
"Ich nenne das fortgeschrittenen Hedonismus."
Breger (Beatplantation) im Gespräch - Teil 5: Subkultur & Antifa
Breger ist einer der Köpfe der Beatplantation, der erfolgreichsten alternativen Partyreihe des Ruhrgebiets. Er ist zudem international gefragter DJ und Techno-Produzent. Im fünftenTeil unseres Geprächs (hier geht es zum ersten, hier zum zweiten, hier zum dritten, hier zum vierten Teil) reden wir über (politische) Subkulturen, (fortgeschrittenen) Hedonismus, (radikale) Bedürfnisse und (handfesten) Antifaschismus .

Beatplantation beim Euromayday 2011, DO (c) Beatplantation
Breger: Ich nenne das fortgeschrittenen Hedonismus. Man möchte die Wurzel des Spaßes freilegen. Man will diese untersuchen, auch in Bezug auf die Frage: „Warum bin ich so oft so wütend?“ Man will die Zusammenhänge verstehen. Da ist Musik machen für mich eine Superwaffe, um sich dahin den Weg frei zu sprengen.
In diesem Zusammenhang empfinde ich das Verschwinden von Subkulturen schon als Problem.

Beatplantation bei Juicy Beats (c) Beatplantation
Man will sich halt nicht ablenken von der Welt da draußen, man will eine eigene Welt kreieren. Das ist für mich der Unterschied zwischen einer Subkultur und einer Mode-Erscheinung. Es gibt sicher auch viele verwerfliche Aspekte von Subkultur, doch es stimmt, als wir 15-16 waren, das war eine andere Pop-Epoche. Jetzt sieht man das richtig deutlich.
Das ist, glaube ich, auch mit ein Grund, warum so viele Leute zur Beatplantation kommen. Das hätten die vor 10 Jahren niemals gemacht, weil damals das Angebot viel größer war. Das hat uns auch total überrascht. Als wir 17-18 waren und uns mal zu Techno-Partys getraut haben, da waren da überhaupt keine Leute unter 22. Das hatte auch damit zu tun, dass man mit dieser Musik damals nicht so zu Recht kam. Techno ist ja eine sehr zurück gesetzte Kultur, ohne Dresscodes, alles wirkt ein bisschen austauschbar und beliebig und die ganze Nacht läuft derselbe Sound. Was für´n Scheiß eigentlich? Das ist ja gar keine Subkultur. Die machen so ein bisschen Party und wollen doch alle nur jemanden kennen lernen. Aber mittlerweile ist das echt anders, wenn man auf Techno-Partys geht. Es gibt da insgesamt viel mehr junge Leute in der Club-Kultur. Es gibt auch noch Subkulturen, doch deren Einfluss ist schwächer geworden.

Beatplantation beim Euromayday 2011, DO (c) Beatplantation
Subkulturen waren ja auch nicht allesamt politisch.
Sondern teils auch reines Image.
Selbst bei den Punks, die sich als links empfinden. Das heißt ja nicht, dass sie politisch interessiert oder organisiert sind, dass sie bei Veränderungsprozessen Hand anlegen würden. Deswegen sind wir vom Punk-Rock immer mehr in Richtung Antifa gegangen. Weil man dort konkret Projekte macht. Das war auch eine Form von kultureller Arbeit. Es ging ja nicht nur darum gegen Nazis zu sein, sondern es ging um Solidarität. Ich habe dort gelernt, dass es mir gut tut mich für Solidarität einzusetzen. Das ist für mich eine sehr wichtige Erfahrung, die man in dieser Gesellschaft nicht oft macht.
Ich kenne Leute, die wurden vom Richter härter bestraft, weil sie sich uneigennützig, solidarisch eingesetzt haben. Nach dem Motto: „Warum blockieren sie als Gymnasiastin denn hier den Bus mit den Abschiebehäftlingen. Das ist doch nicht ihr Problem, da gibt’s eine härtere Strafe.“ Wenn es darum gegangen wäre, dass sie jemandem auf die Fresse gehauen hat, der ihr 200 Euro klauen wollte, dann wäre das nachvollziehbar gewesen. Das entspricht unserer gesellschaftlichen Logik. Sich für andere einzusetzen gilt hier als Extremismus. Da stehen mir die Haare zu Berge.

Breger beim Euromayday 2011 (c) Beatplantation
Als Antifaschist ist man hierzulande ja ein Linksextremist.
Dabei sollte eigentlich jede politische Organisation in Deutschland antifaschistisch sein. Aber was soll man von einem Land halten, das bereits in den 50er Jahren sich eine Bundeswehr angeschafft hat. Den ersten Toten bei einer politischen Demonstration in der BRD gab es übrigens in Essen. 1952 , Philipp Müller hieß er. Der wurde bei Protesten gegen die Wiederbewaffnung erschossen. Genau wie damals werden heute berechtigte Anliegen von vornherein diskreditiert und radikalisiert. Dann stellst du den Gegner öffentlich als Krawallmacher dar und alles ist perfekt.
Diese Art alles zu radikalisieren ist für mich auch ein Grund, warum viele sich in unserer Zeit überhaupt nicht mehr politisch, inhaltlich positionieren. Abgesehen von irgendwelchen „Das muss man doch mal sagen dürfen“-Idioten, äußert man sich besser nicht politisch, sonst wird man ja sofort in eine Ecke gedrängt.
Viele Leute warten lieber ein bisschen ab.
Wo sind die zukünftigen Gewinner?

Breger (c) Sten Eichhorn www.steneichhorn.de
Ich sehe trotzdem eine Perspektive. Denn wo hat es jemals etwas gebracht sich klaren politischen Organisationen anzuschließen? Hat das je zu einem Prozess geführt, der die Menschen glücklicher gemacht hat? Vielleicht irgendwelche anarcho-syndikalistischen Zusammenschlüsse, die drei Monate existiert haben, bevor sie von irgendwelchen Interessengruppen platt gemacht wurden. Ich glaube, dass aus einer apolitischen Haltung etwas unheimlich Gutes entstehen kann. Weil man so entspannter ist und den Politikern nicht so auf den Leim gehst. Diesem Politikgewäsch, diesen Sachzwängen. Diese Sachzwänge sind sowieso der größtmögliche Betrug. Sich selbst eine künstliche Welt aufbauen und die dann Sachzwang nennen. Sachzwänge, die seltsamerweise immer von den Menschen weg führen. Die wirklichen Sachzwänge, die wohnen hier als Hartz4-Empfänger.
Sachzwänge, interessant, krasse Rhetorik, sehr geschickt – so kann man jederzeit den Hammer raus holen und sagen: „Oh, ihr seid`s wieder, die Träumer! Achtung: Die Unternehmen wandern ab aus Deutschland.“ Da ist der Sachzwang. Das irgendwelche Leute hier verrecken oder verblöden, weil wir die doof halten, ist egal.
Weiter geht`s in Teil 6!
Mo, 09.04.2012
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