Liebe Schalker,
dass Ihr nach 52 Jahren ausgerechnet im Jahr der Kulturhauptstadt Ruhr.2010 Deutscher Meister werdet, wäre ein ziemlicher Clou: Da strengen sich 5,3 Millionen Menschen seit Monaten an, auch den deutschen Rest für ihre herbe Städtelandschaft zwischen Hamm und Duisburg zu begeistern, und euch gelingt es spielend. Mit Fußball.
Solltet Ihr am Ende aber doch nicht Meister sein, werde ich es als gebürtiger Anhänger eures ärgsten Rivalen Borussia Dortmund gut verkraften. Bis dahin genieße ich das Drama, an dem Ihr mitwirkt, und schwelge an jedem Spieltag im Heimweh. Denn hier in meinem Berliner Exil gibt es bloß Spurenelemente von Fußballkultur. Da treffen sich zwar tausende Bundesligainteressierte Samstagsnachmittags in schicken Szenekneipen, um etwas ähnliches entstehen zu lassen: Aber dann bleibt es doch nur beim Versuch. Denn auf den Bildschirmen in den meisten Kneipen läuft die "Sky"-Konferenz! In Gelsenkirchen oder Dortmund guckt niemand die Konferenz, weil die Menschen dort einen Standpunkt haben, wenn auch einen gegensätzlichen. Für mich ist sie längst ein Indikator für das Maß lokaler Fußballkultur. Sie ist die leidenschaftsloseste aller Fußballveranstaltungen, bei der ständig zwischen den Spielorten hin- und hergeschaltet wird. Gefühle wie Freude, Wut und Hoffnung werden einfach weggezappt, missachtet, ausgetauscht gegen das krankhafte zeitgeistige Streben nichts verpassen zu dürfen.
Fußball als Teil der Identität einer ganzen Region
Für Hingabe braucht es hier schon eine Weltmeisterschaft, besondere dramatische Momente, und Helden wie diesen wunderbar selbstverliebten Herrn Lehmann (dessen Karriere einst bei euch auf Schalke begann), der ein Elfmeterschießen gegen Argentinien entscheidet. Oder es reist eine Mannschaft aus dem Ruhrgebiet zum Bundesligagastspiel ins hiesige Olympiastadion an. So wie neulich, als hinter mir ein schwäbischer Fandarsteller saß, der ständig die Oberfläche seines iPhones befingerte und damit seine eigene Konferenz abhielt. Nürnberg. Schnitt. Leverkusen. Schnitt. München. Und Berlin? Während sich vor ihm auf dem Rasen seine Hertha in die Abwehrschlacht warf, erlag er seiner Nachrichtensucht. Beim kurzen Aufblicken schaute er auf eine gelbe Wand aus 15.000 Leibern (mehr als das gesamte Publikum beim letzten Europa-League-Spiel der Hertha) im Block der Gäste aus Dortmund. - Reschbekt! Wie macht Ihr das bloß?, war sein Ausruf. – Die Antwort ist ganz einfach: Im Ruhrgebiet ist Fußball wichtig, weil er Identität stiftet. Er verstärkt das Heimatgefühl. Und Heimat birgt die größtmögliche Gewissheit in Zeiten, in denen sich alles rasant wandelt und nichts mehr gewiss ist. Schließlich hat der Wandel, der industrielle zumal, nirgendwo tiefere Spuren hinterlassen als im Pott.
So kommt es auch, dass an Rhein und Ruhr mehr Menschen in die Stadien gehen als in irgendeiner anderen Region der Welt. Nach den Spielen fahrt Ihr dann nach Hause, guckt euch die Sportschau an, und seht, dass es in anderen Stadien wieder weniger waren. In zwei Wochen nun kommt Ihr, liebe Schalker, zum Gastspiel nach Berlin. Dabei würde es der gemeine Herthafandarsteller gar nicht bemerken, wenn die mit den gelben Hemden sich plötzlich blaue Trikots überstreiften. Das kann mir zwar nicht passieren, aber ich fänds gut, wenn Ihr bis dahin die Chancen auf die Meisterschaft bewahren könntet: Um euch am Ende leiden zu sehen; denn das kann niemand schöner als Ihr. Vielleicht gelingt euch ja das emotionalste Drama im Kulturhauptstadtjahr.
Euer
Olaf
Foto: Schreiberling (www.piqs.de)
Some rights reserved
Weitere Links
Fussballrat
Zur Authentifizierung des Fussballerlebnisses in der Hauptstadt kann ich die "Milchbar" in Kreuzberg empfehlen, Fanstützpunkt aller Gelb/Schwatten und betrieben von einer Kultfigur. Nix Schwaben-Iphone Konferenz da, sondern ein Flair von Heimat. Ansonsten auf jedenfall das Empor, Cantianstr. im Prenzlauer Berg, eine Insel des Fussballkurvengeschreis (leider oft für Hertha und mit Konferenz), beherbergt es dennoch auch BVBler und Bayern usw. zu den wichtigen spielen. Und einen Kommentar kann ich mir auch nicht verkneifen: der Ruhrpott hat so viel Fussballkultur, weil, nun ja, viele sonst nix haben hier.