
Jan Ehlen: Scherenschnitte, die rocken
- Serie: Kunst
Viele junge Künstler finden ihren Weg (ausgerechnet) von der Clubkultur in die Galerien. Ist das Museum die neue Disco oder die Disco das neue Museum? Ein Gespräch mit Jan Ehlen im Essener Banditen Wie Wir.
Jens Kobler: Du benutzt verschiedenste Materialien und Medien für Deine Arbeiten. Würdest Du sagen, dass dennoch eine Art „roter Faden“ durch Dein Werk zu finden ist?
Jan Ehlen: Es gibt immer mal wieder Korrespondenzen zwischen Arbeiten, die auch mit unterschiedlichem Material umgesetzt werden. Der Prozess selbst ist meist recht wild und es ist zu Beginn noch nicht zwingend klar, wo das Ganze hingeht. Manche Serien werden auch über Jahre laufen gelassen, speziell bei den Scherenschnittarbeiten wird oft vorgefertigtes Material später noch einmal verwendet.
Jens Kobler: Speziell diese Arbeiten haben ja etwas Filigranes, aber es wird damit sozusagen nicht immer filigran umgegangen, oder?
Jan Ehlen: Absolut nicht. Eher wird gerockt. Das macht mir teils aber auch Probleme, so dass ich fast eine eigene Restaurationsabteilung gebrauchen könnte. (lacht) Oder ich müsste vielleicht mal besser anderes Material verwenden. Das ist aber auch ganz klar eine Kostenfrage. Wobei: Bei den sich drehenden Arbeiten habe ich zusätzlich noch eine Linol-Version angefertigt, so dass ich die dann auch in einem anderen Kontext weiterverarbeiten kann. Insgesamt geht es viel um Positive und Negative, aber ein immer wieder kehrendes Thema ist das Höhlengleichnis, es geht also um Wahrnehmung. Oft gibt es eine Art märchenhaften Beginn, und dann wird aus diesem Schema ausgebrochen. Es gibt zudem Übergänge von einer eher zweidimensionalen zur dreidimensionalen Ebene. Das sind so einige Kontinuitäten in meiner Arbeit.

Jens Kobler: Du bist in verschiedensten Umgebungen tätig, als Pixtole in Clubs und bei Partys, aber auch in Bars wie hier und in Museen. Da gibt es ja sehr unterschiedliches Publikum und verschiedene Rezeptionsweisen. Wie gehst Du damit um?
Jan Ehlen: Ich habe mir schon eine Weile lang mehr Feedback in der Clubkultur erwartet, deshalb bin ich dann in Teilen auch davon weg gegangen oder habe meine Herangehensweise angepasst. Bei Partys arbeite ich mit Plattentellern, auf denen ich verschiedene Modelllandschaften rotieren lasse und dann über den Beamer jage. Diese Aufbauten sind immer sehr aufwändig, und im Club ist oft nicht genug Platz dafür da. Mir ist es aber sehr wichtig, diese Entzauberung dessen, was auf der Leinwand zu sehen ist, zu bewerkstelligen – wozu schon gesehen werden soll, wie ich arbeite. Mit digital gemixter Footage geht es schneller, aber das ist natürlich ganz etwas anderes. Als DJ kannst Du ja auch drei vorgemixte Sets abspielen und ein bisschen am Regler drehen, und die Leute gehen trotzdem ab. Aber das finde ich gar nicht schlimm, sondern eher lustig, damit herumzuspielen. Im Grunde reicht es also meistens, im Clubkontext vorgefertigte Dinge einzuspielen. Woanders wird dann anders gearbeitet.
Jens Kobler: In welchen Zusammenhängen bist Du außerhalb der Club- und Partyszene aktiv geworden?
Jan Ehlen: Schon 2000, kurz nachdem ich aus Aachen ins Ruhrgebiet gezogen bin, habe ich mit zwei, drei Leuten eine Künstlergruppe gegründet, die bis 2008 aktiv war, u.a. mit einer Gruppenausstellung im Mülheimer Kunstmuseum und in einem eigenen kleinen Raum namens Kunstraum Mülheim. Das war sehr wichtig, um in eigenen Räumlichkeiten zu verwirklichen, was woanders nicht ging. Im Vorwerkstift in Hamburg haben wir auch etwas gemacht, aber immer auch schon in Läden wie dem Banditen hier – weil ich es mag und die Arbeiten gut hierher passen. Für das Magazin „Richtungsding“ habe ich letztens den Preis namens „Dichtungsring“ gestaltet – es fallen also auch immer mal kleinere, spezielle Arbeiten an.

