
Interview mit Nato Thompson zu "Living as Form" - ein Buch über sozial engagierte Kunst
Aktivisten nutzen Kulturarbeit als Form des Widerstands
Im Jahr 2012 wird Living as a Form: Socially Engaged Art from 1991-2011 von Nato Thompson veröffentlicht. Das Werk stellt über 100 Projekte dar, die Kunst als Form des Widerstands einsetzen.
Living as Form entsprang einer Ausstellung von Creative Time in New York City. Georgia Kotretsos befragt Nato Thompson, der die Ausstellung organisiert und das Buch geschrieben hat.
Was hat in den vergangenen 20 Jahren zu den Projekten und Arbeiten geführt, die im Buch Living as Form: Socially Engaged Art from 1991 – 2011 diskutiert werden?

“[...] Widerstand gegen das Schaffen von Bedeutung in der Welt ist in Wirklichkeit ein Kampf mit dem Spektakel selbst", sagen Sie in Ihrer Lesung zu Living as Form. Könnten spektakuläre Widerstände also auch einen Einfluss auf soziopolitisch fortgeschrittenes Terrain haben [...]? Wann wird eine Gesellschaft taub gegenüber dem Sensationsgedanken des Widerstands und wie könnte man diesen Kampf neu erfinden?
Die Frage ist nicht nur, wann eine Gesellschaft taub wird, sondern auch, was man unter diesen Bedingungen tun kann. Die kumulativen Effekte eines Spektakels, d.h. das Leben in einem Zeitalter, in dem Kultur als Waffe gegen uns gerichtet wird, hat eine Art schizophrene Landschaft erschaffen, in der wir nichts und niemanden mehr trauen. Wir beobachten den Aufstieg paranoider Politiker wie z. B. bei der Tea Party und einer gesamten Welt, die nicht nur den Massenmedien vertraut, sondern gleichzeitig auch dem negativen Voyeurismus huldigt. Auf eine Art und Weise ist viel künstlerisches Tun, das in Politik gefangen ist, ein Versuch, politische Gesten in etwas zu verwandeln, das der Betrachter als legitim einstufen kann. "Keeping it real" ist nicht nur eine Phase, wie man sich verhalten soll, sondern auch eine Art und Weise mitzuteilen, dass die Welt so voll von falschen Dingen ist, dass man heute bereits experimentierfreudig sein muss, um die Dinge wieder real werden zu lassen.
Wo ist die konservative politische Kunst - um Paul Schmelzers Frage im Art21 Blog des Jahres 2009 zu wiederholen - neben der linken? [...] "Wie kann man die Bedingungen für Dialog schaffen, ohne die Argumentation von beiden oder mehreren Seiten darzustellen?"

Macht steht über den Paradigmen von rechts oder links. Kulturelle Erzeuger sind ein Teil der Welt, in der wir heute leben. Sie sind nicht nur Künstler. Und es sollte gesagt werden, dass kulturelle Produktion einfach eine Form ist, auf der Welt zu sein. Es ist nicht notwendigerweise ein Widerstand zu Herrschaft und Macht sondern eher eine Reflexion ihrer aktuellen Erscheinungsform. Wir müssen herausfinden, wie wir in dieser Landschaft agieren können, in der Kultur ein dynamisches Kapital darstellt, mit dem man Widerstand verändern kann. Das hat wirklich nichts mit rechts oder links zu tun.
Mein Telefon klingelt heute öfter und ich nehme es häufiger als früher zum Ohr, weil ich mich z. B. mit anderen Künstlern in Athen vernetzen möchte. Wir sind uns einig, wenn wir sagen, "wir sind keine Kunst-Aktivisten" - trotz unserer aktuellen politischen Überzeugungen und Standpunkte oder wie wir uns vielleicht entscheiden, an der Gesellschaft teilzunehmen, wenn es nicht um kreative Parameter geht - "Wir werden die Schlagzeilen nicht illustrieren." Mehr als je zuvor müssen wir die poetische Seite der Kunst auswerten - unsere Zeit reflektieren und keine opportunistischen Erwartungen dazu haben, was politische Kunstproduktion sein sollte. Das ist vielleicht die wichtigste Konversation, die heute zwischen zeitgenössischen Künstlern meiner Generation herrscht. Was schließen wir daraus?

Es ist angebracht, den Begriff "Kunst-Aktivisten" zu vermeiden, da wir uns mit der Tatsache auseinandersetzen müssen, dass sich die Herrschaftsmechanismen der Macht niemals mit derart antiquierten Begriffen greifen lassen. Das bringt es einfach nicht auf den Punkt. Kultur und Aktivismus müssen an diesem Punkt in dasselbe Konzept integriert werden. Man kann sie nicht trennen. [...] Das Symbolische auf dem Terrain des Schauspiels zu manipulieren, ist einfach ein Weg des Seins. Es dient dazu, sich der Macht zu widersetzen - es ist einfach praktisch.
Wie hat Occupy Wall Street die Kulturproduktion in den USA beeinflusst und wie könnte das in Zukunft aussehen?
Ich habe keine Ahnung. Ein interessanter Aspekt besteht darin, dass viele Personen, die an OWS beteiligt waren, aus dem Kunstbereich kommen und Organisationen leiteten. Kunst ist einfach eine Reihe von Fähigkeiten, die notwendig ist, um einer Macht, einer Herrschaft zu widerstehen. Die Kunstwelt, wie sie traditionell definiert wird, kann das nicht reflektieren, da die der traditionellen Künste zu Grunde liegende Infrastruktur ein eng begrenzter Nischenmarkt für Luxusgüter ist.
Das breitere Spektrum der Menschen, die eine gerechte Welt anstreben, wird unvermeidlich die historische Rolle und Realität beachten müssen, die OWS hervorgerufen oder eben nicht hervorgerufen hat. Vorläufig ist es großartig, dass es einen Funken Hoffnung zu geben scheint. Aber ein Umsturz des Kapitalismus ist natürlich ein langer, steiniger Weg. Das ist lediglich ein weiterer Aspekt der Geschichte.
Nato Thompson ist ein amerikanischer Kurator für öffentliche Kunst bei Creative Time in New York. Seit Januar 2007 hat Thompson mehrere Großprojekte, wie z.B. Democracy in America für Creative Time organisiert: The National Campaign (2008), Paul Chans Waiting for Godot in New Orleans (2007) und Mike Nelsons A Psychic Vacuum. Vor seiner Zeit bei Creative Time war Thompson als Kurator im MASS MoCA, wo er mehrere große Ausstellungen durchführte.
First published on art21
Teaserfoto: "Day 21 Occupy Wall Street October 6 2011" by Shankbone 16, flickr commons,
Kommentar hinzufügen
Ähnliche Beiträge
Thema
Stadt
Branche
Aktuelle Tweets



































