
Thorsten Strozik: „Ich empfinde die Agenturlandschaft im Ruhrgebiet als unterdurchschnittlich“
- Serie: Ökonomie
Am Donnerstagabend wird im Alten Zollamt in Bochum der rote Teppich ausgerollt. Auch wenn die Agentur für Visual Identity bereits Anfang des Jahres in das prächtige alte Gebäude eingezogen ist, findet erst Anfang November die offizielle Einweihungsparty statt. In diesem Fall aber auch richtig: mit prominenten Gästen der heimischen Kunst- und Kulturszene, vor allem aber auch zahlreichen internationalen Besuchern.
Als eine der wenigen Agenturen im Ruhrgebiet gelten Gregor&Strozik national und international als angesehen und erfolgreich. Globale Player wie Toyota gehören ebenso zu ihren Auftraggebern wie die in Bochum beheimateten Aral oder Moritz Fiege. Mit der Entwicklung des Corporate Designs für LeBuffet, der Gastronomiemarke der Karstadt Warenhaus GmbH und dem Design des gleichnamigen Magazins wurde das Unternehmen 2008 mit dem begehrten Red-Dot-Award ausgezeichnet.
Sind es nicht Agenturen wie diese, die im Zuge der Ruhr2010 unter die viel beschworene Kategorie „Kreativwirtschaft“ fallen?
In der zweiten Etage der hellen und offenen Räumlichkeiten nahe des Bochumer Stadtparks treffe ich auf Geschäftsführer Thorsten Strozik, der mir einen Überblick über die Arbeitsweisen der Branche und natürlich Gregor&Strozik im Speziellen vermittelt, und sich kritisch, aber grundsätzlich optimistisch über die Perspektiven des Standortes Ruhrgebiet äußert.
Herr Strozik, wenn eine Werbeagentur ihre Kunden zur Einweihungsparty einlädt sind Repräsentation nach Außen und die generelle Durchführung sicher ganz besonders wichtig, weil man letzten Endes ja auch ein Entwickler von Images ist.
Natürlich. Wir unterscheiden da allerdings ein bisschen, wir sind ja eine Design-Agentur. Wir nennen uns Designbüro, weil wir die Kunden eher strategisch und in ihrer allgemeinen Ausrichtung unterstützen, ganz selten nur werblich.
Es geht um die Marke und deren Aufbau. Wir begleiten das Unternehmen und haben unsere Kunden schon sehr, sehr, sehr lange. Die sind uns sehr treu. Das liegt vielleicht auch daran, dass wir mit unserem Team auch sehr nah an der Geschäftsleitung sind oder relevanten Positionen, so dass es da nicht schnell mal um eine neue Idee zum Verkauf geht. Wir machen also keine Verkaufsförderung, was ja Werbung im weitesten Sinne auch tun soll, wir entwickeln die Ästhetik und die Richtlinien, in die andere Agenturen dann hineinarbeiten sollen.
Sie sind Anfang des Jahres in das „Alte Zollamt“ beim Bergbau-Museum gezogen, das sie zusammen mit einem Architekten innerhalb von vier Monaten im Bauhausstil umgebaut haben.
Ich muss dazu auch sagen, dass die Kunden aus der Region uns nicht argwöhnisch betrachtet haben, weil wir dieses Gebäude hier gekauft haben, zwar nicht alleine sondern mit den anderen Firmen die hier im Haus sitzen.
Die fanden das toll, das man hier am Standort bleibt und hier investiert. Die haben das sehr unternehmerisch und regional gesehen. Wir dachten zunächst, dass es ein sensibles Thema sein könnte.
Gibt es eine Unternehmens-Philosophie von Gregor&Strozik?
Da muss ich etwas ausholen: Ich habe früher auch in Büros, in Beratungsfirmen gearbeitet wo Designer, Architekten und Berater an einem Tisch saßen. Dadurch konnte ich bei vielen Aufträgen, wenn es um das Erscheinungsbild der Firma und der Marke ging interdisziplinär auf die Bereiche eingehen. Das führte dazu, dass wir uns gesagt haben, dass wir den Kunden holistisch - also ganzheitlich - begleiten wollen.
