
Innovationsökologie Europa?
"Kultur gegen Ökonomie" war gestern, heute sind Austauschkreisläufe gefragt
- Serie: Innovation
Die Pläne der EU Kommissionen waren schon einmal euphorischer: Kreativwirtschaft galt klar und eindeutig als Wachstumsmarkt und zu förderndes Handlungsfeld. Erkennbar wurde dies in zahlreichen INTERREG-, Forschungs- und Vernetzungsprogrammen der EU Kommission.

Gefragt: die ganzheitliche Perspektive
Im Sinne unseres Arguments für die Relevanz von urbanen Innovationsökologien führt eine solche Kritik nicht weiter: Sie verharrt in Abgrenzungen und Separierung zwischen den kulturellen Feldern, statt die positiven Wirkungen von Vernetzung zu erkennen. Es muss um eine ganzheitliche Perspektive gehen, die in der Lage ist, etablierte „Hochkultur“, künstlerischen Underground, produktorientierte Kulturökonomien im Sinne ihrer gemeinsamen Bedeutung für eine zukunftsorientierte urbane Entwicklung in den Blick zu nehmen.
Unter dem Deckmantel dieses alten Widerstreits zwischen Kultur und Ökonomie hat sich innerhalb der Kommissionen allerdings das Verständnis neuer interdependenter Funktionslogiken aktueller wirtschaftlicher wie kultureller Praktiken in den letzten Monaten und Jahren aktualisiert. Auf der mit Spannung erwarteten Tagung der „European Creative Industries Alliance“ in Mailand wurde dies zaghaft erkennbar. Wenn man sich guten Mutes auf die Suche innerhalb aktueller programmatischer Kommissionspapiere macht, so stößt man auf eine Flut an Begriffen, die im Kern zeitgemäße Formen der Kollaboration und Vernetzung unterschiedlicher Sphären erfreulich oft addressieren: favourable business environments, cross-sectorial approaches, co-location patterns, European creative districts, design days, open days, smart specialisation strategies (S3), open innovation, web entrepreneurs, accelerators, start-up partnerships, coalition of action usw.
Südeuropa: So geht es eben nicht
Die Erklärung, warum hier zumindest auf sprachlicher und konzeptioneller Ebene ein Neuanfang gemacht wird und auf breiter Basis eine neue Kultur der Kreativwirtschaft angelegt wird, liegt auf der Hand: Die extreme Krise gerade in den südeuropäischen Ländern zeigt, dass die bisher angewandte Praxis der Regionalpolitik und der Wirtschaftsförderung nicht in der Lage war, die gerade virulenten Krisen zu korrigieren oder gar aufzufangen. Blickt man auf die immensen Summen, mit denen aktuell an den Rändern des europäischen Projekts Strukturwandel gefördert werden sollte, so wird klar, dass es mit den bisherigen Konzepten nicht mehr weiter gehen kann.

Die Krise bringt es somit mit sich, dass alternative Praktiken des Wirtschaftens schneller Gehör finden: Im Vordergrund stehen dabei Fragen der Nachhaltigkeit von Unternehmensgründungen, Stabilisierung des Wissenstransfers und lokale und regionale Partnerschaften die in der Lage sind, auf spezifisch lokale Probleme mit intelligenten und zugleich spezialisierten Lösungsstrategien einzugehen (siehe S3). Würde man die aufgelisteten Begriffe in Konzepte offener multi-stakeholder Netzwerke mit konkretem Ortsbezug überführen und würde man des Weiteren die Bedeutung digital-analogen Schnittstellen für Wissenstransfer weiter stärken, dann wäre man sehr nah an der von uns vorgeschlagenen Idee der Innovationsökologien: der Schaffung von durchlässigen Stoffwechselsystemen. Diese haben die besondere Gestalt, dass schöpferisch-kreative und innovative Prozesse und Praktiken immer als Austauschkreisläufe zwischen Politik, Kultur, Gesellschaft an eben konkreten Räumen stattfinden.
Der NRW-Weg: Vernetzung niedrigschwelliger Mikrocluster
NRW macht es positiv vor: Das Bundesland, das seit den 1990er Jahren die Wiege des Konzepts Kultur- und Kreativwirtschaft im Bund ist, denkt weiter und öffnet sich für die Potentialität kreativer Praxis als einem Motor für breite gesellschaftliche Innovation. Diese ist ortsspezifisch, sozial und vernetzt niedrigschwellige Mikrocluster, die darauf warten, nicht nur im exklusiven Fokus der Kreativwirtschaft zu stehen, sondern im Zentrum zukünftigen Wirtschaftens Anerkennung zu finden. Während jetzt eine junge Generation von Machern dieses in NRW betreibt, gießt die Kommissionen diese Praxis in einen europäischen Rahmen für die Förderperiode 2014-2020.
Stellt sich nur die Frage, wann die Landespolitik den Ball aufnimmt, couragiert zugreift und sich durch Engagement in Szene setzt. Die Kreativszene ist da weiter. Vergessen wir nicht, dass in Brüssel nicht gerade wenig Euros vergeben werden, die auch in NRW gebraucht werden könnten.
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