Bochum Innenstadt (c) Dustin Larimer Flickr

"Ich habe hier keinen Sack Geld stehen"

Marion Behn von der Bochumer Wirtschaftsförderung spricht über das Verhältnis von Stadt und Szene

Marion Behn von der Bochumer Wirtschaftsförderung kennt sie alle: erfolgreiche Agenturgründer, engagierte Nachwuchskünstler und schrullige Kneipenbesitzer. Als Kreativwirtschafts-Beauftragte der Stadt hat sie schon so manchem Start Up auf die Beine geholfen, musste aber auch viel Kritik für die Stadt einstecken. Im Interview spricht sie über das manchmal schwierige Verhältnis zwischen Kultur und Ökonomie, Perspektiven in Bochum und die alltäglichen Probleme einer Wirtschaftsförderin.

 

Welche Rolle spielt die Kreativwirtschaft heute im Ruhrgebiet?

Marion Behn: Die Wirtschaftsförderung Bochum hat schon vor der Kulturhauptstadt eine Studie in Auftrag gegeben, um die tatsächlichen Zahlen für die Kreativwirtschaft herauszufinden. Das Ergebnis hat uns dazu veranlasst, uns damit zu beschäftigen. Gleichzeitig warne ich immer vor einem Hype – Kreativwirtschaft ist ein ernstzunehmender Wirtschaftszweig, aber sie ist kein Allheilmittel für die Region.

 

Ist die Kreativwirtschaft mit anderen Wirtschaftszweigen auf Augenhöhe?

Das Problem ist, dass Kreativwirtschaft ein so weites Feld ist, das den künstlerischen Bereich ebenso beinhaltet wie andere, ökonomischer funktionierende Bereiche. Es gibt einzelne Zweige, die sich stark im Aufschwung befinden, etwa der Bereich Games und Softwareentwicklung, aber auch Agenturen, Werbung oder Architektur. Insofern hat sie einen wirtschaftlichen Stellenwert. Teilbranchen wie etwa Bildende oder Darstellende Kunst, Literatur oder Musik bewegen sich dagegen an der Schnittstelle zwischen Kunst und Wirtschaft, hier dominieren nicht immer klare wirtschaftliche Ziele.

 

Sind die den künstlerischen Bereichen zuzuordnenden Akteure vielleicht in der öffentlichen Wahrnehmung auch deswegen lauter und präsenter, weil sie größere Probleme haben?

Ich glaube es ist eher so, dass der künstlerische Bereich zum ersten Mal überhaupt von der Wirtschaft als ökonomischer Faktor wahrgenommen wird. Das sind die Akteure dieses Bereichs oft nicht gewöhnt und stehen dem daher mit einer gewissen Skepsis gegenüber. Sie freuen sich einerseits über die Aufmerksamkeit, andererseits wird auch deutlich, dass viele in einer besonders prekären Situation sind. Oft gibt es bei diesen Kreativen auch einen 'bürgerlichen' Beruf, der die Finanzierung des künstlerischen Bereichs überhaupt ermöglicht.

 

Die Paarung von Kunst und Ökonomie wirft immer Grundsatzfragen auf …

Von der Kunst wird die Wirtschaft immer kritisch beäugt, weil die Kulturtreibenden nicht alles unter monetären Gesichtspunkten beurteilt wissen möchten – genau das tun wir aber als Wirtschaftsförderung im Kern.

 

Also gibt es in der Kreativwirtschaft Bereiche, die Sie als Wirtschaftsförderer gar nicht sinnvoll fördern können?

Ja. Kulturprojekte, die der öffentlichen Förderung bedürfen, sind ein Fall für die klassische Kulturarbeit. Für uns als Wirtschaftsförderer muss die Erwerbserzielung im Vordergrund stehen. Es ergeben sich natürlich Schnittstellen, aber es ist für uns schwierig, Angebote zu finden, die für eher der Kunst nahestehende Gewerbetreibende von Interesse sind. Die klassische Netzwerkarbeit funktioniert da nur begrenzt, darauf mussten wir uns auch erstmal einstellen.

 

Wie begegnet man Ihnen denn in der Kulturszene?

Erst wurden wir kritisch beäugt, aber seit die Leute unsere Arbeit verstanden haben und mit einem Gesicht verbinden können, kommen sie öfter. Ich sage den Leuten aber auch schnell, wo die Grenzen dessen sind, was ich tun kann. Viele kommen mit der Erwartungshaltung: 'Ich mache ein Projekt, welche finanzielle Unterstützung können Sie mir bieten?' Da muss ich dann ganz klar sagen: keine. Ich kann Netzwerkarbeit machen, für Öffentlichkeitsarbeit sorgen, bei der Suche nach geeigneten Immobilien und bei Genehmigungsverfahren unterstützen – aber ich habe hier keinen Sack Geld stehen.

 

Wo sind typische Probleme bei der Zusammenarbeit mit den Kreativen?