Wir können nicht alles selber, dafür sind wir mit 20 Beschäftigten auch nicht groß genug, aber wir sind Schnittstelle für alles was eine Marke und ein Unternehmen berührt. Viele Kunden nutzen das auch, nutzen uns als Brand-Management, wo wir dann bis zur Architektur, bis zur Produktentwicklung begleitend dabei sind.
Das ist unser Anspruch, und führt letztendlich dazu, dass wir mittlerweile auch sagen, dass es nicht mehr Design ist sondern „Visual Identity“.
Alles was irgendwo erkennbar wird muss im Prinzip der Marke bzw. der Marken-DNA, wie wir es nennen entsprechen. Deswegen kann man sich nicht nur einer Tätigkeit oder einer Spezialisierung widmen.
Da muss man sich zwangsläufig breiter aufstellen, Architekten, Planer dazu holen; auch ein Bereich wie Motion-Graphics wird immer größer. Die Kunden erwarten von uns eben selbstverständlich auch, dass wir ihnen dabei helfen einen Film zu machen, auch wenn wir das nicht alles selbst umsetzen. Wir kontrollieren alles über ein Storyboard. Wir briefen die andere Agentur. Bei uns läuft alles zusammen.
Wir gehen eben nicht hin und sagen: „Ihr braucht einmal eine coole Kampagne“, sondern hinterfragen das. Liegt es an der Verpackung, liegt‘s am Produkt selber, liegt‘s am Preis, liegt‘s an der Sprache?
Ganzheitlichkeit ist ja ein Ausdruck, der in der Medizin gebraucht wird. Wie gehen sie in diesen Körper des Unternehmens hinein, wenn sie einen neuen Kunden haben?
Es ist schon anstrengend mit uns zu arbeiten. Weil wir für uns beanspruchen, dass wir nicht wirklich helfen können, wenn wir das Unternehmen nicht kennen. Wir müssen die politische Situation kennen, auch innerbetrieblich, man muss die Historie kennen - wo kommt das Produkt her? Man muss den speziellen Markt beleuchten. Man braucht dafür Studien und Analysen.
Wir als Designer haben Millionen Möglichkeiten etwas zu entwerfen, also müssen wir uns selbst ein Regelwerk schaffen. Das können wir nur in dem wir uns mit dem Kunden ein Briefing geben, um zu sehen wo es hingeht. Manchmal merkt man sehr schnell, dass das was da vorhanden ist schon sehr gut ist, vielleicht nur ein wenig Feinschliff braucht oder einfach nicht konsistent angewandt wird. Aber es gibt auch Situationen wo das Erscheinungsbild dem Produkt nicht mehr entspricht. Wenn sich über die Dekaden so viel verändert hat, ein solcher Wechsel stattgefunden hat, dass man sagt, da stimmen Inhalt und das äußere Erscheinungsbild nicht mehr überein.
Dann gehen wir auch so weit und sagen, dass man das Ruder richtig herumreißen muss.
Dann muss ein Projektplan erstellt werden, und das dauert unter Umständen Jahre bis man das vollständig durchdekliniert hat. Das ist aber auch der Grund warum wir so lange mit unseren Kunden arbeiten, weil es eben solche Prozesse sind.
Gibt es auch Fälle bei denen man sich ein Unternehmen so genau anschaut wie sie es beschrieben haben, und sie sagen müssen, dass sie den Job nicht übernehmen können oder wollen?
Grundsätzlich können wir uns in alles vertiefen. Aber es gibt natürlich Ausschlusskriterien, das bedeutet entweder, dass wir eine Anfrage bekommen und wir bereits jemanden aus der Branche betreuen, also einen internen Vergleich haben. Das wäre nicht zulässig, und muss dementsprechend abgelehnt werden. Und es gibt natürlich ein paar Dinge die wir auch nicht machen würden. Rüstung beispielsweise.

Also moralisch-ethische Kriterien. Die wären aber ja sicher von Anfang an schon klar.
Ich glaube auch nicht, dass wir in eine solche Situation kommen. Dort werden weniger sperrige Leute gesucht, die vielleicht in einer etwas klassischere Dienstleistungsmanier helfen.
