
INTERVIEW mit PHILLIP BOA, Teil 2: "Die Zerstörung der Albumkultur ist der Tod der Musik"
- Serie: Ruhr Music
Phillip Boa hat es über Jahre gekonnt vermieden, prominent zu werden. Da fällt einem als Musik-Freund direkt ein Stein vom Herzen, denn Boa bleibt unabhängig in seinem Schaffen und das tut seiner Musik einfach gut. In der Konsequenz bedeutet das allerdings heute mehr als gestern, dass sich Vermarktung und Verwirklichung als Künstler in die Quere kommen können. Warum das so, das Internet aber trotzdem ne Wucht ist, verrät Boa im Interview mit Jan Wilms. Wer sich davon überzeugen will, dass er und der Voodooclub nichts an Live-Qualität eingebüßt haben, besucht das Heimspiel Ende April in Dortmund und geht zum glänzend besetzten Rock in den Ruinen.
Du hast seit 2006 vier LPs aus den Jahren 1988 bis 1993 wiederveröffentlicht. Live spielt Ihr die Alben Stück für Stück nach. Was hältst Du von der Option, die Songs im Online-Store häppchenweise zu laden?
Die Zerstörung dieser Albumkultur ist der Tod der Musik. Wir wollten verhindern, dass unsere Alben als Einzeltracks heruntergeladen werden können. Denn die Leute zappen und hören sehr oberflächlich, dann bestellen sie zwei Songs vom Album. Einem Interpreten, der sich mit einem Album und dessen Kohärenz jahrelang beschäftigt, tut das Unrecht. Musik muss sich entfalten können, man kann außerdem nicht von einer Single leben.
Pink Floyd haben ihrer Plattenfirma gerichtlich verboten, ihre Alben trackweise zu verkaufen. Dann hat das Label alle Alben aus iTunes entfernt ...
... selbst Oasis haben sich eine Zeit lang gegen die Industrie durchsetzen können, mittlerweile müssen sie ihre Alben auch songweise anbieten. Wir haben das auch nicht geschafft.
Wie lange gibst Du der Kunstform Album noch?
Muss man gute Dinge totsagen, weil Menschen in der Industrie nicht zu Ende denken?
Mit dem Laptop im Hinterhof produziert man selten gute Alben. Alle genialen Alben in der Rockgeschichte sind entstanden, weil sich die Künstler zusammenhorten und für Monate rumhängen. Nur diese Atmosphäre sorgt für ein verflochtenes Hörerlebnis, das sich für 50 Minuten genießen lässt.
Du warst allerdings schon früh online aktiv. Wie groß ist die Bedeutung des Internets für Boa 2011?
Groß, das ist ein Teil von uns allen, der nicht wieder verschwinden wird. Mann kann die Leute schnell erreichen – und von Zusatzkonzerten bis zu politischen Meinungen schnell Informationen verbreiten.
Die aktuelle Voodooclub-Besetzung in Leipzig: Pia, Boa, Olli (o.v.l.), Toett, Maik T., Moses (u.v.l.)
Du hast früher die Auflage von Hitsingles künstlich limitiert und Auftritte im TV vermieden, um nicht zu prominent zu werden. Ist das der Grund für Deinen langen Atem als Künstler?
Diese Denkweise steckte immer dahinter. Ich hätte mehrfach die Gelegenheit gehabt, ins Fernsehen zu gehen oder Sponsoring und Werbung zu machen. Das wollte ich nicht, das wäre ein Ausverkauf meiner Ideologie: Meine Musik entsteht autark, dabei lasse ich mir von keiner kunstfernen Institution helfen. Das ist ein sehr konservativer Standpunkt aber ich stehe dazu. MTV würde ich vielleicht noch machen, aber die gibt’s ja auch nicht mehr.
Kennst Du denn Kollegen, die diesen Spagat schaffen?
In Deutschland machen das Tocotronic sehr clever. Im UK gibt es viele mehr, daran habe ich mich ja auch orientiert. In den USA gibt es Arcade Fire, die sich nicht für blöd verkaufen lassen. Die Idee dahinter: Die Musik steht für sich da und lässt sich nicht helfen, das war für mich immer das Wichtigste. Solange man noch in den Spiegel schauen kann, kann man ruhig weniger Platten verkaufen, so what.
Es wird ja viel mehr gute Musik veröffentlicht, als der Fan hören kann. Ist es heute, wo statt des Plattenhändlers des Vertrauens Blogs und Social Media eine Vorauswahl treffen, einfacher als vor 20 Jahren, den Überblick über interessante Popmusik zu behalten?
Ein guter Punkt, ich denke es ist einfacher, auch wenn ich die Plattenläden vermisse.
Myspace ist die beste Plattform, um neue Bands kennenzulernen. Facebook ist da ungeeigneter. Gefällt mir etwas, lade ich es legal herunter oder kaufe mir die CD.
Im Voodooclub spielst Du seit einigen Jahren wieder mit der Sängerin Pia Lund, die zwischen 1984 und 1997 das Originalgesicht der Band entscheidend prägte. Wann hast Du gemerkt, dass diese Besetzung das beste Vehikel für Deine Musik ist?
Privat ging lange Zeit gar nichts mehr zwischen uns außer Hass, da kann man auch keine Musik machen, das können nur Jagger und Richards. Wir mussten erst mal wieder vernünftig werden, in den letzten zwei Jahren haben wir dann wieder zu einer guten Form gefunden. Denn der Gegensatz zwischen uns ergänzt sich einfach wunderbar: Eine erzählerische Stimme und ihre Stimme, die hilft, Melodien zu transportieren. Eine Spannung, die nicht immer positiv ist, aber Aggression tut ja manchmal auch ganz gut.
Hattest Du jemals Angst davor, künstlerisch satt zu werden?
So haben wir nicht gedacht. Ich hatte nach jedem Album Angst, dass es vorbei sein kann, weil sich nichts mehr verkaufen könnte. Ich kann aber heute immer noch von der Musik leben, das ist unglaublich erstaunlich, auch weil es nie beabsichtigt war.
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war gut gewesen!
Komme gerade vom #Boa-Konzert in der #Bochumer #Zeche und habe den #Voodooclub noch nie so gut erlebt. Die Band hat jetzt bestuhlte Konzerthausreife. Sie spielt dicht, konzentriert, kompakt, muskulös; der ganze Abend ist ein klassischer Konzertabend, der die 80er (okay: die frühen 90er, die die 80er noch mit sich herumschleppten) aus heutiger Sicht inszeniert. Mit Hall & Echo, mit dem Instrumentenfuhrpark, mit der Haltung, ein Gesamtkunstwerk zu schaffen. Klar läuft das midtempo ab, so wie das damals eben war, und ich finde auch die heutigen Boa-Alben bedeutend schneller, eindeutiger, zeitgemäßer. Aber Stücke wie "Pfirsicheisen" live zu hören und überhaupt die Albumkultur zelebriert zu erleben, wie Boa das hier im Interview sagt, das war sehr beeindruckend. Und weil Keyboarder Toett mit seiner Sonnenbrille nun endgültig an sein optisches Vorbild Paul Kuhn andockt, kann der nächste Ruf nur lauten: Viva Las Vegas! Die Phase mit den Crooner-Nummern hat Boa mit "Mary Rose" ja nun eingeläutet. Jetzt fehlen noch ne mittlere Medikamentensucht und ein, zwei Brillis an jedem Finger. Klasse Abend.