Koma, Slyte und Amok können stolz auf sich sein.

Ich sehe was, was du nicht siehst

Ein aussagekräftiges Ausstellungsprojekt mit Jugendlichen aus der Dortmunder Nordstadt

Man nehme einen städtischen Problembezirk, behaftet mit Vorurteilen, und gebe den dort lebenden Jugendlichen die Chance, mit etwas Kreativität den Ort, den sie als ihre Heimat bezeichnen, zu beschreiben. Mit ihren Augen sollen sie den Leuten zeigen, was sie selbst über das Leben in der Dortmunder Nordstadt denken und warum es sich lohnt, mit Vorurteilen aufzuräumen. Das Ergebnis ist eine noch bis 25. Mai laufende Ausstellung mit dem Namen „Ich sehe was, was du nicht siehst“, anzuschauen im Foyer des RWE Towers in Dortmund.

 

„Ich bin freiwillig in die Nordstadt gezogen, ich mag es hier“    

Als die freie Journalistin Barbara Underberg und Fotografin Iris Wolf beschlossen, ein gemeinsames Sozialprojekt ins Leben zu rufen, stand der Fokus schnell fest. Denn da sich beide bewusst für ein Leben im verrufenen Dortmunder Norden entschieden hatten, lag es ihnen am Herzen, mehr über die Jugendlichen aus diesem Bezirk zu erfahren.

Beinahe täglich gibt es Negativschlagzeilen über Kriminalität, Prostitution und krumme Geschäfte in der Nordstadt. Ein normales Leben unter diesen Gesichtspunkten - für Außenstehende kaum vorstellbar. Doch was sagen die jungen Nordstädter zu dieser Art von Presse? Was halten sie von ihrem Wohnort und was möchten sie der scheinbar „schöneren“ Welt da draußen sagen?

 

Das Projekt „Nordwerkstadt“ entstand   

Um die Aufmerksamkeit der Jugendlichen für ihr Vorhaben zu gewinnen, begaben sich Barbara Underberg und Iris Wolf in verschiedene Jugendeinrichtungen im Bezirk, um den jungen Damen und Herren ihre Ideen zu schildern. Schnell wuchs das Interesse an der kreativen Auseinandersetzung mit dem eigenen Wohnort und ebenso schnell entschieden sich die Jugendlichen, welche sich in Arbeitsgruppen zusammenschlossen, welche Art von Werk sie gemeinsam erschaffen wollen. Die einen malten Street-Art-Bilder mit Pinseln und Spraydosen; die Kinder und Jugendlichen, die im Wohnkoloss Hannibal an der Bornstraße wohnen, haben sich wiederum für eine multikulturelle Fotostrecke in Eigenregie entschieden.

 

„Wenn du die Gegend siehst, kannst du doch nur scheiße sagen“            

Bevor Gregg, der sich mittlerweile „Koma“ nennt, von Iris Wolf angesprochen wurde, befand er sich gerade mitten in einem Freestyle Rap auf dem Hof vor dem Jugendtreff Stollenpark. Als kreativer Hobby-Rapper und Songschreiber der Freundschaftscombo „Koma, Slyte und Amok“ hatten er und seine Kumpels zunächst kein Bock auf das Projekt. Der Anreiz war zu gering.

Als sie dann aber hörten, dass sie ganz eigene Rap-Passagen für den bereits existierenden Song „Nordstadt“ des Musikers Boris Gott schreiben dürfen und mit ihm zusammen für drei Songs insgesamt auf der Bühne stehen würden, änderte sich die Meinung der drei dann doch.

In regelmäßigen Treffen mit Boris Gott ging es für die Jungs dann ans Eingemachte.

Koma entpuppte sich recht früh als Naturtalent in punkto Songtexte und fand schnell die Worte, mit denen die Jungs ihr Empfinden über die Nordstadt zum Ausdruck bringen konnten.

 

Textauszug aus der Projekt-Version von „Nordstadt“:

„Wenn du die Gegend siehst, kannst du doch nur scheiße sagen.

Überall Nutten und Versager und Streifenwagen.                            

Trotzdem ist das mein Zuhause, mein Leben.      

Ich würd’ für diese Gegend alles geben.                

Hier leben Ärzte, Kiffer und Spritzer, Anwälte und Richter,        

Musiker und Dichter, Schwarze und Weiße,

Große und Kleine, Liebe und Schweine“

 

Etwas fürs Auge          

„Es ist nicht alles dreckig hier, auch wenn die meisten Leute das denken!“ sagt Serkan, der ebenfalls im Stollenpark auf das Projekt aufmerksam gemacht wurde. Er und die zweieiigen Zwillingsbrüder Amir und Samir haben sich deswegen überlegt, Style und Mode zurück ins Ghetto zu holen und ließen sich in edlem Zwirn vor grauen Häuserblocks und auf kaputten Sofas ablichten. „Das Sofa haben wir draußen gefunden und es einfach mit uns selbst aufgewertet“, erklärt Amir. Die Jungs haben die Sache mit Humor genommen und wissen, dass es eigentlich auch schöne Ecken gibt. Sie lassen sich nicht durch das, was andere über ihre Gegend sagen, einschüchtern. Ganz im Gegenteil. Sonnenbrillen auf und stolz drauf sein.

 

„Die Nordstadt hat ein riesiges Potenzial“                  

Während des Projekts bot sich den Jugendlichen die Chance, und das ohne jeglichen kriminellen Hintergrund, einen Ausflug zur Wache Nord machen zu dürfen. Viele der Jugendlichen können sich in der Tat vorstellen, später einmal bei der Polizei zu arbeiten. Der Besuch in der Wache wurde ebenso dokumentiert wie der Besuch beim Oberbürgermeister der Stadt Dortmund, Ulrich Sierau. Hier durften die Jugendlichen Fragen zur Nordstadt stellen. Die daraus entstandenen Zitate wurden anschließend gesammelt und sind in der Ausstellung an den Wänden zu lesen.

Als nach einigen Wochen des kreativen Schaffens eine beachtliche Sammlung an Kunstwerken zusammen getragen werden konnte, wollten Barbara Underberg und Iris Wolf die entstandenen Werke auch ausstellen und vortragen lassen. Auf die Ausstellungsanfrage beim RWE für dieses eher ungewöhnliche Projekt bekam man jedoch eine positive Resonanz. Das Foyer des RWE Towers in der Dortmunder Innenstadt stellt bereits regelmäßig Kunst auf höherem Niveau aus, war jedoch sofort bereit, den Jugendlichen und ihrer Kunst eine Chance zu geben. Und so kann man sich noch bis zum 25. Mai 2012 ein Bild über die Nordstadt aus den Augen und Herzen der Jugendlichen dieser Gegend machen. 

Die Nordwerkstadt wird auch nach der Ausstellung weiterexistieren und in weiteren Projekten mit Jugendlichen zusammenarbeiten. Das war sicher nicht das letzte Statement aus dem Norden.

Mi, 02.05.2012 0

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02.01.2012

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