Beim ilb wird immer wieder deutlich, wie sich innerdeutsche Diskurse unterscheiden von dem, was sonst in der Welt passiert. Am klarsten wird dies, beobachtet man einerseits Meeses abermalige Proklamation einer „Diktatur der Kunst“ und andererseits, aus welcher Perspektive andere Kulturen in Berlin thematisiert werden.
Wenn Diskurse versagen, dann schlägt die Stunde der Aktion

Meese, wie er sich selbst sah © Hebbel am Ufer
Jonathan Meese kommt wie viele der auf dem Festival lesenden Gäste ursprünglich nicht aus Deutschland. Und im Gegensatz zu all diesen thematisiert er nicht Repressalien in seinem Herkunftsland (geb. und zeitweise aufgewachsen in Japan; d. Red.). Wo Künstler wie Liao Yiwu von der Pflicht der Exilanten reden, sich um die Verbliebenen zu kümmern und sich niemand auf dem Festival mit der Situation in Deutschland oder Europa beschäftigt (außer den Deutschen/Europäern selbst, aber nie intern kontrovers), da geht Meese mitten ins Geschehen. Und er kann ja auch nicht wirklich exotisch klingende Geschichten seines „ersten Lebens“ abliefern, die uns mitteilen dass es uns hier gut geht und andere Systeme viel brutaler sind etc. – aus seiner Biographie heraus nicht und als lokal engagierter Künstler auch nicht. Daher greift er zur Performance, zu einem simplen, aber damit deutlichen Kunstgriff. So kann er trotz all der Mediensprache, den Kunsttheoretikern und Feuilletonisten Aussagen treffen über sein Umfeld. Entsprechend könnte er fast eine Rammstein-mäßige Karriere hinlegen: Mit typisch deutschen Themen deftige Shows abliefern, internationale Beachtung finden und doch geistig nie so recht aus den hiesigen Grenzen heraustreten. Mit letzterem wäre er dann wieder typisch für die derzeitige Szenerie hierzulande, in großen Teilen der Kunst wie in der Popmusik. (Hier eine kurze britische Kritik zu Meese)

Durs Grünbein © FU Berlin
Meeses Kunst ist also in der Regel recht hermetisch, natürlich ohne elitär zu sein. Manchmal wirkt sie wie ein nur bedingt kaschierter Amoklauf und eine expressionistische „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“-Teufelsaustreibung zugleich, entflammt also Teile der Jugend in einer Art Äquivalent zum TechnoHop-Revival, das ja auch aus Hamburg kam. (Meese gucken ist ein wenig wie Frittenbude gucken.) Für das ilb 2012 hat er sich mit Durs Grünbein zusammen getan bzw. Grünbein hat ihn sich „gewünscht“. Beide haben eine „gegenseitige Pressekonferenz“ vereinbart, doch letztlich gibt der Autor eher die Stichworte und Meese webt dann eine Art freestyle rap daraus, bezieht das Publikum ein, distanziert sich dann doch, erzählt teils Luzides, teils Quatsch. Recht neue Varianten im aktuellen Manifest: Netzwerke sind Mist, sich von der Politik vereinnahmen lassen ist katastrophal, „geile Tiere“ haben ihrem Instinkt zu folgen, als „Diener der Kunst“ gehorcht man ihren Befehlen und ist dann natürlich auch der Beste, um Wagners „Parzival“ in Bayreuth gerecht zu werden. Design ist Mist. Gurus sind auch Mist, deshalb sollen doch bitte alle einfach im Sinne der Kunst agieren und Meese nicht auf einen Sockel hieven oder um Rat fragen. Ihm jubelt ja eh niemand zu, kokettiert er. Und verweist permanent darauf, wie unfassbar sich alle ins Kleinkarierteste „demokratisieren“, also vom „besten der schlechten Systeme“ vereinnahmen lassen, wo man doch „das beste der besten Systeme“ anstreben sollte, die Diktatur der Kunst eben.

