Hirschrufer

Jagen oder sammeln, virtuell oder blutig

Impressionen von der Messe "Jagd und Hund": Jagdrevier Revier

Wer sich für den „Bayerischen Gebirgsschweißhund mit hubertuiden Gesichtsfalten“ interessiert, hat sicher nicht die Absicht, sich ein Schoßhündchen zuzulegen, sondern er will jagen. Ein Urinstinkt, der den Männern vorbehalten ist, findet heute vielfachen Ausdruck.

Ob das Revier ein geeignetes Revier zum Jagen von Niederwild oder Schalenwild ist, ist anzuzweifeln; dennoch findet hier in der Dortmunder Westfalenhalle die Messe „Jagd und Hund“ statt. Und dort trifft man nicht nur rotwangige Burschen im Ansitzsack. Hier sucht der Homo Sapiens das Werkzeug zur Jagd von allerlei Getier. Hier kann er Safaris in Swasiland buchen, um das Streifengnu zu erlegen, Zielfernrohre testen und Gewehre streicheln.

Jagen ist ein Menschenrecht

Ist es nicht toll, ist es nicht archaisch, sich mit der Natur zu vereinen, auf die Pirsch zu gehen, um einen kapitalen Bock zu erlegen? Und abends sitzt die Jägerrunde im Wirtshaus, um das Wildbret zu

verspeisen. Es wird geblasen und der Jägerchor singt „Ein Jäger aus Kurpfalz“. Ob Stierkampf oder Jagd, das Gegenüber von Tier und Mensch bleibt faszinierend. Für Menschen, die dies so sehen, ist  eins unerlässlich: Das Reh muss eine Chance haben. Allerdings ist diese Chance des Rehs in hiesigen Gefilden doch eher die Wahl zwischen Autobahngulasch auf der A2 oder Rehrücken im Ausflugslokal. Der Mensch braucht die Jagd. 90.000 Besucher von „Jagd und Hund“ aus dem In- und Ausland belegen dies. Ohne die Jagd gäbe es kein „Black Rider“, also auch keine Oper „Der Freischütz“.  Die Frage ist, will man sich selbst mit Blut besudeln, bevor das Geschnetzelte auf dem Teller ist, oder greift man in die Auslage, um das optisch aufgepäppelte „Frischfleisch“ zu panieren? Nun sind hierzulande die Jagdreviere auch für das Gleichgewicht zuständig. In künstlich eingegrenzten Wäldern muss man darauf achten, dass der Keiler nicht überhandnimmt, dass Fuchs und Gans auf Augenhöhe agieren, dass Feind und Freund existieren und die Macht des einen nicht den anderen vernichtet. So ist die Natur. Ist sie nicht mehr genügend vorhanden, muss der Förster aufpassen und schon mal ballern.  

Frisches Fleisch vom frischen Reh oder Fonds aus der Tube

Frau Wiener, ehemals Fernsehköchin, zeigt nun Kindern und anderen Menschen, wie man Fleisch erlegt, zerlegt und frisch zubereitet. Wer sein Essen selbst schießt oder fängt, hat anderen Respekt der Ernährung gegenüber – das ist das Credo. Wer eigenständig dem Huhn den Garaus macht oder dem Kaninchen den Nacken bricht, wird sich – wenn überhaupt – anders über sein Gericht hermachen oder es in Zukunft lassen. „Alles, was Augen hat, kommt mir nicht auf den Tisch“, hat Paul McCartney zum Vegetarier gemacht. Aber solange wir unsere Fleischfonds aus Tuben drücken, unser Minutensteak aus der Tiefkühlauslage bei Netto holen, unseren Kindern die Buchstabenwurst nahebringen oder ein Rind nur nach Geschmack beurteilen, wird die „gepflegte Jagd“ den Minderheiten im Waidmannslook oder im Wilderer-Design vorbehalten bleiben. Allerdings hat man das gemeine Huhn noch nie jagen müssen, höchstens fangen.

Kein Terrain für Tierliebhaber

Den Tierschützern rollen sich die Zehennägel hoch angesichts der geballten Tradition des Erlegens, erst recht, wenn es auch noch in den Bereich des Sports eingeordnet wird: Sportangeln kennt man, aber auch das Jagen von Enten, Füchsen, Schwein und Fasan hat sportliche Wettbewerbe. Der Waidmann ordnet die erlegte Beute und triumphiert über die Natur. Dieser muss naturgemäß hier und da nachgeholfen werden, besonders dort, wo es eigentlich kaum wildes Wild gibt. Da wundert es, dass man das für die Jagd importierte Tier nicht von vorne herein mit Zielscheiben ausstattet. Der Stadtmensch geht inzwischen auf Safari ohne Flinte, beobachtet Wale oder die Angebote beim Metzger. Das Jagen in der Stadt ist rar geworden. Selbst das friedliche Angeln ist nur noch an wenigen Stellen erlaubt. Den Rest in den Restwäldern erledigen die Profis und sie treffen nicht mehr auf berühmte Wilderer wie Hermann Klostermann, der im 19. Jahrhundert das Sauerland-Wild als Guerilla-Jäger unsicher gemacht hat.

