Im Wald aus Zeichen - Drei Ausstellungen auf einen Schlag im HMKV Dortmund

Von schönen Verschwörungen und der Frage nach dem Warum des Internets

Alles hängt mit allem zusammen. Unsere Ansichten und Vorstellungen sind nur eine Frage der Ordnung und Information der uns kontrollierenden Systeme. Es könnte nicht nur, es IST alles anders, als wir denken. Verschwörungstheorien und Weltraumfahrt, Kapitalismus und Kybernetik, Krieg und Google, Protest, Kontrolle, Geschichte und finalmente: Die Kunst: All das zu einem Supersystem zu verknüpfen, bemühen sich gleich drei Ausstellungen des HMKV in Dortmund.

Jede einzelne ist geeignet für einen milden Anfall von Überforderung zu sorgen: Hunderte Namen, Assoziationen, die Verknüpfung von historischen Ereignissen sowie künstlerischem, wissenschaftlichen und philosophischen Output der letzten 60 Jahre führen zum ganz großen Fragezeichen: Kann das sein?

Der HMKV jedenfalls setzt mit diesen Ausstellungen in der deutschen Kunstlandschaft ein weiteres mal mutig weniger sinnliche Medien-Kunst in Szene, die durch ihre politische, sehr gegenwärtige und komplexe Form besticht. Nicht gerade sexy, aber sauklug - und dadurch irgendwie doch sexy.


Kakophonie des Protests
Von Hinten: Über die dritte Ausstellung reicht es zu sagen: Ein Raum voller Bildschirme mit Filmen von

Protesten aus aller Welt, die sich gegenseitig übertönen. Der umstrittene polnische Künstler Artur Zmijewski hat auch die gerade eröffnete Berlin Biennale als Kurator bestückt. Seine Ausstellung „Democracies“ wirkt als Annex zu den beiden anderen Ausstellungen - wenn auch als gelungener Annex. Interessant, aber es hätte nicht unbedingt auch noch gebraucht für das Statement.

 

Hexenprozesse
Hexen 2.0, das klingt zunächst wie ein interaktives Inquisitions-Programm, ist aber Suzanne Treisters künstlerische Aufarbeitung der „vernetzen Informationstechnologien“: Von der Kybernetik über das Arpanet zum Internet.

Die historischen Hexenprozesse waren eine wirre Form von Rechtsfindung via Hören-Sagen und Glauben, die Beweisführung eine Mischung aus Irrsinn und Zwickmühlen-Logik. Es ging um Kontrolle. So auch Heute: Das „Internet“ wurde einst aus dem Wunsch nach Kontrolle (und dem Versuch der Kontrollwahrung im Kriegsfall) geboren - ganz hat es diese Herkunft noch nicht abgelegt. So hat auch Google zu Beginn Finanzierung vom Militär erhalten - genug Stoff für tolle Verschwörungstheorien.

Die Macy Konferenzen der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts brachten, bezahlt von der US Regierung, allerlei Wissenschaftler, Künstler und Spinner zusammen, um sie nachdenken zu lassen, wie Systeme und Menschen kontrolliert werden könnten: Von der Flugbahn einer Atomrakete über menschliche Gedanken bis hin zur Zukunft selbst. Daraus erwuchs die Kybernetik und irgendwann das Internet und Google - ein Algorithmus, der unser "Wissen" mitregiert.

 

Die Dichte der Geschichte

Susanne Treister hat drei verschiedene Räume mit kleinen, aber unfassbar dichten, sich gegenseitig zitierenden und ständig kommunizierenden Werken geschaffen. Auf den ersten Blick Unzusammenhängendes entwickelt eine eigene Logik, ja Schönheit. Eine Art „Short History of Everything“: Historische, intellektuelle und wissenschaftliche Ereignisse werden dekonstruiert und künstlerisch wieder rekonstruiert, schließlich in einem Bild zusammengepresst. Treister spielt so die Möglichkeit durch, dass all das, Drogen, Internet, Forschung, Militär, Kunst, Kontrolle, der Unabomber, LSD usw. usf. ein „Ganzes“ ergeben, das nicht bloß aus Beliebigkeit und Zufall die Ursuppe des Netzes bildet, sondern System hat und somit auch steuerbar ist..

Komplex und unterhaltsam diese Ausstellung, wenn man sich ein wenig im US amerikanischer Geschichte und Kultur auskennt.Man kann sie auch wie einen Pynchon Roman einfach als Gegenwirklichkeit verstehen, mit innerer Logik, irgendwie verbunden mit der Welt, in der wir leben.

 

Mythenmüllabfuhr
Die zweite Ausstellung tritt zwar nicht direkt in Kontakt mit dem Treisterschen Hypersystem, aber widmet sich auch einem dynamischen Kosmos: Der Geschichte des Sozialismus über seine Technik. Francis Hunger sucht wie Treister die Widersprüche, Leerstellen und Muster im eigentlich unüberschaubar komplexen

Geschehen. Seine Installationen, Hörspiele und Performances sind nicht gar so brainy wie die Arbeiten von Treister, eher hintersinnig komisch als vieldeutig und hochkomplex. Aber auch er ist fasziniert von technischen Innovationen, anhand derer er nach eigener Aussage den „Mythen Schutt der Vergangenheit“ abräumen will, um wirklich neue Gesellschaftsideen zu verhandeln. Ein russischer Proto-Computer und das Sputnik Programm, beide Ausgangspunkt von Installationen und einem Hörspiel, sind für ihn Artefakte aus der „ideologischen Antike“ (Alexander Kluge).

 

Wanderlust und Auskunftsbüro
Eine Installation von Hunger basiert auf Filmen von Vertov, einem russischen Avantgardfilmer der 20er Jahre. Er zeigt in Kapitel unterteilt Ausschnitte, spiegelt die dort gezeigten Räume in an den Konstruktivismus erinnernden Formen. Die gesamte Ausstellung heißt in Anspielung an den Aufruhr nach einem Elviskonzert „History has left the building“. Es ist also vorbei, keine Zugabe mehr vom King oder der Geschichte. Nichts ist vorbei! „Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen.“ sagt Faulkner und Francis Hunger macht die Kunst dazu.

Er lässt in einer anderen, witzigen Installation drei Prototypen des modernen Menschen auf einer Wanderung u.a. durch das „Kapitalismus-Massiv“ und das "Stalin Gebirge" Abenteuer erleben: In einem Hörspiel, gefilmten Performances und einer Rauminstallation aus Radio und Antenne wird daraus ein kaum zu entschlüsselnder Kosmos aus Heute und Gestern. Wir hören einen „Nummernsender“, also eine dieser geheimnisvollen Stationen aus dem Kalten Krieg, die 24 Stunden Codes durchgaben - für was was auch immer.

„Hinein in einen Wald aus Zeichen Die Weichen sind gestellt. In einer Welt Deren Umriss uns gefällt“, sangen Tocotronic und das bleibt auch nach einem Rundgang dieser kuratorischen Großoffensive des HMKV alles, was man mit Sicherheit sagen kann. Also eine ganze Menge.

 

Teaser: Suzanne Treister, HEXEN 2.0 / Cybernetic Séance, 2009 © Suzanne Treister

Di, 24.04.2012 0

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25.03.2010

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