Jens Kobler: Hier in der Cäcilienstraße fällt auf, dass Deine Arbeiten schon sehr viel Raum beanspruchen – selbst der Film läuft permanent, was sonst immer nur bei Vernissagen der Fall war…
Moritz Mannhardt (We Are Friends – Macher der Ausstellungsreihe): … und vor allem bei der Fußball-WM.
(Lachen)
Moritz Mannhart: Es ist tatsächlich die erste Ausstellung, bei der es ausschließlich um Objekte geht.
Jens Kobler: Und neben den Objekten machst Du manchmal auch noch bei Performances mit?
Jan Ehlen: Das wird gerade etwas ausgeweitet, zusammen mit Alexandra Zimmer und Aileen Miceli, die Tanz und Bewegungskunst mit etwas Schauspiel machen. Mit Alexandra habe ich vorher schon einmal in einem verlassenen Kuhstall eine Performance gemacht, die auch mit Bewegungen zu Videoexperimenten zu tun hatte.
Jens Kobler: Ein Motiv, das öfter bei Dir auftaucht, ist so etwas wie „Zuhause“, also etwas von Rückzug. Generell sieht es eh aus, als würdest Du eher etwas behaupten, vielleicht verteidigen wollen, als jetzt mit dem Finger auf Missstände zu deuten. Gleichzeitig schwanken viele Arbeiten aber auch immer zwischen Utopie und Dystopie, denke ich. Ist das halbwegs richtig beobachtet?
Jan Ehlen: Der sozusagen allgemeingültige Zustand wird schon auf verschiedenen Ebenen bearbeitet, also wie wir uns in dieser Gesellschaft verhalten und bewegen. Das wird zum Teil vom Gefühl her, teils auch sachlich und manchmal recht zynisch verarbeitet bei mir. Den Utopien, die wir ja brauchen, wird ständig der Boden unter den Füßen entrissen. Dieses Hoffen, die Gesellschaft verändern zu können, das wird ja manchmal auch zu dem Gefühl, dass das wohl nicht klappt. Es ist also immer etwas Kapitulation dabei, aber auch die Hoffnung, sich ein Stück dieses Bodens zu erhalten oder am besten mit dem nächsten Schritt ein großes Stück neuen Bodens zu erschaffen. Das ist also immer eine Art Wechselspiel. Wenn so etwas in den Arbeiten erkannt wird, dann kann ich gut damit umgehen.

Jens Kobler: Es bleibt ja oft auch eher eine Art Eindruck vom Gesamtwerk über, als dass sich die Besucher tief in einzelne Werke versenken. Du bist selbst Autodidakt, und genau dieses Autodidaktische wird in der Regel ja auch den Betrachtern sozusagen zugemutet. Die gehen meistens ja ohne Katalog oder Kurator in die Ausstellungsräume und erst recht in die Clubs. Umgekehrt gesehen muss es ja aber auch nicht sein, dass Künstler sich direkt in Schubladen einsortieren lassen müssen. Eine habe ich aber dabei: Du dankst am Ende des hier gezeigten Filmes Werner Nekes. Wie kommt es dazu?
Jan Ehlen: Ich arbeite für ihn, und teils arbeiten wir auch zusammen. Im Moment organisiere ich die Nightlounge im Bollwerk 107 im Rahmen des Moers Festivals mit. Da geht es bei einem Mini-Festival namens „Shiny Toys“ viel um analoge bis digitale Bilder, und Werner Nekes besitzt ein Weltklasse-Archiv zum Thema "Früher Film". Da habe ich mal quer durch das Archiv gescannt, also von Arbeiten aus dem 14. Jahrhundert mit ersten Spiegeln über mein Hauptthema, das 16. Jahrhundert, das Phenakistiskop oder das Praxinoskop bis heute, auch über Filme wie „Uliisses“ von Werner Nekes, der ja genau diese Geschichte im Film noch einmal vorführt. Von „Shiny Toys“ wird es im November eine Fortsetzung geben, in Form eines 2-Tage-Camps mit Workshops und vielen spannenden Künstlern. Und die werden genau wie ich mit Pixtole diesen Brückenschlag vom frühen Film bis zum modernen Film gerade auch über den Rahmen von Clubkultur hinaus demonstrieren.
Jens Kobler: Vielen Dank für das Gespräch!
Fotos: Jan Ehlen
Aktuelle Ausstellungen und Arbeiten:
TRUST ME
Jan Ehlen
08.05.2010 - 22.05.2010
Banditen wie wir
Cäcilienstraße 8
45130 Essen-Rüttenscheid
http://www.myspace.com/banditen_wie_wir
http://www.myspace.com/we_are_friends_
Shiny Toys
Jan Ehlen/Pixtole
21.05.2010
Bollwerk 107
Homberger Str. 107
47441 Moers
http://www.bollwerk107.de
http://www.janehlen.de
http://www.pixtole.com
http://www.shinytoys.posterous.com
>>>Mehr zum Thema im Lab<<<
Kommentar hinzufügen
Ähnliche Beiträge
Thema
Stadt
Branche
Aktuelle Tweets





