Eigene Sprache – Jägerlatein und Fachchinesisch

Der Heilige Hubertus hat der Legende nach vom wilden Jagen abgelassen, um sich nur noch der waidgerechten Jagd zu widmen. Christlichen Jägern gilt die Hubertuslegende demnach als Vorbild der Mäßigung und zum Ansporn, gemäß der waidmännischen Losung „…den Schöpfer im Geschöpfe ehren.“  Von ihm stammt allerdings nicht das Jägerlatein, das dem Seemannsgarn und dem Anglerlatein ähnlich ist, Sprachen denen eins gemeinsam ist: die Übertreibung. Und wie in jedem Fachgebiet, brachte auch die Jagd eigene Wortschätze hervor, die dem Laien als sehr fremd erscheinen. Es ist die Zunftsprache der Berufsjäger. Wer weiß schon, dass das „Blasen“ der Warnruf der Leitbache ist?

Virtueller Ersatz

Jagen und Sammeln, Grundvoraussetzungen für das Mannsein, auch heute noch, sind nicht zu ersetzen, auch wenn heute das Jagen auch den Frauen obliegt, sei es nach Schnäppchen oder Rekorden. Mangels Gelegenheit, mit einer echten Knarre zu hantieren, gibt es Spiele, die ohne Jagd kaum Verbreitung finden würden. Da hat das Internet die weite Flur und die Savanne ersetzt.  Jagdspiele im wetterfreien Terrain am heimischen Rechner ersetzen hier das Halali auf freier Flur. Nur hier kann man auch Insekten jagen (insect hunter). 

Trophäen- und Beerensammler

Was ist die Trophäe wie z.B. ein Zwölfender gegen ein Eimerchen mit frischen Waldbeeren oder eine Punktzahl auf der Playstation? Haptischer Triumph! Wie kann der gestandene Mann heutzutage seine Abenteuer- und Nahrungsbeschaffungstaten deutlich machen? Im Stadtwald? Also braucht er Ersatz. Er geht in Baumärkte und versucht, dort Beute zu machen, um später dann der ehelichen und anderen Gemeinschaften die selbstgebaute Sauna vorzuführen oder die errichtete Mauer, die ihn von wilden Wildschweinen schützt. Sich nur mit dem läppischen Sammeln zu begnügen, ist was für Weicheier, obwohl man sich durchaus im Brombeerstrauch verheddern kann, was den Vorteil hätte, seine blutigen Hände zu Hause vorzuführen zu können und somit in den Genuss des Mitleides käme, den die als KFZ-Mechanikerin arbeitende Gattin sich vorzutäuschen bemüht.  

Vegetarier und Veganer – jagdfreie Biografien

Für den Vegetarier und die Veganerin sind die Jagdwelten völlig fremde und sicher auch verabscheuungswürdige Welten. Sie sind von vorneherein aufs Sammeln festgelegt, es sei denn, es gäbe Gemüsesorten, auf die es sich lohnte, Jagd zu machen. Die wilde Erdbeere aber ist in Wirklichkeit ein regungsloses Ziel für Sammler und Pflücker. Sind diese modernen Zeitgenossen also grundsätzlich friedlicher? Ich glaube, das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Pol Pot, Charles Manson und gar Hitler waren – so sagt man – allesamt Vegetarier wie Albert Einstein. Sicher gibt es auch vegetarisch lebende Jäger wie es vielleicht veganische Unheilsbringer gibt.

Honecker und Ceausescu

Früher war die Jagd in großem Stil den Staatsmännern vorbehalten. Da hat man zum Beispiel für die Herren Honecker und Ceausescu als Hilfssheriff mit geschossen und bereits vorher Erlegtes erlesen nebeneinander aufgereiht, um zu demonstrieren, welch tolle und zielsicheren Haie die Volksführer waren. Man kann sich nicht vorstellen, dass sich heutzutage Frau Merkel und Herr Sarkozy in Tarngrün in einen Ansitzsack setzen und das Halali ausstoßen. Im Falle Putins allerdings gehört die Jagdtrophäe nach wie vor zum guten Ton im Bild. 

Die Meisterschaften im Hirschruf – ein gepflegtes Ereignis ohne Olympiaticket

Und zum Schluss dieses heiklen Themas etwas, was modernen Event und altmodische Anmutung zusammenbringt: die Messe. Die Westfalenhalle wurde am 2. Februar 1952 durch Bundespräsident Theodor Heuss eröffnet. Rund 70 Sport-  und Entertainment-Veranstaltungen finden pro Jahr hier statt, auch o.g. „Jagd und Hund“. Ein Highlight ist dort inzwischen sicher die deutsche Meisterschaft im Hirschrufen. Zwischen Ansitzstühlen, Fallen und Fellen, Hegewerkzeugen, Jägerpfeifen, Rucksäcken, Wildwannen und Trachtenjacken wird in Halle IV unspektakulär der Wettbewerb über die Bühne gebracht, mit anschließender weltweiter Verbreitung in den Medien. So viele Kameras sieht man sonst nur bei Filmfestspielen. Der diesjährige Sieger heißt Tasso Wolzenburg aus Bad Laasphe in NRW. Er hat bewiesen, „dass er klingen kann wie ein junger Beihirsch am Rande des Brunftplatzes – aber auch wie ein kapitaler Geweihträger nach Sieg im Duell.“

 

Mi, 08.02.2012 1

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Kommentare

Jagen oder sammeln, virtuell oder blutig

DANKE dman ! Sehr schöner Text ! Habe schon schön verlinkt! Bis bald - Atze Entlau

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03.03.2010

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