
Hinterhaus - Der lange Atem der Freischaffenden
Eine Baustellenbesichtigung samt Gespräch mit Lex Spielmann und Frank Dobry vom und im Essener Hinterhaus.
Jens Kobler: In der Innenstadt von Essen existieren nur wenige Kulturräume im Sinne von Freiräumen, in denen sich Künstlerinnen und Künstler unkompliziert ausbreiten können. Ich wüsste gern, wie das im Hinterhaus funktionieren soll, ohne in üblichen Strukturen zu denken und zu arbeiten.
Frank Dobry: Ein Zentrum mit tagtäglichem Programm zum Beispiel können und wollen wir gar nicht leisten. Das soll hier nicht unser Lebenszentrum sein, sondern eher eine Lebensbereicherung. Von mir persönlich aus betrachtet bedeutet das vor allem, dass ich die Art von Kultur und Popkultur repräsentiert sehen möchte, von der es hier zu wenig gibt. Als DJ ist mir hier z.B. alles zu sehr Techno und Electro, und konzerttechnisch findet von vielem immer das Gleiche statt. Und das ist natürlich Antriebsmotor, etwas Neues zu schaffen. Das kennst Du ja von mir und uns, dass vieles zunächst an fehlendem schnellem Zuspruch oder Geld scheitert, aber dann versucht man es halt beim nächsten Mal etwas anders. Viele Kulturschaffende haben auch ganz einfach den Raum nicht, um etwas zu tun oder andere tun zu lassen, also haben wir im letzten Sommer genau damit begonnen.
Lex Spielmann: Die Unterschiedlichkeit von uns beiden macht das auch interessant. Bei Frank ist es mehr die Musik, bei mir eher Ausstellungen, Theater vielleicht und speziell auch Soulmusik. Wir möchten eben daher hier Räumlichkeiten schaffen, in denen innerhalb kürzester Zeit unterschiedlichste Programmpunkte durchgeführt werden können. Ich selbst bin seit 2000 in Essen und habe in der Zeit sowohl gute als auch schlechte Erfahrungen gemacht, bin aber hier das erste Mal in einer Situation, in der niemand über mir steht. Und das soll gerade jüngeren Kulturschaffenden in Essen zugute kommen.
JK: In Essen wurde ja als letztes ein Gebäude in der Storpstraße andeutungsweise von Jugendlichen für Kulturarbeit umgenutzt. Gleichzeitig gibt es aber eine verstärkte Diskussion, warum denn immer gleich ganze Komplexe für viel Geld umgerüstet werden müssen, um Kulturwirtschaft von unten zu fördern – gegebenenfalls auch noch für zu teure Miete und in äußerst klinischem Ambiente. Gibt es da Schwierigkeiten, so etwas einfach zu tun, oder warum macht das wohl außer Euch kaum jemand?
Lex Spielmann: Das ist ein zweischneidiges Schwert. Zum einen sind wir gewiss keine Millionäre, die hier mal einfach Leuten die Kelle in die Hand geben. Zum anderen sind wir in der glücklichen Lage, allein am Gebäude sehr viel selber machen zu können, auch und gerade mit Hilfe netter Menschen, die da mit uns zusammen erst einmal einfach Arbeit investieren. Seit gut einem halben Jahr arbeiten wir an den Räumen hier, und wir denken, diese Investition vor allem von Lebenszeit wird sich auch lohnen.
Frank Dobry: Mit
dieser Baustelle befinden wir uns Mitte März in den letzten Zügen, aber auch das Kulturprogramm hier soll bewusst den Charakter einer Baustelle haben. Bislang gibt es nur zwei feste Abendveranstaltungen am Wochenende, schon weil wir uns die Wochenenden für uns selbst nicht völlig verbauen wollen. Und am 18. März erfolgt dann der Startschuss für den Werktagsbetrieb mit einer ersten Ausstellungseröffnung. Das ist dann der Moment, an dem wir sagen: „Hallo, wir sind da!“
dieser Baustelle befinden wir uns Mitte März in den letzten Zügen, aber auch das Kulturprogramm hier soll bewusst den Charakter einer Baustelle haben. Bislang gibt es nur zwei feste Abendveranstaltungen am Wochenende, schon weil wir uns die Wochenenden für uns selbst nicht völlig verbauen wollen. Und am 18. März erfolgt dann der Startschuss für den Werktagsbetrieb mit einer ersten Ausstellungseröffnung. Das ist dann der Moment, an dem wir sagen: „Hallo, wir sind da!“JK: Was bedeutet das für potentiell interessierte Aussteller oder anderweitig Kulturschaffende?
