Hotel Shanghai - Der Club als autonome Zelle

Wie wird man in Essen ein Synonym für globale Clubkultur?
Ein Gespräch mit Kay, Sunny und Kai vom und im Hotel Shanghai.
 
Jens Kobler: Das Hotel Shanghai ist ein recht einzigartiges Phänomen in der hiesigen Diskothekenlandschaft. Nähern wir uns dem doch einmal mit der Frage: Wie kommt man eigentlich dazu, hier zu arbeiten?
 
Sunny (Service): Ich wurde von Klaus Koch von der Musikpalette hierhin vermittelt. Ich habe Kay Shanghai an einem Freitag angerufen, und der sagte sofort: „Gut, komm heute Abend um zehn vorbei.“ – Und er hat mich direkt auf ein Getränk eingeladen und mir die Örtlichkeiten vorgestellt. Ich hatte sofort das Gefühl, hier willkommen sein, und ich war noch nie zuvor da gewesen. Kurz danach habe ich dann auch Kays Familie kennengelernt, und wir haben uns direkt sehr persönlich über unsere Lebensgeschichten unterhalten.
 
Kay (Betreiber, s. Foto): Bei mir war es mit dem Laden ein glücklicher Zufall, bzw. etwas eher Profanes: Meine Mutter hat mir das hier besorgt. Weil sie eine recht temperamentvolle Frau ist, hat sie jemand angesprochen, als dieser Laden brauereifrei war. Zu dieser Zeit war ich aus meinen eigenen Veranstaltungen in anderen Locations herausgeflogen, weil es halt nicht ging, da mal etwas ganz anderes zu machen. Inzwischen begreife ich mich da aber auch eher als ein Teil eines größeren Ganzen, habe also schon eine andere Perspektive dazu gelernt. Dazu gehört auch, sich und die Arbeit hier mal von oben zu betrachten. Zwei Wochen vor der Eröffnung habe ich noch gedacht, dass das hier der größte Fehler meines Lebens werden könnte und alle mit dem Finger auf mich zeigen werden. Nun, dass alle mit dem Finger auf mich zeigen, das ist eingetreten; aber ich würde das nicht als Fehler bezeichnen. Es ist, was ich mir ausgesucht habe. Ich bin jetzt im 7. Jahr, und das hier ist mehr als ein Baby, das ist ein Teil von mir.
 
Kai (DJ): Mit 16 bin ich aus Herne immer zum Feiern hierher gekommen. Es war uns da schon klar, dass es hier etwas anderes ist als in einer Großraumdisko herumzustehen. Da war das Gefühl schon ein sehr Familiäres, und wenn es einmal Ärger gab, dann nur mit Leuten, die man vorher und auch hinterher nie wieder gesehen hat. Zu der Zeit habe ich schon aufgelegt, aber nur auf Privatpartys. Eine Bekannte, Künstlerinnenname The Electric Taste, hat mich dann zu meinem ersten Clubgig, damals im Dortmunder Le Grand, eingeladen, und danach bin ich sukzessive nach Essen und ins Shanghai gekommen, zuerst zu Lollywood am Mittwoch, und nun auch hin und wieder am Samstag.
 
JK: Vertrautheit, vielleicht Familiarität macht also viel aus. Nun ist dies hier aber ein recht großer Club, weshalb sich die Gäste sicher auch gerne wie in einer Großraumdisko benehmen dürfen, und wenn es nur zum Umgewöhnen ist. Ohnehin ist das Publikum hier ein sehr gemischtes, mit verschiedener Herkunft, egal ob auf „Schichten“, Geburtsorte oder sonstige Schubladen bezogen. Das scheint sich ja nicht zu widersprechen.
 
Sunny: Es gibt ja schon Platz für verschiedene Interessen: Am Freitag gibt es Programm vom Indierock über Trashpop bis zu Techno, und an den Samstagen findet sich hier eher das langjährige Stammpublikum ein.
 
Kai: Freitags sind Subveranstalter hier, samstags ist eher Resident-Night mit Gästen.
 
Sunny: Und auf alle diese verschiedenen Gäste lassen wir uns auch ein. Wenn wir z.B. feststellen, dass jemand Geburtstag hat, dann kommt Kay meist persönlich mit einem Tablett voller Getränke und feiert mit den Gästen. Andererseits stimmt aber auch die Identifikation der Partymacher vom Freitag mit uns vom Haus ganz einfach, und natürlich auch umgekehrt.
 
Kay: Wir haben ja am Anfang z.B. auch mal so indietronische Sachen versucht, wo Du ja auch dabei warst. Das gefällt mir persönlich sehr gut, aber man kann auch nicht alles machen - und auch nicht alles selber machen. Da gibt es schon Sparten und dafür auch Experten. Was die Subveranstalter und den Laden hier verbindet, das ist auch einfach eine gewisse gegenseitige Anerkennung: Du musst schon was in Petto haben, um hier einen Slot oder eine ganze Partyreihe zu bekommen.
 
JK: Es war aber auch mal die Sitte hier zu den besonders wilden Anfangstagen. Zieht der Laden nicht auch Leute vom Asi-Voyeur bis hin zu Vorstadt-Verstrahlten an, die sich hier Falsches versprechen?
 
