
Heimgekehrt: Gibt es die „Metropole Ruhr“ wirklich?
- Serie: Ökonomie
Als Heimkehrer nach fast 20 Jahren Exil stellt sich mir die Frage: warum wird über die „Metropole Ruhr“ so viel geredet und geschrieben und doch werde ich das Gefühl nicht los, dass es sie - außer in der in Medien und von regionalen Kulturverbänden beschworenen Form - nicht wirklich gibt. Dass es hier Kultur gibt und nicht zu knapp, daran wird niemand zweifeln, aber irgendetwas fehlt trotzdem. Ich kann die Region nicht als zusammenhängendes und sich gegenseitig befruchtendes Gebilde empfinden. Und aus irgendwelchen Gründen scheint das Ruhrgebiet für auswärtige Künstler und Kulturschaffende nicht besonders attraktiv zu sein, ja, kann kaum jene Kulturschaffenden hier halten, die von hier stammen. Irgendwann geht für die meisten eben doch der Zug nach Berlin, Hamburg oder Köln oder gleich ganz weg. Begründungen der Emmigranten: zu wenig Gegenüber, Reibung und Impulse. Eben genau das, was eine Metropole ausmacht.
Was fehlt?
Es mangelt - so meine noch wacklige These - im Ruhrgebiet an Dichte und Atmosphäre, an kulturelle Überlagerungen, Konflikten und Widersprüchen, die zu Kunst werden und die Künstler aller Gattungen brauchen. Die Flaggschiffe wie Folkwang, Zollverein, Dortmunder U (noch nichtmal fertig), Osthaus Museum Hagen oder die diversen Stadt- und Off-Theater, Filmfestivals und Konzertorte oder die handvoll Galerien von Rang lassen die Region nicht zu etwas wirklich Zusammenhängenden werden, vor allem nicht zu einem kulturellem Raum voller Prozesse und Bewegung und Querverbindungen und Dichte, der gegenüber Städten wie Berlin oder Hamburg bestehen kann.
Denn die beiden genannten Metropolen mögen kleiner sein als das Ruhrgebiet, das Ruhrgebiet mag in Summe mehr Theater und Konzertorte, Kinos und Museen haben (obwohl Masse ja noch nie irgendetwas über Qualität ausgesagt hat), Berlin und Hamburg, ja sogar Köln, bieten aber für die dort lebenden Künstler offenbar Unverzichtbares: zum einen eine kritische Masse an Kulturschaffenden, die einander gegenseitig beeinflussen; zum anderen Konflikte und gegenläufige Bewegungen, die Energie innerhalb eines begrenzten, spürbar zusammenhängenden Raums freisetzen. Diese Energie lockt wieder neue Leute an, schafft neu Konflikte und Bewegungen - und immer so weiter.
Auch hier wird geschaffen
Was im Umkehrschluss natürlich nicht heißt: im Ruhrgebiet wird keine nennenswerte Kultur geschaffen! Wird sie. Aber sie unterscheidet sich nicht besonders von der anderer größerer Städte wie Mannheim, Hannover oder Stuttgart, welche ebenfalls Mühe haben Künstler zu halten oder anzulocken anlocken.
In der Ruhrregion gibt es große Städte, aber eben keine wirkliche Großstadt im Sinne von Metropole. Egal wie heftig das Stadtmarketing auch darauf pocht. Hier gibt es einen durch Autobahnen und sich berührende Stadtränder verknüpften Raum, aus dem auch Kultur entstehen mag, aber keine gemeinsame Atmosphäre oder Energie, die einen wie oben beschriebenen Prozess auslösen würde. Es sind - um beim Bild zu bleiben - eher einzelne in sich mehr oder minder geschlossene Stromkreisläufe kultureller Energie. Und diese erschaffen kaum aus sich selbst heraus neue Energie. Und deshalb gehen dann doch so viele Weg wie nicht nur die Macher des Domicis beklagen. Berlin lockt.
Dort finden sie eine Metropolen-Szene mit der speziellen Mischung aus einer zugleich spürbaren und doch unüberschaubaren Menge von Schrott und Hochkunst, Masse und Qualität, Dichte und Tiefe, Experiment und Etabliertem. Vor allem finden sie die unkontrollierbaren, aber hoch produktiven Begegnungen und Reibungen und eine Atmosphäre, die schwer zu beschreiben, aber doch vorhanden ist. Diese ist hier im Ruhgebiet nicht enstanden. Vielleicht noch nicht. Ob das Kulturhauptstadtjahr dabei weiter hilft, bleibt abzuwarten.
(Demnächst Teil 2 - Warum gewinnt Dichte gegen Breite des Angebots? Berlin gegen Ruhrgebiet - was fehlt eigentlich, wenn doch alles möglich ist?)
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ich glaube, in der zukunft
ich glaube, in der zukunft werden sich infrastruktur und gesellschaft immer stärker in zentren und peripherien aufteilen. da sollte eine region ihr bestes tun, um zu einem zentrum zu werden. die alternative wäre eine rückentwicklung zur peripherie und damit zur weitgehenden bedeutungslosigkeit... das ruhrgebiet hat das potential ein zentrum und anziehungspunkt in nrw zu sein und ich wünsche mir, dass es das auch wird.
Das Ruhrgebiet ist eben das
Das Ruhrgebiet ist eben das Ruhrgebiet und das wird es auch bleiben. Da helfen keine Vergleiche mit Berlin, Hamburg, München und Köln oder Hannover, Leipzig, Stuttgart. Dieser Wettbewerb findet in den Köpfen der Stadtväter und am Stammtisch statt. Man sollte die Einzigartigkeit des Ruhrgebiets schützen und dieses Besondere stärken, anstatt eine Metropolregion zu verkünden, die hier nie stattfinden wird. Verkürzte man die Wege zwischen den Großstädten des Pott, dann nähme man dieser Region und seiner Siedlungsstruktur seinen speziellen Charme. Dann wären die Einwohner auch nicht mehr dieselben, sondern gesichtslose Großstädter. Urban Freaks, die ihre Armut in Kultur zu ertränken hofften.
eine schöne analyse! ich bin
eine schöne analyse! ich bin gespannt auf die fortsetzung.
ich stimme der these zu, allerdings glaube ich, dass dieses problem momentan schon bewusst gemacht wird. innerhalb der szene sind starke tendenzen spürbar, sich zunächst innerhalb der städte weiter zu vernetzen und etwas aufzubauen, und dann auch über stadtgrenzen hinaus. das gute ist, dass man sich hierbei gar nicht erst auf 'offizielle' hilfe verlässt, sondern von vornherein auf eigeninitiative setzt. erst wächst der underground zusammen und dann folgt (vielleicht, hoffentlich) die 'offizielle' sphäre. fest steht: es wird eine spannende zeit...