Irgendwas mit Ruhrpott. Die Anthologie: "Europa erlesen. Ruhrgebiet."
- Serie: Bildung
Den meisten Anthologien, die versuchen die blühende Literaturgeschichte des Ruhrgebiets zu belegen, gelingt eher Gegenteiliges. Wo andere Regionen wie Weimar oder Berlin mit einem gewaltigen Who is Who deutscher Dichtergenies aufwarten, gibt’s bei uns zumeist eher ein großes "Who the Fuck?". Wer verdammt ist Otto Julius Quehl oder Mohammed Mhaimah oder Victor Kalinowski? Mir und Wikipedia zumindest sind diese und viele andere Autoren, die es in den neuen Band "Europa erlesen" Ruhrgebiet von Thomas Ernst und Florian Neuner geschafft haben, völlig unbekannt.
Die Ruhr als Randnotiz
Beschreibungen von Industrieloch bis Garten Eden
Viele Texte dieser Anthologie glänzen daher mit Mittelmäßig- bzw. Schrottigkeit, was man den Herausgebern kaum zum Vorwurf machen kann. Dutzendfach liest man, wie trist und schmutzig und grausam alles ist. „Fährt man von Duisburg über Oberhausen nach Gelsenkirchen: wie eine Kriegslandschaft sieht es aus.“, schreibt etwa Altmeister Reger, Hans Siemsen „mag Industriestädte nicht leiden. Sie beweisen wie hässlich die Arbeit ist.“ und Peter Köhler befindet zu Recklinghausen: „da sitzt die ganze Bevölkerung im Knast.“
Durch tiefere Grabungen gelangt man allerdings auch an Texte aus vorindustriellen Tagen, in denen eifrige Wanderer die Fülle der Täler besingen. Der aus gutem Grund weitestgehend vergessene, auf romantischen Spuren wandelnde Dichter Johann Heinrich Christian Nonne liefert mit seinem Gedicht „Wanderungen durch Duisburgs Fluren“ für mich gleich den größten Lacher des Bandes. „So malt nicht Raphaels, / nicht Rubens Zauberpinsel, nein, so schön / malt nur die nie ermüdende Natur.“ Soviel schwülstig schmeichelhafte Emphase hat unser schönes Duisburg wohl lange nicht mehr zu Gehör bekommen. Insgesamt merkt man aber schnell: Ein Ruhrgebiet ohne Industrie könnte auch irgendeine andere Region sein. Da fehlt einfach was.
Grobe Männer und zarte Verse
Entsprechend halte ich persönlich gerade die Texte der Malocherliteratur für die relevantesten, da auch einzigartigsten unseres kleinen Kanons. Mich rührt es an, wenn hart arbeitende Männer wie Heinrich Kämpchen zur Feder greifen und kleine Gedichte schreiben: „Das bist du, bist du, Poesie, / Du heilige, du gottverklärte; / Die auch dem ärmsten Manne nie / Den Becher ihrer Gunst verwehrte.“ Grobe Männer, die zarte Verse schreiben: das findet man wohl nirgendwo in einer solchen Fülle wie bei uns und das verrät wohl auch einiges über die Seele des Ruhrpotts.
Wo ist der Grönemeyer?
Auch unter den jüngeren Texten dieser Sammlung gibt es ein paar die mir gefallen, weil sie es verstehen, die Einzigartigkeit der Region ästhetisch zu nutzen: wie das Gedicht „Pommesfrau“ von Ilse Kibgis oder Eva Kurowskis originell verfasster Text: „Ich als Kawenzmann“. Woran es mir an diesem Machwerk letztendlich mangelt, ist daher nicht literarischer Qualität, sondern Konzept. Nach welchen Kriterien sind die Texte ausgewählt worden? Das habe ich auch nach aufmerksamer Lektüre des Nachwortes nicht verstanden. Sollte der bisherige Kanon um unbekannte Texte ergänzt werden? Wozu dann Böll und Reger oder gar das Steigerlied? Oder sollte etwa ein repräsentativer Überblick über die Vielfalt der Ruhrgebietsliteratur vermittelt werden? Wieso fehlen dann Grönemeyer oder Knebel oder Wallraff? Wo sind Elke Heidenreich und Helge Schneider, die wirklich einflussreiche und populäre Texte für das Ruhrgebiet geschaffen haben? Für mich persönlich ist die Tatsache, dass Ralf Rothmann in dem Band keine Erwähnung findet, besonders ärgerlich. Meiner Meinung nach hat dieser mit seiner im Ruhrgebiet angesiedelten Romantetralogie den eindruckvollsten Beleg dafür geliefert, welche ästhetischen Potentiale hier schlummern, die literarisch nutzbar gemacht werden können.
Fazit: Gar nicht so erlesen lesen
Natürlich sind solche Auswahlen immer streitbar und leicht anzugreifen. Dass es aber durchaus qualitative Unterschiede gibt, zeigen beispielsweise Bände wie Wandel vor Ort oder Heimspiele und Stippvisiten von Dirk Hallenberger, der repräsentative, teilweise auch exotische Texte zu einen Thema (Strukturwandel) bzw. eines Genres (Reportagen) sammelt und so einen umfassenden Überblick gewährt. Die Anthologie von Ernst und Neuner wirkt nicht erlesen, sondern wie zusammengegooglet. Nach dem Motto: „Irgendwas mit Ruhrpott“. Dazu kommt, dass die Texte nicht kommentiert und zumeist nicht mal mit einem Erscheinungsdatum versehen werden. So muss der geneigte Leser selber wissen bzw. recherchieren, wann und wie die Texte entstanden sind, da sich auch im Quellenverzeichnis zumeist nur Sammelbände oder Werkausgaben finden lassen. Was bleibt ist ein rosagoldenes Geschenkbüchlein für jedermann und niemand. Irgendwas mit Ruhrpott, das wohl niemanden wirklich überzeugen kann.
Fotos Industriekultur: aspooner
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Vielen Dank für die Rezension! Das klingt ja wirklich ganz schön zusammen gewürfelt. Hoffentlich lesen diese Kritik auch Nicht-Ruhrgesteine, damit sie nach dem fatalen Konsum dieses Buches keinen falschen Eindruck vom Pott bekommen.