Breger und die Beatplantation (c) Beatplantation

"Ich nenne das fortgeschrittenen Hedonismus."

Breger (Beatplantation) im Gespräch - Teil 5: Subkultur & Antifa

Breger ist einer der Köpfe der Beatplantation, der erfolgreichsten alternativen Partyreihe des Ruhrgebiets. Er ist zudem international gefragter DJ und Techno-Produzent. Im fünftenTeil unseres Geprächs (hier geht es zum ersten, hier zum zweiten, hier zum dritten, hier zum vierten Teil) reden wir über (politische) Subkulturen, (fortgeschrittenen) Hedonismus, (radikale) Bedürfnisse und (handfesten) Antifaschismus .

 

 

Beatplantation beim Euromayday 2011, DO (c) Beatplantation
Beatplantation beim Euromayday 2011, DO (c) Beatplantation
J.Hendricksen: Du sprachst soeben vom ästhetischen Empfinden nach einer Veranstaltung. Ich würde das so zusammen fassen: du fühlst dich mit deiner Arbeit nur wohl, wenn sie deinem idealistischen Geist entspricht. Dieses ästhetische Empfinden steht für mich im Zusammenhang mit dem widerständischen Geist, über den wir gesprochen haben –  der Punk-Rock-Mentalität, die du meintest. Es ist nun so, dass viele eine solche Erfahrung in einer Subkultur nie gemacht haben. Es gibt diesen theoretischen Begriff: ,Radikale Bedürfnisse', der ungefähr besagt, dass man nicht schnell nach ein bisschen Spaß sucht, sondern seine tief empfundenen, unmittelbaren Bedürfnissen zum Ausdruck bringen will, was innerhalb einer kapitalistischen Gesamtordnung nicht geht. Ich sehe dieses radikale Bedürfnis als etwas einerseits total romantisches und andererseits wissenschaftliches, auf Erkenntnis gerichtetes Bedürfnisse und dann geht es darum Gefühle zuzulassen und Strategien zu entwickeln diese Bedürfnisse umzusetzen, möglicherweise auch ohne das konkrete Ziel zu kennen.
Breger: Ich nenne das fortgeschrittenen Hedonismus. Man möchte die Wurzel des Spaßes freilegen. Man will diese untersuchen, auch in Bezug auf die Frage: „Warum bin ich so oft so wütend?“ Man will die Zusammenhänge verstehen. Da ist Musik machen für mich eine Superwaffe, um sich dahin den Weg frei zu sprengen.
In diesem Zusammenhang empfinde ich das Verschwinden von Subkulturen schon als Problem.
 

Beatplantation bei Juicy Beats (c) Beatplantation
Beatplantation bei Juicy Beats (c) Beatplantation
Politische Subkulturen waren wohl ein Zeitgeistphänomen. Ich bin mehr mit HipHop aufgewachsen und für mich ist da etwas ähnliches drin, wie du es bei Punk beschreibst. Es gibt eine Grundhaltung, die besagt: Es gibt Leute, die gehen mit Kunsttechniken um und dieses Spiel, dass man sich gegenseitig etwas zeigt und guckt und miteinander über Kunst und Inhalte ins Gespräch kommt, das ist auch eine Art die Welt zu sehen, die mit solchen Begrifflichkeiten wie Verwertung oder entfremdete Arbeit nichts zu tun hat. Im HipHop muss es real sein, es muss von unten kommen, es muss straight sein und verständlich und sich auf die Leute beziehen. Für mich geht es bei HipHop darum soziale Wirklichkeit zu schaffen.

Man will sich halt nicht ablenken von der Welt da draußen, man will eine eigene Welt kreieren. Das ist für mich der Unterschied zwischen einer Subkultur und einer Mode-Erscheinung. Es gibt sicher auch viele verwerfliche Aspekte von Subkultur, doch es stimmt, als wir 15-16 waren, das war eine andere Pop-Epoche. Jetzt sieht man das richtig deutlich.
Das ist, glaube ich, auch mit ein Grund, warum so viele Leute zur Beatplantation kommen. Das hätten die vor 10 Jahren niemals gemacht, weil damals das Angebot viel größer war. Das hat uns auch total überrascht. Als wir 17-18 waren und uns mal zu Techno-Partys getraut haben, da waren da überhaupt keine Leute unter 22. Das hatte auch damit zu tun, dass man mit dieser Musik damals nicht so zu Recht kam. Techno ist ja eine sehr zurück gesetzte Kultur, ohne Dresscodes, alles wirkt ein bisschen austauschbar und beliebig und die ganze Nacht läuft derselbe Sound. Was für´n Scheiß eigentlich? Das ist ja gar keine Subkultur. Die machen so ein bisschen Party und wollen doch alle nur jemanden kennen lernen. Aber mittlerweile ist das echt anders, wenn man auf Techno-Partys geht. Es gibt da insgesamt viel mehr junge Leute in der Club-Kultur. Es gibt auch noch Subkulturen, doch deren Einfluss ist schwächer geworden.
 