"Les Mortels sont egaux" / public domain
Nimmt man das Ganze als Kabarett mit Message, das eher abschreckt, so lässt sich positiv festhalten: Nach zwei Stunden Meese will man definitiv keine Diktatur irgendeiner „Kunst“, aber eben auch nicht die starren Strukturen, wie sie das Leben weniger frei agierender Menschen bestimmen. Und weil „Kunst“ eh als eine Art Platzhalter fungiert in Meeses Rap, liegt genau in seinem Feilen an dieser Unschärfe, in seinem ständigen Ausschlussverfahren was Kunst eben nicht ist, letztlich ein Freiheitsgewinn. Nice. Zwei Tage später folgte dann noch ein weiteres Performance-Highlight mit Lokalkolorit: Frieder Butzmann. Insgesamt gewinnt das Festival natürlich durch solche Inszenierungen, die Konfrontation da ermöglichen, wo alle Begriffe längst besetzt und entwertet sind, wo sich die Wände der Gedankenknäste der Dichter und Denker aufeinander zu bewegen.
„Wer schreibt, der bleibt?“: Exilanten, Oppositionelle und europäische Binnensichten

Ngũgĩ wa Thiong'o © A1 Verlag
Man kennt das ja: Wallraff ist out, lokale Tragödien finden eh tagtäglich via Zeitung das Auge, und mit einem Buch in der Hand möchte man entweder gern „in andere Welten flüchten“ oder so etwas wie einen Ratgeber für den coolen und/oder pflichtbewussten Alltag erstehen. Die Zeiten, in denen wir gelesen haben, um etwas über den Alltag in anderen Ländern zu erfahren, scheinen vorbei. Immer mehr Bücher internationaler Autoren betonen (meist exemplarische) Einzelschicksale, die immer mit politischen Auseinandersetzungen zu tun haben. Nur finden diese grundsätzlich woanders statt, und dafür engagiert man sich von hier aus dann virtuell (als Bürger) oder konkret (z.B. als Auswärtiges Amt, NGO oder Verlag). Dem westlichen Zusammenspiel von Markt und Politik kommt diese Rollenzuschreibung zupass, nicht nur in der Literatur, auch in der Kunst und der Popmusik. Insofern mutet es merkwürdig an, dass das ilb in diesem Jahr das Thema „sichtbare und unsichtbare Gefängnisse“ herausstellt, aber aus seinem eigenen nicht recht hinaus kann. Wie bereits im letzten Jahr (Bericht hier) sind nämlich fast ausschließlich Exilanten und Dissidenten aus anderen Ländern zu Gast. Wenig werden innerdeutsche und europäische Konflikte thematisiert, dafür aber umso lieber auswärtige. So wird nach innen integriert und nach außen gepiesackt, so wirkt es insgesamt. Fast wie in der deutschen Wirtschaftspolitik.

Sabina Berman / creative commons
Gegen Ende des Festivals warten dennoch einige Ausnahmen: Ab dem 14. September liest und diskutiert tatsächlich eine Vielzahl Europäer drei Tage lang unter dem etwas bräsigen Titel „Literarischer Rettungsschirm für Europa“ über das, was ihnen unter den Nägeln brennt. Hier klappt es dann mit der vielfältigen Binnensicht auf Europa und sogar darüber hinaus, wenn es u.a. heißt "Europe – A view from outside". Und global betrachtet? Die „Geschichten vom Clash der Kulturen“ mit Autoren wie Kiran Nagarkar, Kyung-Sook Shin und Ngũgĩ wa Thiong'o folgen zwar leider noch stark oben genanntem Schema. Und die Veranstaltung zum Leben der heutigen Aborigines fällt leider aus. Bleibt die „Lange Nacht der Maori-Kultur“ und wenige Ausnahmedarbietungen wie die von Sayed Kashua. In diesen Stunden wird das Fremde ein wenig vertraut gemacht, es werden andere Perspektiven auf die Welt gezeigt, Alltagsroutinen treten ein wenig in den Hintergrund. Ähnliches geschieht mit anderem Akzent bei Sabina Bermans Erzählung von den Lebenswegen einer autistischen Frau. Und damit ist man wieder am Anfang, als Robert Anton Wilson zu lesen begann, und schließlich raus aus all diesen sichtbar gemachten unsichtbaren Gefängnissen. Bestenfalls mit neuen Fluchtwegen.
Service / Empfehlungen:
12. internationales literatur festival berlin (bis 16.09.2012)
Robert Anton Wilsons „Dreigroschenoper“ (bis 15.09.2012 im Berliner Ensemble)
Ngũgĩ wa Thiong'o: "Herr der Krähen"
Sabina Berman: "Die Frau, die ins Innerste der Welt tauchte"
Sayed Kashua: "Zweite Person Singular"
Vladimir Sorokin: "Der Schneesturm"
Georgi Gospodinov: "The Physics of Sorrow" (Leseprobe)