Oper Dortmund

Heja, heja! Es geht doch!

Fußball und Oper – eine Vereinigung auf Augenhöhe

Das Dortmunder Opernhaus hat einen Glücksgriff getan. Ausgerechnet nach dem gewonnenen Derby zwischen dem BVB und dem FC Schalke 04 stand die Premiere von „Fangesänge“ auf dem Spielplan. Und das klingt schon nach Parallele – der Spielplan. Schussglück also, das dafür sorgte, dass so ein Publikum sicher noch nie in den Reihen der „heiligen Spielstätte Oper“ gesessen hat. 


Zumindest sah das Publikum anders aus und reagierte anders als bei Lohengrin oder Figaros Hochzeit. Zugegeben war mir anfangs etwas mulmig angesichts der Tatsache, dass mein Heimatherz durch die Gnade der von mir unbeeinflussbaren Geburt in Gelsenkirchen doch eher anderen Farben nachpocht; dennoch erlebe ich eine Messe, als sei sie von der Marketing- und Glaubensabteilung des BVB in Auftrag gegeben wurde.

 

Was ist da los in der Oper?

Man kann es so beschreiben: Draußen auf dem Platz vor der Oper – Devotionalien und ein Bierversorgungswagen. Vor dem Singen soll also getrunken werden. Girls verteilen Postkarten, auf denen „Berlin. Berlin. Ich fahre nach Berlin.“ steht. Dann kann man sich vor ein paar Fußballpappkameraden fotografieren lassen, sozusagen auf dem Weg mit der Mannschaft nach Berlin. Das sind Ideen, die schon einen Schwindel hervorrufen können. Die Menschen strömen in die Oper, als würde hier gleich ein Spiel angepfiffen. Galakleid mit BVB-Schal, ein Opernfan, der sich gleichzeitig als Borussia-Fan outet. Hier werden Synergien sichtbar, die kaum woanders denkbar wären. Biene-Maja-farbene Kleidung dominiert. Innen im nicht ganz ausverkauften Haus wähnt man sich bei der Jahreshauptversammlung des Ballspielvereins. Nicht ganz ausverkauft – das liegt sicher daran, dass viele aus „Herne-West“ noch nicht zurückgekehrt sind, dem Ort des nächsten Triumphes von Schwarz-Gelb. Andere liegen freudentrunken auf den Sofas und wollen das im Fernsehen sehen, was sie zuvor live erlebt haben.

 

Was ist da los im Parkett?

Das Publikum schaut auf den Ausgang der Katakomben auf der Bühne. Die Gänge eines Theaters sind sicher die Namensgeber für die im Stadion, haben sie doch die gleiche Spannungswelle. Der Gang, bevor es losgeht, bevor das Adrenalin steigen muss wie eine Rakete. Der Dirigent erscheint und neben dem üblichen Vorschussapplaus gibt es heute und hier: Pfiffe und Gegröle. Wunderbar. Dann der Chor links und rechts, eine gelb-schwarze optische Macht. Bei „Heja, heja, BVB“ singt und klatscht das Publikum mit. Da gilt für einen Schalker: Herzinfarktgefahr. Es wird gesungen, geschimpft und gelitten (allerdings schon bei einem Unentschieden). Der Chor der Oper in einem Cocktail mit dem „Chor der Fußballfreunde“, das ist genial gelungen, dazu drei Schauspieler, die in wechselnden Rollen mal Fan, mal Spieler vor dem Elfmeter, mal Funktionär sind. Plus ein adäquat musizierendes Philharmonie-Ensemble sowie Solisten und Solistinnen der Gesangskunst – alles wirkt wie eine massive Anleitung zum Mitmachen. Dass auch Texte wie „Schiri, wir wissen, wo Dein Auto steht“ vorkommen, geht schon deshalb in Ordnung, weil es hier in der Oper eine Lüge ist. Schiri, Du kannst sitzen bleiben. Die spielen nur.

 

Und dann ins Sportstudio

Nach 45 Minuten ist Pause, aber nur auf der Bühne. Ein Alleinunterhalter unterhält mit einem Quiz und beteiligt das Publikum. Der dritte Preis ist eine blau-weiße Tasse, die niemand will, bis sich ein Schalke-Fan im Publikum outet, ein Held, der tatsächlich in Vereinsfarben samt Schal in der achten Reihe sitzt. Pfiffe und bewundernder Applaus. Es kommen auch die Ultras auf der Bühne zu Wort, die hinter einem Zaun eine gut arrangierte Szene zeigen. Ein Fußballer sagt den Satz des Abends: „Mit einem Schuss mache ich den Hartz-IVler zum deutschen Meister.“ Allerdings taucht plötzlich Diego Maradona auf, dem man hier – völlig neben der Spur des Abends – ein paar Szenen und Lieder widmet. Regisseur Marcelo Diaz ist Argentinier. Verzeihen wir es ihm. Die Originalgesänge stecken an, gehen gar tief, werden auf dieser Bühne verdichtet zu einem Gefühl. Wir hören dann mit optimistischem Blick auf die Zukunft die Champions-League-Hymne in einer bemerkenswerten Version, nur noch getoppt am Ende von „You’ll Never Walk Alone“ von Oscar Hammerstein. Dortmund gewinnt 3:2. Vorhang. Applaus, Grölen, Pfeifen! Und dann nach Hause. Robert Lewandowski ist zu Gast im ZDF-Sportstudio.

Ach so, liebe Leute aus Herne-West: Ich bitte um Vergebung, aber ich glaub, ich brauch eine Jahreskarte.

 

Die nächsten Termine:

Sonntag 13. Mai (nachmittags empfängt das Team der Oper die Borussia am Flughafen Dortmund mit den Fangesängen)

Sonntag 20. Mai, Donnerstag 31. Mai, außerdem 24.6., 4.7. und 8.7.

Sa, 12.05.2012 1

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Kommentare

Schalke

Bleibt festzuhalten, dass auf der Webseite www.fangesaenge.de Schalke auf Platz 1 liegt mit 182 Einträgen, deutlich vor Dortmund. Und dass das Schalke-Musical "Nullvier - Keiner kommt an Gott vorbei" das beste Fußballtheater überhaupt war. Muss aber zugeben, dass auch die Dortmunder "Fangesänge" überzeugen, war in einer Endprobe vor dem Bayernspiel. (Bei dem ich auch den Dortmundern alle Daumen gedrückt habe.) Man ist schon etwas zerrissen als Schalker und Ruhrgebietspatriot. Aber dennoch, und deshalb fasel ich hier rum: Verehrung für den Mut des einzelnen Schalkers! Vielliecht gibt es ja noch eine Aufführung, in der eine Abordnung von S 04 den Abend stürmt und ruft: "Ihr Bauern! Kniet nieder! Schalke ist zu Gast! Ja, davon träume ich nachts...

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03.03.2010

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Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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