Lex Spielmann: Man kann sich gerne an uns wenden. Zum jetzigen Zeitpunkt schauen wir erst einmal, wie die Besucherfrequenz wird, gehen aber erst einmal von 14-tägigen Ausstellungen aus – wenn es größere sein sollen. Geplant sind aber auch Matineen an nur einem Tag, von 10 bis 22 Uhr dann etwa. Wie gesagt, die Räumlichkeiten hier sind schnell umrüstbar. Die Idee ist vor allem, das hier alles gesund wachsen kann, dass wir ohne großen Aufwand umdisponieren können, feststellen was geht und was nicht geht, und dementsprechend agieren.
Frank Dobry: Wir verstehen uns sozusagen als Kultur-Host. Natürlich müssen wir gut finden, was hier passiert, aber es ist ein Angebot für Kooperationen, Gastspiele und ähnliches.
JK: Du warst ja auch eine zeitlang im Oberhausener Druckluft aktiv. Christoph Kaiser von dort sagte mir im Gespräch, es sei heutzutage schwierig, gerade engagierte junge Leute zu finden, die sich an nur ein Haus binden wollen. Für einzelne, speziell zeitlich begrenzte Projekte hingegen fänden sich leichter Kooperationspartner. Ist das so eine Lehre, die man aus den Ansätzen der soziokulturellen Zentren der Achtziger gezogen hat? Verhindert das vielleicht allzu große, unbewegliche Apparate und kommerzielle Zwänge?
Frank Dobry: Im Grunde ist das eine Milchmädchenrechnung: Die guten Sachen bleiben im Töpfchen, die schlechten fliegen raus. Es geht um einen kleinen, lebendigen Mechanismus, für den wir quasi die Zellmembran liefern.
JK: Kommen wir konkret zur ersten Ausstellung, die ja eine Art Visitenkarte darstellen wird.
Lex Spielmann: Zum einen werden wir hier die Multifunktionalität der Räumlichkeiten darstellen können. Inhaltlich habe ich mir nicht nehmen lassen, eigene Werke vorzustellen, und zwar im Rahmen einer Ausstellung, wie es sie schon 2008 in Polen einmal gab. Ich habe mich mit dem polnischen Schriftsteller Stanislaw Przybyszewski beschäftigt, was also viel mit Europa zu tun hat, aber auch mit Wahrnehmung, einem meiner Hauptthemen. Und da sind wir dann auch wieder bei der Raumgestaltung hier: Es wird sich dazu einiges ändern, z.B. die Fensterwand (s. Foto) wird zu gemacht, Bilder werden mitten im Raum von der Decke hängen, usw. Frank Dobry: Der Eintritt hierzu wird auch frei sein, es ist also explizit die Gelegenheit, sich das hier bei Sekt und Schnittchen einmal unverbindlich anzuschauen. Genau das soll hier auch den Charakter ausmachen: Wir sind in einer permanenten Beta-Phase, wollen dass sich hier neue Dinge ergeben und einspielen, aber auch nicht, dass uns der Laden hier auffrisst.
Lex Spielmann: Wir sollten auch erwähnen, dass wir einen konstruktiven Vermieter gefunden haben, der es gerne sieht, dass hier mit langem Atem agiert wird und aus den Örtlichkeiten etwas gemacht wird. Ich kann durchaus sagen, dass ich hier jeden Zentimeter dreifach bearbeitet habe. Die Energie der Menschen, die sich mit etwas beschäftigen, ist generell durch nichts zu bezahlen, und das ist auch die Maxime, wenn es um die weitere Ausgestaltung des Hinterhauses geht. Und das ist vielleicht für Ruhr 2010 auch einmal ganz schön: Dass hier lebende, sich um internationale Kunst bemühende Menschen ein Forum finden.
Frank Dobry: Man ist hier in der Gegend super im Import, zeigt aber wenig Eigenes nach außen. Wir repräsentieren hier – und das wird funktionieren.
Fr, 12.03.2010
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