Kay: Gerade solche Sachen treffen bei uns nicht zu, und ich will da auch keine anderen Läden nennen, die ich da so sehe. Gut, einerseits liebt eine Mutter immer ihre Kinder, andererseits denke ich, dass wir auch einen ganz guten Ruf haben, der uns vor solchen Leuten quasi beschützt. Das ist wie bei Pflanzen, bei denen gewisse Sekrete vorgesehen sind, um sich vor so etwas zu schützen - und so etwas haben wir hier auch. Wir geben manchen Leuten auch gerne andere Tipps im Zweifel und sagen: Geh doch mal zwei Straßen weiter, das ist vielleicht eher etwas für dich.
 
Kai: Letztlich hast Du hier immer Leute an Deiner Seite, selbst wenn mal ausnahmsweise anderes Klientel da ist. Im Moment gibt es wieder einen Selector an der Tür, um einer bestimmten Sorte Leute klar zu machen, dass das hier nicht deren Laden ist. Generell soll aber gelten, dass hier jeder hineinkommen darf. Wenn man es also gewohnt ist, in den Prater zu gehen, wo vielleicht ähnliche Musik gespielt wird, dann wird einem doch recht schnell klar, dass das hier anders läuft.
 
JK: Das Ruhrgebiet hat es ja teils noch vor sich, die Umstellung von den Kohlefabriken über die Unterhaltungsfabriken ganz weg von den Fabriken. Liegt es daran, dass es immer noch mehr Konsumtempel gibt als entspannte, familiäre, kleinere Lokalitäten mit speziellem Programm?
 
Sunny: Klar ist, dass sich die Leute hier schon zuhause fühlen dürfen. Wir reden nett miteinander, gehen aufeinander ein, aber haben natürlich auch bestimmte Regeln.
 
Kai: Das hat sich hier auch über die Jahre entwickelt, mit teils recht speziellem Programm wie den Botox Disaster Partys, wo schon eine gewisse Toleranz gefragt war. Das hat sicherlich auch das Publikum geprägt, und ein anderer Club hätte sich so etwas gar nicht getraut. Und auf so etwas wollen wir auch weiterhin setzen, wobei es natürlich schwierig ist, immer wieder neue Sachen zu erfinden. Der Mittwoch bei Lollywood z.B. ist jetzt wieder zu einer reinen Men-Only-Party geworden, auch um zu zeigen, dass so etwas hier geht.
 
Sunny: Andere Läden lassen alleine oder in Gruppen auflaufende Männer gar nicht erst hinein – oder Leute aus Asien oder Afrika. So etwas passiert bei uns grundsätzlich nicht. Wesel, Berlin oder Tokyo: Das macht hier keinen Unterschied.

Kay: Wir haben ja schon eine tolle Café- und Barkultur hier zum Beispiel. Und ich würde jetzt auch nicht jedem raten, mal einfach einen Club aufzumachen. Man muss eine gewisse Intention haben und kann nicht einfach nur laute Boxen aufstellen und die ganze Zeit "kickin' ass" betreiben. Gerade die großen Locations verkommen oft schnell zu reinen Touristenattraktionen. Der Trend saugt dann schnell die Intention weg, oder das Publikum verändert den Laden, und ehe Du Dich versiehst, ist es nicht mehr das Gleiche. Hier dagegen geht es schon auch um etwas in der Nähe von Kunst, aber bestimmt nicht ausschließlich. Da wird dann aber ebenso nicht einfach nur z.B. versucht, sein Publikum zu halten, sondern es muss uns hier gefallen, etwas geben. Letzlich ist das dann aber eine Art demokratische Entscheidung. Früher war es teils vielleicht wilder, aber manchmal auch einfach grottig, weil es zu frei war, die Künstler zu sehr drüber zum Beispiel. Das Programm ist jetzt punktgenauer, teilweise auch weniger konstruiert. Wobei es auch nicht um Mega-LineUps geht, denn für viel Geld spielen manche DJs auf jeder Atzen-Party, aber das bedeutet nicht, dass es ein guter Abend für die Leute wird. Im Ganzen ist alles letztlich nicht kalkulierbar, und das soll es auch nicht sein.

So, 14.03.2010 1

Kommentar hinzufügen

Anmelden oder Registrieren um Kommentare zu schreiben

Kommentare

Home Sweet Home

Geh hin, egal mit wem. Geh von mir aus alleine weil du sowieso Mindestens 8 Bekannte dort triffst. Geh hin und lass dich treiben. Morgens gehst du dann nachhause und erzählst die ganze Woche wie geil es wieder gewesen ist. Das ist meine Erfahrung mit dem Hotel Shanghai :-)

http://rockcityruhr.blogspot.com/

Über den Autor

04.12.2009

Stadt

Branche

Aktuelle Tweets

LABKULTUR
[CULTURE] PLAN? @KuPoGe's Sievers prepares 7th cultural-political Federal Congress 13+14.06.2013 http://t.co/d28NAkEyDF #LABKULTUR
LABKULTUR
[KULTUR] HAUPTSTADT @KosiceECOC2013 ein gutes Viertel Jahr ist rum Was bisher geschah: http://t.co/bEwS6e7pxt #LABKULTUR
LABKULTUR
thanks guys! RT @ECBNetwork: RT @sabienschrijft: finished day with new blog for #LABKULTUR. Have you read this one? http://t.co/K5zT0mIFF0
LABKULTUR
[SERVICE] companies should drop #CRM for Vendor Relationship Management @dsearls @PICNICfestival #VRM http://t.co/2c0MjuJKHw #LABKULTUR