
Fener und Balat - Zerstörung ohne Kompromisse
- Serie: Ökonomie
Auf der einen Seite wird in Istanbul für viele Millionen Euro die eigene Geschichte restauriert, auf der anderen Seite wird Geschichte der Stadt systematisch zerstört. Mit gezielten Erneuerungsmaßnahmen werden problematische Stadtviertel zerstört und die Anwohner an den Stadtrand getrieben. So in Fener und Balat.
Das griechische Fener
Fener ist der historische griechische Ort, dessen Anwohner zu früheren Zeiten bedeutende Kaufleute waren, die den Balkanhandel kontrollierten. Wichtige Architekten errichteten Repräsentationsbauten und waren als Diplomaten und Übersetzer am Hofe tätig. Seit 1602 residierte in Fener das spirituelle orthodoxe Oberhaupt.
Heute werden byzantinische Bauten an der Stadtmauer restauriert - Straßenzüge und Wohnhäuser in Fener aber verkommen. Es ist ein traditioneller Stadtteil, der von ärmeren Menschen bewohnt wird. Es gibt kleine Läden, ein beschauliches Leben.
Soziale Spannungen in Balat
Balat war in früheren Zeiten das jüdische Quartier. Ab dem 15. Jahrhundert ließen sich hier vor allem spanische Emigranten nieder. In Balat steht die älteste Synagoge der Stadt, die Wohnhäuser haben einen ganz eigenen, typischen Stil.
Noch stehen Häuser mit den markanten Erkern, an einigen Wänden kann man noch den Davidstern erkennen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wanderten die meisten Anwohner nach Israel aus.
Beide Orte sind heute stark vernachlässigt. Vor allem in Balat leben seit längerer Zeit kurdisch-armenische Anwohner, die aus den ärmsten Regionen der Türkei hierher kamen. Das Leben ist gekennzeichnet durch Arbeitslosigkeit und Armut.
Das Verhältnis zur Gemeinderegierung Fatih ist spannungsgeladen. Aus Protest gegen die Behandlung werden die Kinder nicht in die Schulen geschickt - eine Antwort der Integrationsverweigerung. Die Folge ist städtischer und sozialer Niedergang in den historischen Orten.
Verlust des Weltkulturerbes?
Durch Abriss und Neubebauung will die Gemeinde Fatih beide Quartiere für finanzstärkere Anwohner attraktiv gestalten. Hunderte Häuser sind schon verschwunden. Geplant ist der Bau von Luxuswohnungen, Einkaufszentren und Boutique-Hotels. Zwar können die Eigentümer ihren Besitz billig an die Gemeinde verkaufen, weigern sie sich, droht ihnen Enteignung.
Mit dieser Politik werden auch Maßnahmen der UNESCO sabotiert, die die historischen Kerne retten will. Statt fachkundiger Architekten und Denkmalpfleger werden Bauunternehmen zur Bewertung des Bestandes berufen - die die eigene Geschichte ökonomischen Interessen unterordnen. Die Gräben sind tief.
Angesichts der Menge zerstörter Geschichte und angesichts der Vertreibung ethnischer Minderheiten droht Istanbul gar auf der 'Roten Liste' zu landen. Die UNESCO will die Stadt aus der Weltkulturerbe-Liste streichen. Lediglich eine Bürgerinitiative aber setzt sich für den Erhalt der Quartiere ein. Es fehlt das öffentliche Bewusstsein, was wirklich verloren geht, wenn diese radikale Politik weitergeführt wird.
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