Beatplantation beim Euromayday 2011, DO (c) Beatplantation
Beatplantation beim Euromayday 2011, DO (c) Beatplantation
Das sehe ich auch so, wobei ich glaube, dass dieser Gefühl der jugendlichen Wut, des jugendlichen Furors erhalten bleiben müsste  der muss sich dann anders kanalisieren als in einer Subkultur.
Subkulturen waren ja auch nicht allesamt politisch. 
 
Sondern teils auch reines Image.
Selbst bei den Punks, die sich als links empfinden. Das heißt ja nicht, dass sie politisch interessiert oder organisiert sind, dass sie bei Veränderungsprozessen Hand anlegen würden. Deswegen sind wir vom Punk-Rock immer mehr in Richtung Antifa gegangen. Weil man dort konkret Projekte macht. Das war auch eine Form von kultureller Arbeit. Es ging ja nicht nur darum gegen Nazis zu sein, sondern es ging um Solidarität. Ich habe dort gelernt, dass es mir gut tut mich für Solidarität einzusetzen. Das ist für mich eine sehr wichtige Erfahrung, die man in dieser Gesellschaft nicht oft macht. 
Ich kenne Leute, die wurden vom Richter härter bestraft, weil sie sich uneigennützig, solidarisch eingesetzt haben. Nach dem Motto: „Warum blockieren sie als Gymnasiastin denn hier den Bus mit den Abschiebehäftlingen. Das ist doch nicht ihr Problem, da gibt’s eine härtere Strafe.“ Wenn es darum gegangen wäre, dass sie jemandem auf die Fresse gehauen hat, der ihr 200 Euro klauen wollte, dann wäre das nachvollziehbar gewesen. Das entspricht unserer gesellschaftlichen Logik. Sich für andere einzusetzen gilt hier als Extremismus. Da stehen mir die Haare zu Berge.
 

Breger beim Euromayday 2011 (c) Beatplantation
Breger beim Euromayday 2011 (c) Beatplantation

Als Antifaschist ist man hierzulande ja ein Linksextremist.
Dabei sollte eigentlich jede politische Organisation in Deutschland antifaschistisch sein. Aber was soll man von einem Land halten, das bereits in den 50er Jahren sich eine Bundeswehr angeschafft hat. Den ersten Toten bei einer politischen Demonstration in der BRD gab es übrigens in Essen. 1952 , Philipp Müller hieß er. Der wurde bei Protesten gegen die Wiederbewaffnung erschossen. Genau wie damals werden heute berechtigte Anliegen von vornherein diskreditiert und radikalisiert. Dann stellst du den Gegner öffentlich als Krawallmacher dar und alles ist perfekt.
 
Diese Art alles zu radikalisieren ist für mich auch ein Grund, warum viele sich in unserer Zeit überhaupt nicht mehr politisch, inhaltlich positionieren. Abgesehen von irgendwelchen „Das muss man doch mal sagen dürfen“-Idioten, äußert man sich besser nicht politisch, sonst wird man ja sofort in eine Ecke gedrängt.
Viele Leute warten lieber ein bisschen ab. 
 
Wo sind die zukünftigen Gewinner?
Breger (c) Sten Eichhorn www.steneichhorn.de
Breger (c) Sten Eichhorn www.steneichhorn.de
Da muss man sich erst einmal in Ruhe eine Meinung bilden und nach dem Durchstöbern aller Tageszeitungen hat man dann vergessen, dass man sich überhaupt eine Meinung bilden wollte und guckt sich stattdessen lustige Videos an. 
Ich sehe trotzdem eine Perspektive. Denn wo hat es jemals etwas gebracht sich klaren politischen Organisationen anzuschließen? Hat das je zu einem Prozess geführt, der die Menschen glücklicher gemacht hat? Vielleicht irgendwelche anarcho-syndikalistischen Zusammenschlüsse, die drei Monate existiert haben, bevor sie von irgendwelchen Interessengruppen platt gemacht wurden. Ich glaube, dass aus einer apolitischen Haltung etwas unheimlich Gutes entstehen kann. Weil man so entspannter ist und den Politikern nicht so auf den Leim gehst. Diesem Politikgewäsch, diesen Sachzwängen. Diese Sachzwänge sind sowieso der größtmögliche Betrug. Sich selbst eine künstliche Welt aufbauen und die dann Sachzwang nennen. Sachzwänge, die seltsamerweise immer von den Menschen weg führen. Die wirklichen Sachzwänge, die wohnen hier als Hartz4-Empfänger. 
Sachzwänge, interessant, krasse Rhetorik, sehr geschickt – so kann man jederzeit den Hammer raus holen und sagen: „Oh, ihr seid`s wieder, die Träumer! Achtung: Die Unternehmen wandern ab aus Deutschland.“ Da ist der Sachzwang. Das irgendwelche Leute hier verrecken oder verblöden, weil wir die doof halten, ist egal.
 
Weiter geht`s in Teil 6!
 