Der Start mit den Kunden ist oft sehr schwierig. Dann wird oft gesagt: „Ach wie schwierig“, und „wie lange das dauert“ und „müssen wir das alles hinterfragen?“
Das sind dann genau die, die nachher sagen wie toll das ist, wie einheitlich das ist, wie groß das Feedback ist und - da wir ja auch nicht in Schönheit sterben wollen - dass letztendlich auch der Absatz hochgeht.
Eben nicht durch Werbedruck, durch Massmedia und Millionen in der klassischen Werbung, der ich sicher nicht ihre Rechtfertigung absprechen will, sondern an Substanz.
Wie ist es der Erfolg einer solchen Kampagne überhaupt messbar?
Man kann es nicht voraussehen, hat aber eine gewisse Expertise, die sich auch in wirtschaftlicher Hinsicht bemerkbar machen kann. Schon alleine dadurch, dass man beispielsweise einfach einmal aufräumt und zielgerichtet überlegt wie die Positionierung ist, wo es hingehen soll, wo die Potenziale sind. Oder wo neue Kunden sein könnten, was die Leute überhaupt brauchen. Im Prinzip muss man so viele Kriterien schaffen, dass am Ende nur eine Lösung übrig bleibt.
Wir präsentieren immer nur einen Entwurf, weil der Kunde bis zu diesem Punkt schon so weit mitgegangen ist, dass er darauf setzt. Es gibt keine Pappenschlacht mit Entwürfen, wo man dann nach Gefallen und Geschmack was aussucht, sondern wir müssen den Kunden dahin führen. Das ist, glaube ich, auch selten.
Es gibt sicherlich Agenturen, die das so machen, in Hamburg, Düsseldorf oder Frankfurt, aber das sind auch wenige.
Man kann natürlich Marktforschung betreiben. Die nutzen wir immer nur um einen Gegencheck zu haben, um K.O.-Kriterien auszuschließen. Ansonsten muss man auf sein eigenes Produkt und die Innovation hoffen.
Wenn ein Unternehmen gut aufgestellt ist und gute Ideen hat, muss es auch ein Selbstbewusstsein aufbauen und nach vorne gehen. Das hat man früher das „Madonna-Prinzip“ genannt. Wenn man Vorreiter ist, gibt es eben keinen wo man hinschauen kann.
Allerdings machen natürlich bestimmte Unternehmen, wie beispielsweise Aral auch Eye-Tracking-Analysen. Man weiß ganz genau wo der Kunde wie lange hinguckt, wie Wahrnehmung wissenschaftlich funktioniert.
Gibt es auch eine Grunderkenntnis, die man daraus ziehen kann. Wie ein Produkt beispielsweise aussehen sollte?
Entwürfe kann man daraus keine ableiten, das geht nicht. Das sind eher Positionierungen. Wo schaut sich im Marktumfeld um, analysiert den Wettbewerb.
Aral ist ein gutes Beispiel: Aral ist blau, es war auch schon immer blau. Das hat unter anderem mit der Historie zu tun, auch mit der Farbe blau in Bochum. Vor allem aber auch mit dem Fakt, dass die Autobahnschilder blau sind. Das war praktisch die Legitimierung einen Kraftstoff anzubieten. Die Farbe ist derartig besetzt, dass man zusammen mit dem Logo eine 97-prozentige Bekanntheit in der Bevölkerung hat, was sensationell ist.
Da muss man Design in einem sehr engen Gefüge weiterentwickeln. Und den Schutzgrund natürlich auch wahren. Das sind Kriterien. Das andere sind eher funktionale Sachen: Wo kommuniziere ich? Wo ist der Betrachter für welche Information bereit?
Als Firma die im Ruhrgebiet sitzt und die Kunden aus der Region betreut: Gerade im Zuge der Ruhr2010 kam immer wieder die Kritik auf, das bestimmte Projekte von Agenturen aus anderen Städten, Hamburg und Berlin werden immer wieder genannt, betreut und umgesetzt werden. Dabei sei es doch gerade wichtig auch hier die regionalen Strukturen zu stärken und zu repräsentieren. Sehen sie das auch so?
