Prof. Peter Wippermann

Herr Professor Wippermann, ist Google Ihr Freund?

Der bekannte Autor, Trendforscher und Kommunikationsdesigner zur Essener Ausstellung Google Is Your Friend und über den Digital Shift

Professor Peter Wippermann ist Diplom-Vater der Arbeit Google Is Your Friend von Anke Willsch und Deborah Taranto. Ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse präsentieren die beiden zur Zeit als interaktive Ausstellung in Essen.

Wippermann kreiert mit seinem Trendbüro sehr erfolgreich Kommunikations-  und Marketinginnovationen für namhafteste Unternehmen. Der gelernte Hamburger Schriftsetzer und Layouter ist auch Professor für Grafik- und Editorial Design des Studiengangs Kommunikationsdesign an der Folkwang Universität der Künste Essen. Und er ist Autor der aktuellen Publikation Leben im Schwarm, das die neue Netzwelt nicht nur verständlich erklärt, sondern dem Leser auch eigene Handlungsoptionen aufzeigt.

 

 

Herr Wippermann, kann die Ausstellung Google Is Your Friend als ein analoges Modell zum Erfahren der digitalen Netzwerk Gesellschaft gelten?

Die erlebnisorientierte Ausstellung "Google is Your Friend" macht eine theoretische Systemkritik des Recherchenetzwerks Google sinnlich erfahrbar. Die 3D-Präsentation popularisiert die Beschäftigung mit den kulturellen Auswirkungen des Internets auf die Privatsphäre ungemein.  

 

Worin steckt die Herausforderung von Google Is Your Friend für a) die Folkwang Universität und b) die Stadt Essen?

Für die Studierenden der Folkwang Universität ist die analytische Auseinandersetzung mit dem virtuellen Datenräumen hoch aktuell. Die Umsetzung der eigenen Erkenntnisse in eine gestalterische Form bleibt eine der großen Herausforderungen künstlerischer Arbeit für die nächsten Jahre. Essen hat zu wenig Startups, die sich in der nationalen Webkultur zu Wort melden. Diese Diplomarbeit macht Mut, dass sich etwas ändern könnte. 

 

Können Sie virales Design und Kommunikation knapp und kurz beschreiben?

Es geht beim Kommunikationsdesign um die Setzung eines Themas und die Organisation von medialen Feedbackschleifen. Die angeregten Gespräche können die unterschiedlichsten Meinungen beinhalten, aber sie sollen bei der vorgeschlagenen Agenda bleiben.   

 

Werden all die Gadgets, Apps und Addons unsere Gesellschaft in eine kontrollierte Demokratie überführen (oder worin liegt gerade die Chance von Open Access und Open Data)?

Die Netzwerkgesellschaft polarisiert sich. Die Macht der Menschen, Bürger und Konsumenten wächst durch die Verbreitung von Personal Media (Personalcomputer, Smartphones, Tabletcomputer) und dem Zugang zum Internet. Es ermöglicht neue dynamische Organisationen ohne Institutionen. Gleichzeitig haben wenige globale Unternehmen, aber auch Staaten ein Monopol auf Teilnetze der digitalen Infrastruktur. 

 

Was ist digitale Ästhetik?

Wenn es so etwas wie digitale Ästhetik gibt, dann geht es hier um Prozesse und Zeit. Die Visualisierung von Daten richtet sich nach den menschlichen Erfahrungen aus der analogen Welt. 

 

Wie kann es sein, dass ein so unhierarchisches und flach kommunizierendes Medium wie das Internet heute zum größten Teil von den ja viel älteren Massenmedien kontrolliert wird?

Das Internet wird nicht von den Massenmedien kontrolliert. Im Gegenteil, die Wertschöpfungsideen der Netzwerkökonomie stellen die Existenz der klassischen Massenmedien in Frage. Deshalb gibt es einen Kulturkampf der alten Medien gegen die digitale Infrastruktur des 21. Jahrhunderts.  

 

Denkt man einmal von der Beziehung zwischen Bürger und Verbraucher her: wo steht heute der sogenannte Prosumer?

Der Prosumer, als die Vereinigung von Produzent und Konsument, gewinnt langsam an Bedeutung. Angebote wie NIKE-ID zur individuellen Konfiguration von Sportschuhen, sind seit Jahren mit überwältigendem Erfolg am Markt. Kunden werden Mitarbeiter auf Zeit von Unternehmen, das verkürzt die Wertschöpfungskette um die Intermediäre. 

 

Werden wir in Zukunft alle Künstler und Kulturabeiter sein, weil das Internet und die Medientechnologie immerzu nutzerfreundlicher werden?

Programmierer werden die Künstler von Morgen sein. Programmierte können aus Programmmodulen sampeln und remixen, bleiben aber im Ornament der digitalen Visualisierung. 

 

Ist die Digitalisierung nicht die Chance für die Wissenschaft und Künste um mit der Industrie, Wirtschaft und der Politik endlich auf gleicher Augenhöhe reden zu können?

Die Netzwerkgesellschaft ist unsere Chance, die Beziehungen untereinander und zur natürlichen Umwelt zu verbessern. Es geht schon heute mehr um Kultur, als um Technologie. Das Entstehen einer neuen erfolgreichen Partei, der Piraten, deutet auf eine neue Phase der

Repolitisierung hin. Das gesellschaftliche Neuland des digitalen Raums will kultiviert werden. 

 

Würden Sie das momentan herrschende Zeitalter von Labels und Corporate Identity als Erfolg der Kommunikationswissenschaft beschreiben?

Die kommerzielle Ausrichtung der Kommunikationswissenschaft hat das Thema Corporate Identity und die Markenkommunikation zusammen mit anderen Disziplinen, wie Kommunikationsdesign,  Marketing- oder Medienwissenschaften, erfolgreich gemacht. 

 

Kann eine offene kreative Gesellschaft neben den mächtigen Global Players des Kommunikationsmarktes (e.g. Google, Microsoft) überhaupt bestehen?

Ideen entstehen in den Köpfen von Menschen, nicht in Unternehmen - das macht Hoffnung.

 

 

Teaserfoto: © Peter Wippermann

alle Fotos im Fließtext: © Boris Alexander Knop

 

Do, 05.04.2012 0

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Über den Autor

08.03.2010

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Metropole Ruhr
Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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