Mo, 09.04.2012 5

Kommentar hinzufügen

Anmelden oder Registrieren um Kommentare zu schreiben

Kommentare

Ein paar Einwürfe

Wie viele Teile werden's denn noch? :) Na, ich hak mal ein, hab grad etwas Zeit. Also, an den hier geäußerten Dingen gibt es so einiges, von dem ich nie verstehe ob das nicht teils - durchaus äh gesellschaftlich konstruktive - Autosuggestion oder so etwas ist, oder ob diese Selbstbeobachtungen bzw. -analysen eher gedankliches Nachäffen von 60er, 70er bis 80er-Gedanken sind. Beispiele: "Man will sich halt nicht ablenken von der Welt da draußen, man will eine eigene Welt kreieren." Aber ist das Selbstkreieren nicht die beste Ablenkung? (Muss man ja nicht ins rein Virtuelle gehen, um das zu sehen.) "Subkulturen waren ja auch nicht allesamt politisch. Sondern teils auch reines Image. Selbst beim Punker, der ja immer links ist." Punks sind immer eher real existierender (Freizeit-)Anarchismus bzw. -Situationismus gewesen, deshalb wurden auch so schnell Ich-AGen und GbRs daraus, siehe Punkpopstars von McLaren bis P.I.L. bis die Reed/Anderson-Achse blabla. (Joscha und Warhol - daas würde mich ja auch mal interessieren...) Und gerade als -rocker waren und sind Punks eben nicht "immer links" - oder war das ein Scherz? Das ist ja das Spannende an Beatplantation, dass sie immer so zwischen Hofparty mit etwas Pink Floyd und situationistischem Theater hängt - wobei ich letzteres spannender bis existentieller finde. "Als Antifaschist ist man hierzulande ja ein Linksextremist." Nö, gerade der westdeutsche und neu-ostdeutsche Antifaschismus ist ja eben genau der pro-westliche, eher konsumistische, aber teils auch protestantisch-verzichtende (Kein Fleisch, aber Techno. Volldeutsches Analystentum mit ein bisschen Mystizismus garniert. Werktags-abends Pop in der Einzelzelle, wochenends socializing im Vergnügungspark.) Kurz: Ich möchte das Interview mit dem ungemochten Zitat aus meinem Leipzig-Links-Bunt-Artikel zusammen denken: "Wie wir im Osten in den 90ern wie die im Westen in den 80ern Antifa-Zuschüsse benutzt haben, um uns zu Popstars zu machen." Vielleicht kommt ja aber noch die Frage nach Debord und vor allem Adorno. :) Ansonsten würde das Interview eher einen Entwicklungsroman schildern, getreu dem - hier leicht veränderten - Spruch "Wer mit 20 kein Anarchist gewesen ist, aus dem wird nie eine gute deutsche Popfabrik." Sorry für die leichte Polemik, aber so geht's kürzer. P.S.: Ich verlinke nur bedingt gern die - irgendwie gut zu oben Geschriebenem passende - jungle world, aber ganz gern den Maurice mit folgendem Artikel zum Thema: http://jungle-world.com/artikel/2008/48/31388.html Und einführend/vertiefend zu "Pop-Linke": http://www.beatpunk.org/stories/mein-pop-dein-pop/
...ich les mal die links durch und melde mich

einladung

hallo jens, die verlinkten artikel gefallen mir gut. wärest du interessiert oder kennst du jemanden der/die diese themen auf der beatplantation in form eines vortrags oder einer diskussion verhandeln könnte. das würde mich sehr freuen. ich würde das dann in die wege leiten. beste grüße joscha

vorsichtige zusage

ja, da fallen mir schon welche ein, durchaus auch aus dem rhein-/ruhrgebiet (was die artikelschreiber ja nicht sind). bei mir ist's nur ne terminfrage, diskussion von etwa vier leuten find ich besser als vortrag/predigt. ab montag bin ich wieder in der gegend. kaffee vor der goldbar oder so? (den termin vielleicht per mail). grüße! jens

!

!

Über den Autor

27.02.2010

Letzte Kommentare des Autors

vor 30 Wochen 2 Tage
"GEMA Alarm machen"
vor 42 Wochen 2 Tage
vor 48 Wochen 3 Tage
vor 1 Jahr 22 Stunden

Stadt

Metropole Ruhr
Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

Branche

Aktuelle Tweets

LABKULTUR
[FAR] wie der Schlüssel Kultur am besten erschließt Interview mit Autorin Franziska Sörgel http://t.co/Lxt0Rjkm6v #FAR13 #LABKULTUR
LABKULTUR
[FAR] CULTURE IS THE KEY. A culture consultant & an architect: temporary events mirror excess and euphoria http://t.co/gQGJw2WWB1 #LABKULTUR
LABKULTUR
[STREET] ART 'Sell Out ist ein übler Begriff und ein Angriff auf Künstler' #Qumi by @CCaravante http://t.co/zWe3e1OKyZ #LABKULTUR
LABKULTUR
[CULTURE] PLAN? @KuPoGe's Sievers prepares 7th cultural-political Federal Congress 13+14.06.2013 http://t.co/d28NAkEyDF #LABKULTUR