Nicht in Gänze. Ich empfinde die Agenturlandschaft im Ruhrgebiet als unterdurchschnittlich. Das mag arrogant klingen, aber da sind wir hier mit wenigen Agenturen auf einem Niveau, mit dem man alle Belange lösen könnte. Ich finde, man sollte immer eine sehr kompetente Agentur beauftragen. Nicht zwingend eine die in Hamburg sitzt, weil man gerne zu Gesprächen an die Elbe fährt.
Es gab allerdings auch viele Aufträge, die hier abgewickelt werden könnten, was nicht passiert ist. Aber es gibt eben auch Bereiche, das muss ich zugeben, da hätte auch ich nicht gewusst wer es hätte machen sollen. Für bestimmte werbliche Betreuung in einer gewissen Größe, ist man speziell im Ruhrgebiet nicht kompetent aufgestellt, das gibt die Infrastruktur nicht her.
Hier gibt es viele kleine bis mittelständische Agenturen, wir sind mit 20 Leuten ja schon im oberen Mittelfeld. Aber bei manchen Projekten braucht man einfach mehr Manpower. Und da hilft auch kein Netzwerk, kein Zusammenschluss.
Es gibt jedoch einige kleinere, sehr gute Designbüros in der Region. Gerade im Logo- und Ausstattungsbereich hätte man sicherlich hier mehr machen können, das ist nicht von der Hand zu weisen.

Sie haben es selbst angesprochen, die Agentur-Landschaft in der Region ist eher mau...
Das liegt natürlich auch an den Unternehmen. Die sind entweder mittlerweile an größere Konzerne angeschlossen, das heißt, dass die Vergabe hier gar nicht entschieden wird. Es sind die wenigen traditionellen Unternehmer-geführten Firmen, die erst einmal in der Region schauen ob das hier jemand kann, wie die Fiege-Brauerei.
Wir machen das selbst auch mit unseren Dienstleistern. Aber es gibt Dinge, die kriegen wir hier nicht gestemmt. Da müssen wir dann weitergehen, aber erst einmal schauen wir hier im Umfeld.
Die Region ist aber auch geschwächt. Dazu kommt, dass es hier keine visuelle Schulung gibt, trotz mehrerer Schulen im Designbereich ist die Verankerung was die Qualität von Architektur oder Design angeht desaströs, das muss man einfach sagen. Museumsdirektor des Bochumer Kunstmuseums Dr. Hans Günter Golinski spricht gerne von „visuellem Analphabetismus“.
Wir sind im Mittel getrieben von Handwerkern, die Entwürfe entscheiden dürfen, den Gang zum Architekten trauen sich nur wenige. Man hat immer Angst vor den Kosten. Klar, man muss auch jemandem beibringen, dass es etwas bringt einen Steuerberater zu haben, im besten Fall hilft er einem und kostet nicht nur. Diese Einstellung ist hier nicht vorhanden.
Ist man denn manchmal neidisch auf Kollegen die aus der Region weggehen, beispielsweise nach Düsseldorf, und erzählen, dass sie sich vor Aufträgen kaum retten können?
Also ich bin nicht frustriert. Aber man muss den Leuten natürlich immer erklären, dass wir das hier auch leisten können. Es ist nicht so, dass wir schon lange mehrere Kunden aus Bochum hätten. Wir sind mit Aral gewachsen, die anderen sind relativ spät dazu gekommen. Da hatten wir zuerst mehr nationale und vor allem internationale Kunden.
Und die fanden die Region immer spannend. Wenn Kunden aus London hierhin kommen, ist das für die wie ein Vorort von London. Die finden das auch klasse hier. Wir gehen mit denen in die Jahrhunderthalle, zur Zeche Zollverein, ins Bergbaumuseum. Und die lieben deutsche Kneipen! Die Außenwahrnehmung ist gar nicht so negativ, den Frust machen wir uns hier meistens selber.Ähnliche Beiträge
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Lieber Jens Mayer, Sie haben
Lieber Jens Mayer,
Sie haben wirklich ein sehr gutes Gespür an Themen heranzugehen, ich lese Ihre Artikel wirklich sehr gerne. Schreiben Sie bitte so weiter.
Herzliche Grüße aus Dülmen
Ute Baumann