
Institute of Sound and Vision in Hilversum
Eine Architektur-Reportage über Hollands gläsernes Bewegtbildarchiv
Der Bilderflut Herr werden – nicht die wichtigste, aber eine der großen Aufgaben der Gegenwart. Die Holländer haben sich als führende Architektur-Nation für ihr Bewegtbildarchiv etwas Besonderes einfallen lassen.

„Beeld en Geluid“
Jedes Land hat sein eigenes audiovisuelles Gedächtnis an aufgezeichneten Bewegtbildern und seit 1977 gibt es den Verband IFTA/FIAT, welcher die internationale Vernetzung der nationalen Archive fördert.
Das niederländische Archiv ist das „Beeld en Geluid“, das Dutch Institute of Sound and Vision in der Medienstadt Hilversum.
Ein verglaster Kubus in Farbe, der in 5 unterirdischen Stockwerken das holländische Videoarchiv beherbergt und überirdisch in der „Beeld en Geluid Experience“ große Teile dieses Archivs für Jung und Alt interaktiv und äußerst unterhaltsam zugänglich macht.
„Hilversum“
Hilversum, 30 km südöstlich von Amsterdam gelegen, ist DIE Medienstadt in Holland. Hier im Media Park sitzt das holländische Nationalfernsehen, hier sitzen private Studios, TV-Dienstleister und RTL. Und – man kann ihn nicht übersehen – hier steht ein bunter Würfel direkt an der Einfahrt zum Mediapark. Entworfen haben ihn Neutelings Riedijk Architecten.
Über einem 18 Meter tiefen Kellerarchiv scheint ein quadratischer Farb-Körper aus Relief-Glas zu schweben.
Studio Jaap Drupsteen hat die Glasfassade designed. Sie besteht aus verfremdeten Standbildern aus der Holländischen TV-Geschichte.
“Videokathedrale”
Diese Bilder verleihen dem Gebäude eine lebendige Leichtigkeit.
Im Dunkeln strahlt das Licht durch das bunte Glas nach Außen und tagsüber flutet das Tageslicht bunt ins Innere.
“In diesem Gebäude zu arbeiten, fühlt sich manchmal an, als arbeite man in einer Kathedrale”
(Beeld en Geluid Mitarbeiterin Antal van Elsen)

„Holland ist das Hollywood der Architektur“
Es gibt kaum ein anderes Land in dem neben der Medienkultur auch die Design- und Architektur-Kultur so präsent ist. Holländische Architekten spielen weltweit eine führende Rolle und Architektenanwärter kommen aus der ganzen Welt, um an niederländischen Hochschulen in Rotterdam oder Delft zu studieren.

Wieso ist das so? Sind die Rems die neuen Rembrandts?
Fakt ist, dass die Niederlande eine geografische Besonderheiten aufweisen. Das Land wird von Natur aus kleiner und mußte sich seit jeher gegen das Meer wehren. Heute hat Holland mit seinen 17 Mio Einwohnern eine größere Bevölkerungsdichte als z.B. Japan.
„Holland bleibt gar nichts anderes übrig als sich innovative Lösungen für den urbanen Raum einfallen zu lassen.“ (Rem Koolhaas)

„Sound and Vision“
In Hilversum beherbergt eine signifikante Architektur das audiovisuelle Erbgut der Niederlande, welches hier konserviert und restauriert wird.
Betritt man das Gebäude als Gast hat man nach unten den Blick auf die 5 unterirdischen Etagen der Archive. Den Tribünen eines Kolosseums nicht unähnlich, liegen die Archivetagen treppenförmig und rot beleuchtet den Besuchern zu Füßen.
Diese sind öffentlich nicht zugänglich, hier laufen die digitalen Datenströme auf. iMMix nennt sich das Multimedia Katagolisierungssystem, welches das Material kommerziell nutzbar macht.
Von 750 000 Stunden Videomaterial ist hier die Rede.
„Big Brother is guiding you“
Im oberirdischen Bereich hat man die Möglichkeit, Teile dieses Materials in der „Beeld en Geluid Experience“ zu erleben.

Und die Experience hört nicht in den Räumen in Hilversum auf.

Sicher nicht für jeden eine komplett positive Erfahrung. Schließlich ist auch das TV-Format “Big Brother” eine holländische Erfindung (Endemol, ebenfalls mit Sitz in Hilversum).
Diese Präsentationsform ist aber zeitgemässer Ausdruck der Veränderung der Medien. War der Zuschauer früher lediglich Empfänger des TV-Programms, so ist er heute aktiver Teil des Ganzen mit allen positiven wie negativen Auswüchsen (siehe Reality-Shows und Internet).
“The Sound and Vision Experience is all about television, film, radio and music - its history, its meaning, its creativity, its pitfalls, its bearing on our world as we know it. It is a far cry from the conventions of film- and television museums and theme parks all over the world.”
Nicht die typischen Museumsbesucher
Ein paar Zahlen:

“Creating a unique experience for every individual while providing a sensory environment to share with many, the Experience provides a full day of joy and entertainment, while adding meaning and insight to every guest’s appreciation of media imagery.”
Eintritt 14,-- €, der Ring bietet einen virtuellen Führer in Englisch, die Experience selbst ist allerdings fast komplett in holländischer Sprache, die Architektur ist international!

"I will sit right down, waiting for the gift of sound and vision
And I will sing, waiting for the gift of sound and vision
Drifting into my solitude, over my head
Don't you wonder sometimes
'Bout sound and vision" (David Bowie - "Sound and Vision")
Weitersehen: Ein Film der Manchester School of Architecture über das Beeld en Geluid
Weitersehen: Ein Blick hinter die Produktionsprozesse bei Neutelings Riedijk Architecten
Weitersehen: Der Youtube Channel vom Beeld en Geluid
Fotos: Jörg Stiepermann / Beeld en geluid
Weitere Architektur-Reportagen 2011:
Museum aan de Stroom in Antwerpen
Thyssenkrupp Quartier in Essen
Erasmus Brücke und Kop van Zuid in Rotterdam
UNICBLUE Kommunikationsagentur in Gelsenkirchen
...
Der Autor wünscht allen einen guten Rutsch ins Jahr 2012
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