Hoch auf dem Großen Holz

Freitag, 20.08.2010

In Bergkamen sind die local heros unterwegs. Wie jede der  52 Kommunen neben Essen, ist auch Bergkamen Kulturhauptstadt, zumindest für die vergangene Woche. Wo ist das? In der Nähe von Kamen und Kamen hat eines der berühmtesten Kreuze. Bergkamen ist wie Berg Karabach in Aserbaidschan. Die City, besser gesagt, der Fußgängerzonenteil ist eine Straße mit Geschäften, die mittags noch schließen. Es herrscht also Ruhe, geradezu dösende Ruhe.

Landmarken

Umgeben von Land und Wirtschaft, liegt der Ort in einem architektonischen Gulag. Wir parken vor einem Fotografengeschäft, wo der Fotograf vor der Tür steht und raucht, neben ihm ein Ordnungsmann, der mich freundlich auffordert, doch eine Parkscheibe sichtbar zu platzieren. Ich habe keine. Er meint, ich solle dann auf einen Zettel schreiben: 14.00 Uhr, damit sich die Geschäftsleute nicht aufregen. Worüber? Ich kritzele was auf ein 5 cm großes Stück Papier und er ist zufrieden. Das gefällt mir. Der Sheriff selbst hat Humor. Dann geht’s die Straße auf und ab und es gibt ein Eis mit Sahne bei Pelle. Ansonsten nichts. Man hat drei Plätze nach den Partnerstädten benannt. Um die Ecke liegt ein Einkaufsterrain mit Kik, Reno, Netto, Lidl, Aldi und einem Rewe-Getränkemarkt, alles an einem Ort. Sonderangebot: Bei einer Palette Red Bull gibt’s ne Flasche Jelzin Wodka umsonst. Auf der Straße nur junge Mütter und Menschen mit Migrationshintergrund.

Berg Karabach

Wir suchen die BergeHalde „Großes Holz“. Sie liegt außerhalb und es gibt keinen Hinweis darauf. Wir fragen. Die älteren wissen, wo. Man lässt uns am Fuße der Berge parken. „Wenn Du einen Schalke-Aufkleber gehabt hättest, hätten wir Dich nicht parken lassen, woll.“
„Das erste Stück is n bisken steil, dann geht’s aber. Ungefähr 20 Minuten Fußweg.“
Der Anstieg war steil und heftig. Wieder ein Berg – wie schon vor ein paar Tagen der Phoenix-Mountain am See. Dieses Mal gesäumt von Bäumen. Vor uns eine Tochter, eine Mutter, ein Mädchen, das hinterherläuft und ständig knöttert, wie weit es denn noch sei. Es ist weit und hoch. Die Landschaft tut sich links du rechts des Wegs auf. Es wird flacher. Man sieht in der Ferne den ersten Künstler, der zum Tag des Halden Kulturfestes zum Local Hero seinen Stand aufgebaut hat, ein Holzkünstler mit Kettensäge und langem Bart. Es folgt ein Sockenverkäufer, eine Bastler unter einem Pavillon, aber es geht weiter bergauf. Ich höre Kuhglocken und spüre Alphörner.

Anhöhenkunst

Der Hügel ist an der Spitze mit einer blauen Plastikfolie belegt, die man von der Straße aus sehen kann. Warum, weiß niemand. Endlich am Ende. Aber es erwartet uns keine Almhütte oder ein Ausflugsrestaurant, sondern ein Aussichtpunkt. Dicht gedrängt stehen dort ältere Herrschaften und deuten in die Landschaft. Da! DA! Und da! Es gibt einen Stand mit Kuchen und Brühwürstchen. Rauchverbot im Freien. Kein Grill wegen Funkenflugs. Toilette 20 Meter unten. Biertische, ein Generator und eine kleine überzeltete Bühne. Dort liest ein Schriftsteller, niemand hört zu. Doch, da sitzen drei Damen, wahrscheinlich ein Damenkreis, der zum Abschluss das Steigerlied singt, die erste Strophe. Der Schriftsteller sagt, er habe noch 18 Seiten, die er lesen könne. Der DJ macht aber schon Musik.

Notfallwurst

Ich esse eine lauwarme Brühwurst, reibe sie so mit Senf ein, dass ich den furchtbaren Geschmack nicht wirklich spüre. Die Wurst möpselt bis am nächsten Morgen nach. Ich beschwere mich nicht, denn die Wurst hat einen langen Weg hinter sich und die Damen haben sie sicher mit Liebe in die Sonne gelegt. Ich will eigentlich nie eine Wurst essen, aber ich scheitere oft und presse sie in mich hinein, meist mangels Alternativen. Wenn der Ruhrgebietler verhungert, dann, weil es keine Würste mehr gibt.

Die Hymne

Dann der Höhepunkt aller local hero Wochen, hier auf dem „Großen Holz“. Das Unterhaltungsprogramm besteht aus CAkewalker, AWO Frauengruppe, Chor Raduga mit russischem Liedgut, Turnstiles (alternativer Rock), den Awesome Scampis und Silvia Kampfert und der Frauengruppe Kraftquell. Und das ist es: Kraftquell. Drei fidele Ladies, die hier für ausgelassene Stimmung sorgen und ihre Mucke abliefern, als sei es das Jubiläumsfest eines wilden Kleingartenvereins. Die CD kann man kaufen, die CD, die das Ruhrgebietslied auf sich hat brennen lassen. „Wir sind das Ruhrgebiet“ Das ist es!

Abstieg

Noch benommen von dem Live-Act des weiblichen Kraftquells, gehen wir den Abstieg an. Die Wurst halb im Magen, die Musik noch im Ohr. Dieser Weg wird zu einem Pilgerpfad. Dort, wo das Lied aller Ruhrgebietler live in die Landschaft schallte – bis hin zum Gasometer in Oberhausen. Bergkamen hat gewonnen. Wir verzichten auf die Ausstellung  über wilde Tiere Europas und fahren benommen heim.
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                

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Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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