Bräute auf der A40

Hatice Kök - die schneidernde Unternehmerin

Von Migranten, Mut und Mode in Duisburg-Marxloh

Von der „Romantischsten Straße Deutschlands“ oder der „Brautmodenmeile“ in Duisburg-Marxloh hat wohl im Ruhrgebiet fast jeder schon gehört.

Spätestens seit der A40-Sperrung im Sommer 2010, als hundert weiße Bräute mit „Willkommen in Marxloh“- und „Made in Marxloh“-Schildern auf der Autobahn flanierten und nun als Erinnerungsfotos in den Fotoalben hunderter Besucher weiterleben, wird mit Marxloh nicht mehr nur das schmuddelige Türken-Ghetto assoziiert, in dem junge Migranten mit ihren aufgemotzten Autos die B8 als Rennstrecke missbrauchten und die deutsche Sprache nahezu unbekannt war. Heute ist Marxloh vor allem für seine romantische Ware bekannt. Mehr als fünfzig Brautmodeläden, Juweliere, Schuhgeschäfte, Fotografen und Läden mit Hochzeitsaccessoires säumen die Weseler Straße und erfreuen vor allem türkischstämmige Paare und ihre Familien.

 

Marxloh, die Alternative zu Istanbul

Das Einzugsgebiet der Kunden erstreckt sich über rund 800 Kilometer deutschlandsweit. Aber auch aus den Niederlanden, Luxemburg, Belgien, Frankreich und Österreich kommen Heiratswillige in den Duisburger Norden, um für den schönsten Tag ihres Lebens einzukaufen.Es klingt geradezu absurd – aber Marxloh ist eine wirkliche Alternative zu Istanbul! Und dort kennt die Hochzeitsmodenbranche Marxloh ganz genau – als Konkurrent. Denn stellen Sie sich ein türkisches Paar vor, das kurz vor der Heirat steht und es sich nicht leisten kann mit beiden Familien zum Hochzeitshopping an den Bosporus zu fliegen. Die kommen nach Marxloh und finden dort einfach alles, was zu einer Hochzeit gehört. Da geht es nicht nur um das Brautkleid – nein, es muss die komplette Familie des Paares ausgestattet werden! Aber auch Deutsche haben die Brautmodenmeile für sich entdeckt und kommen immer häufiger zum Hochzeitsshoppen nach Marxloh.

 

Kleider, die die Seele streicheln

Eine, die sich besonders darüber freut ist Hatice Kök – eine von drei Frauen im Marxloher Hochzeitsbusiness und eine der wenigen, die ihre Kleider allen individuellen Wünschen der Frauen anpasst. Deutsche haben da eher bescheidene Vorstellungen im Gegensatz zu ihren türkischen Landsfrauen, doch beide eint der Wunsch, an ihrem großen Tag zauberhaft auszusehen. „Ich versuche, ihnen diesen Traum zu erfüllen. Da gibt es keine Unterschiede bei den Nationalitäten.“ Die schneidernde Unternehmerin ist überzeugt davon, dass sie als Frau klar im Vorteil ist, denn sie entwirft Hochzeitsmode für „Prinzessinnen und Königinnen, deren Seele durch das Kleid gestreichelt werden muss – und wie sollte das bitte ein Mann schaffen?“

 

Das Paradoxon des Andersseinwollens 

Um Hochzeitsmessen und Kataloge macht Hatice einen großen Bogen, beides hält sie für unsinnig, denn sie möchte nichts herstellen, das es schon gibt. Sie möchte anders sein und sich am Neuen messen lassen. Ein allzu bekanntes Bestreben, besonders unter kreativen Menschen, die alle das machen, was die anderen machen, um anders zu sein. Das Originelle kommt also ohne Nachahmung nicht aus. Somit generiert sich Individualität aus der Originalität der Nachahmung (Der Systemtheoretiker Niklas Luhmann sagte dazu: „Andersseinkönnen heißt dann eben: so sein können wie ein anderer.“) Aus diesem Kreislauf gibt es kein Entrinnen.

 

Von der Atomphysik zum Design

Und dennoch fällt Hatices Laden am belebten Pollmannkreuz in Marxloh durch Besonderheit auf. Er grenzt sich ab von allen anderen Hochzeitsläden. Die Qualität der Kleider ist auch für Laien sichtbar, die Liebe zum Detail ist augenfällig. Durch die besonders hell ausgeleuchteten Schaufenster erstrahlen die romantisch weißen Prinzessinnen-Kleider begehrenswert und

vermitteln staunenden Frauen Traumbilder einer glanzvollen, nicht mehr fernen Märchenhochzeit. Für Hatice selbst ist nichts zu fern. Eigentlich wollte die Unternehmerin, die mit zwei Jahren aus der Türkei nach Deutschland kam, Atomphysik studieren. Das ging aus familiären Gründen nicht, und so entschied sie sich für Design und die Eröffnung ihres eigenen Ladens. Obwohl sie schmunzelnd erzählt „dass gewisse Herren manchmal damit Probleme haben, dass eine Frau ein solches Unternehmen hinkriegt“, schwärmt sie vom Zusammenhalt der „Brautmodenmeile“ und weist auf das Marxloher Einzelhandels Bündnis (MEB e.V.) hin; ein Zusammenschluss lokaler Einzelhändler, die verstanden haben, dass sie zwar Konkurrenten sind, aber die größte Wirkungskraft gemeinsam erzielen können.

 

„In den letzten sechs Jahren haben sich hier in Marxloh die Kundenzahlen verdreifacht!“ – Welche verborgenen Potenziale mögen in anderen vernachlässigten Stadtteilen im Ruhrgebiet schlummern?

 

Text: Christine Bleks

Fotos: Urban Rhizome

Di, 24.01.2012 0

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02.12.2009

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Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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