Leute, die mir von ihren Konzepten erzählen, vergessen dabei oft den geschäftlichen Teil, aus dem dann letztlich ein Broterwerb generiert werden soll. Es gibt eine Idee, aber es ist unklar, wie man sie vermarkten kann. Oft reagieren die Leute schon auf die Fragestellung mit Erstaunen. Das ist durchaus typisch für die der Kunst nahestehenden Branchen, weil man dort die Selbstverwirklichung einer Idee in den Vordergrund stellt und sich scheinbar eher mit einer gewissen prekären Lage abfindet. Ganz anders sieht das in den wirtschaftlichen Teilbranchen der Kreativwirtschaft aus. Dort gibt es dieselben Fragestellungen und Bedürfnisse wie in anderen Branchen. Besonders ist aber hier sicherlich, dass gerade ungewöhnliche Immobilien für Kreative interessant sind. Auch eine große Offenheit fürs Netzwerken und die Zusammenarbeit mit anderen Kreativen zeichnet die Branche aus.

 

Wie erklären Sie sich die Erwartungshaltung einiger Kreativer gegenüber den Behörden und der Stadt?

Ich erkläre mir das damit, dass die Leute ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass die eigenen Ideen und Forderungen auf jeden Fall unterstützenswert sind und auch Zielsetzung einer Stadt oder einer Behörde sein sollten.

 

Ein oft wiederholter Vorwurf ist, dass die Stadt sich mit den Errungenschaften der Kreativen schmückt, wenn sie etwa ein neues Kreativviertel anpreist.

Das finde ich schwierig. Das impliziert ja, dass man sich mit fremden Federn schmückt. Es ist aber gerade bei einem Kreativviertel so, dass eine Behörde nur Rahmenbedingungen schaffen kann und der Rest aus sich selbst heraus passieren muss. Man kann das unterstützen, indem man z.B. Behördengänge vereinfacht oder Leute an einen Tisch holt. Wenn wir dann im Nachhinein sagen, dass sich in einem bestimmten Viertel etwas getan hat, dann tun wir das doch, um dafür Aufmerksamkeit zu generieren, nicht um uns damit zu schmücken.

 

Sehen Sie sich innerhalb der städtischen Organisationsstruktur als Anwalt der Kreativen?

Ja natürlich, das ist die Aufgabe einer Wirtschaftsförderung: wir machen Lobbyarbeit für Gewerbetreibende aller Branchen und damit auch für die Kreativen.

 

Gibt es bei der Stadt Spielräume, in bestimmten Vierteln mal ein Auge zuzudrücken oder mehr Kulanz im Umgang mit Gründern zu zeigen?

Das ist ein schwieriges Thema, denn was die Stadt duldet, mutet sie ja gleichzeitig irgendwem anders zu. Ich denke, das ist insgesamt davon abhängig, welche Stimmung in einer Stadt herrscht und was die Bürger bereit sind zu erdulden. Immer wieder gibt es bei Neuansiedlungen einzelne Bürger, die mit Argusaugen darüber wachen, was in ihrer Umgebung passiert. Diese Leute stehen Veränderungen eher kritisch gegenüber. Sie kennen ihre Rechte sehr gut und versuchen, gezielt gegen Baugenehmigungen vorzugehen. Jede Genehmigung muss also eventuell auch vor Gericht bestehen können.

 

Also spiegelt sich im Zustand der Stadt der Wille ihrer Bürger?

Das kann man so sehen, ja. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass unsere Behörden gut mit den Kreativen zusammenarbeiten und ermöglichen, was geht. Das mag auch an einem Generationenwechsel unter den Sachbearbeitern liegen, die natürlich ganz normale Leute sind, die auch gern mal in ihrer Stadt ausgehen. Sie sind aber trotzdem verpflichtet, ordentliche Arbeit abzuliefern und was den Ermessensspielraum bei der Belebung bestimmter Viertel angeht, sind ihnen da schnell die Hände gebunden. Das aber stößt dann zum Teil auf großes Unverständnis gerade bei jungen Kreativen.

 

Also scheint es so, dass die Gruppe der Alternativen und Kreativen hier einer viel größeren Gruppe von Menschen gegenübersteht, die wenig Interesse an Veränderungen haben.

Dass die Leute das hier grundsätzlich nicht wollen, glaube ich nicht. Man muss sich ja nur einmal anschauen, wie gut das 'Viertel vor Ehrenfeld' funktioniert. Formate wie der 'Flohmarkt unter Tage' werden in allen Altersgruppen angenommen. Das Bermuda-Dreieck floriert ebenfalls und auch die Rottstraße hat Potential. Wichtig zum Gelingen vieler Vorhaben sind professionell ausgerichtete Kreative, die mit Behörden zusammenarbeiten und sich auch mit den Details für eine mögliche Genehmigung beschäftigen. Und natürlich gehört auch eine gewisse finanzielle Grundausstattung zum Gelingen eines Vorhabens dazu.

 

Was würden sie jungen Gründern raten?

Sie sollten am Anfang viel Arbeit in die Konzepterstellung stecken. Sie sollten sich nicht kopfüber irgendwo reinstürzen, sondern ihre Geschäftsidee, die Vermarktungssituation und die Finanzierung genau überdenken. Und sich auch intensiv mit der Genehmigungssituation der Immobilie beschäftigen. Das macht sicher viel Arbeit, aber es ist enorm wichtig. Man kann ja auch die Unterstützungsleistungen der Wirtschaftsförderung und anderer Institutionen in Anspruch nehmen. Man braucht natürlich den Mut eine Idee umzusetzen, aber gleichzeitig auch den kühlen Kopf, sich hinzusetzen und durchzurechnen wie es funktionieren kann.

 

 

Foto (Teaser): dustin larimer (Flickr)

 
 

 

Sa, 08.09.2012 0

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19.01.2010

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