer nur 50 Leute Platz, wenn dort üblicherweise erst Interviews mit Künstlern stattfinden und dann DJ-Größen wie Jeff Mills, Shinichi Osawa oder die Berliner Berghain-DJs auflegen – die meisten Zuschauer und Partyfreunde sind nicht dort, sondern sehen sich den Livestream an. Ein etwas befremdliches, in jedem Fall neues Konzept von Party. Die Dortmunder können Samstag mit den weltweit vestreuten Gästen im Netz vom U aus direkt kommunizieren, während Ukawa einige Künstler interviewt und unser „DO-homegrown“ Ingo Sänger das DJ-Set spielt. 

Es gäbe noch viel zu erwähnen: die fantastisch-lyrischen Licht-Schatten Arbeiten von Kuwakubo Ryoto, die iPhone/iPad-3D-Mini-Theater von Jitsuro Mase und Tom Nagae oder auch die Playstation-3-Arbeiten von Jun Fujiki.

 

Es gibt also reichlichst Gelegenheiten für „typisch japanische“ Momente eines Europäers: jene Mischung aus Faszination, Verwirrung und Kopfschütteln, die ordentlich verrührt zu einem unterhaltsamen, belebenden, ganz und gar einzigartigen Gemisch wird.

 

Japan Media Arts Festival vom 9.9. - 2.10. in der 6. Etage des Dortmunder U.

So, 11.09.2011 2

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Kommentare

und ja so ist es

leider nicht der erste geniestreich von "wir haben jetzt DAS U" und "wir wollen metropole sein" um dann zu zeiten, wo es in anderen städten losgeht, eine derart großartige ausstellung zu schliessen und das sehnlichst erhoffte PUBLIKUM (das sonst bei ausstellungserföffnungen wahrlich überschaubar bleibt) abzuweisen. im view beim konzert ebenfalls unerfahrenheit meets dödeligkeit: die 30 leute unten, hätten oben noch locker reingepasst, ganz hinten so gut wie keine leute. ein blick der saaldiener hätte gnügt. habe das auch an die rolltreppen wachleute weitergegeben. geht nicht, die bekannt vorkommende antwort. an einem normalen samstag mit clubbetrieb sind locker doppelt so viele da drin! das bei einem konzert wo in japan die hundertschaften vor der tür übernachten. leider war die bühne so tief, dass die zugegebnermassen kleinen japanerinnen selbst von nowitzkihaft gebauten männern nur am tanzenden haarschopf zu erkennen waren. also auf die bildschirme gucken . gut gemacht view bühnenbauer... von den ständig nicht funktionierenden rolltreppen und dem immer wieder stattfindenen clash aus öffentlichen dienst strukturen und "kreativstadt"notwendigkeiten in dem haus will ich gar nicht erst anfangen. ABER: tolle eröffnung und endlich mal was los in diesem white cub bunker, der seine geschichte baulich verleugnet, aber schriflich gern darauf hinweist....(anderes thema). aber wo war shinji kagawa?

was bisher geschah

Großartige Stimmung, volles U, endlich mal ordentlich Lärm inne Bude! Überfüllte Ausstellung - garantiert ohne morgige bundesweite Feuilleton-Berichterstattung in den relevanten Sonntagszeitungen. Warum eigentlich nicht, verdammt? Diese Ausstellung kickt dermaßen, sogar noch mehr als Proto Anime Cut. Unglaublich inspirierend. Findet man momentan in ganz Deutschland nicht, eine Medienkunst-/Pop-Ausstellung dieser Relevanz. Parallel dazu ein gefülltes U-Treppenhaus voller heulender & brüllender Mangamädchen, die es nicht mehr hoch ins View zu Momoiro Clover Z geschafft haben; noch größer scheint Hatsune Miku zu sein, betrachtet man die tollen Outfits der Mädchen und die knielangen grünen Zöpfe etc. Aber die Aufsicht ist unerbittlich, keiner darf mehr in den angeblich überfüllten 7. Stock, obwohl man oben nach Auskunft von Zeitzeugen noch enough freien Space findet. Es gibt Fragen: Warum schließt eine solche Ausstellung um 21 Uhr, obwohl sich doch das halbe japanische Kulturministerium samt Konsulatsrepräsentant die Ehre gibt? Obwohl Teile des Publikums aus Japan (!) angereist kamen. Obwohl auch Sierau & Stüdemann (beide leider ohne grüne Zopfperücken) tapfer die Dortmund-ist-ja-wohl-Großstadt-Flagge hoch hielten. Aber dann wurden um 20 vor 9 neue Besucher gleich an der Tür abgewiesen mit den Worten: "Die Ausstellung schließt in 20 Minuten und oben kommt Ihr sowieso nicht mehr rein." Jaa, Weltstadt Dortmund! Was müssen diese iPad-geschulten, popverrückten, stilbewussten, sozial totalvernetzten Japaner bloß von unserer Stadt denken? Warum bleibt die Bude da nicht die ganze Nacht offen? Ach so, wegen der Dienstpläne der städtischen Angestellten. Na dann. Bitte morgen noch einmal versuchen, wenn der DJ Naohiro Ukawa zusammen mit Ingo Sänger sein Set live in einen Tokioter Club streamt. Mal schauen, wann die städtische Stechuhr den "Abend" beendet.

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25.03.2010

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