Puppenband

Guten Tag, ich bin Schauspieler! - Teil 2

Werbung, Film, Fernsehen, Theater - kuschelweiche Berufsfelder oder hartes Geschäft

Es werden keine Gewinne gemacht, es wird keine Ware hergestellt und Darstellende Kunst ist flüchtig. Da ist der Begriff „Wirtschaft“ wirklich fehl am Platz und so hört man im Zusammenhang mit „Kreativwirtschaft“ nichts von Schauspiel und Tanz. Auch da gäbe es Synergien, die Wirtschaft und Kunst miteinander verbinden könnten. Nur – die handelnden Personen findet man selbst mit einer Lupe nicht. Welches große Unternehmen sponsert Theater oder Tanz, vor allem, wenn es nicht in Musical-bereiten Fahrwassern gleitet, wenn es „nur“ als ein Stück daherkommt und maximal die lokale Presse davon Kenntnis nimmt?

 

Internationale Verarschung

Dass man oft Spielball von Produzenten ist, zeigt die neue Webseite „Art leaks“, auf der sich Künstler melden können, die kein Geld bekommen haben oder zu wenig. Hier sieht man, dass es international oft so ist, dass der Wunsch nach Erfolg und Berufsausübung schamlos ausgenutzt wird.

Das „Geschäftsgebaren“ wird auch in Deutschland deutlich dreister. Man weiß um die Schwäche, berühmt werden zu wollen oder einfach nur in seinem Beruf arbeiten zu wollen, bringe es was es wolle.

Schon Studentenregisseure laden zum Casting und haben keinen blassen Schimmer im Umgang mit Schauspielern, behandeln sie teils unaufmerksamer als ihre Geräte, z.B. die Kamera.

 

Werbung ist geil

„Wow! Ich bin angefragt für einen Werbespot", höre ich mich sagen. Die Telekom startet eine neue Kampagne. Das Casting ist in Hamburg. Es geht also mit der Bahn morgens um sieben nach Hamburg. In einem ehemaligen Fabrikgebäude ist das temporäre Castingstudio angesiedelt. Man füllt einen Zettel aus, soll noch warten. Es kommt ein Kollege dazu, der aus Freiburg angereist ist.

Text: Es handelt sich um zwei Fußballfans, die ein paar Worte wechseln. Nach dem üblichen Zeigen der Hände und des Profils wird ausprobiert, mal mit Schal, mal ohne. „Danke, das war’s.“ Schnell wieder zum Bahnhof, zurück in den Pott. Abends ist Vorstellung. Bekomme einen Anruf. Ich bin in der zweiten Runde. Wieder morgens hin, nach ca. zwanzig Minuten „Casting“ wieder zurück. Der Spot-Regisseur hatte plötzlich den neuen Text gestrichen. Also Improvisation. Zurück und denken „das war Scheiße“ und gleichzeitig „das wäre toll“. Für den gesamten Einsatz bekomme ich dreißig Euro Fahrtkosten-Unterstützung und über die Agentur die Mitteilung, man habe sich anders entschieden. Da darf man nicht weinen. Mund abwischen und fertig.

Werbung für eine Automarke. Casting ist in Köln in einem Hinterhof in einer kleinen Castingbude. Ich soll einen Reporter mimen. Nach fünf Minuten bin ich wieder raus. Nicht mal einen Hauch von Fahrgeld. Sehe Monate später den Spot im Fernsehen. „Schlecht“, denke ich. „Hätte ich besser gemacht.“ Castings für Werbung sind ein großer Test für das Selbstbewusstsein und meistens klappt es eben nicht, weil Dutzende eingeladen werden und der Auftraggeber entscheidet irgendwie, irgendwo. Und wer glaubt, hier gäbe es als No Name das große Geld, hat sich getäuscht. Die Auftraggeber sind der Ansicht, dass man durch die Präsenz in den Medien stolz drauf sein sollte. Ein Tausender ist schon viel, aber eigentlich abzuraten. Dann holen sie sich jemanden von der Straße, der nicht an seinem Beruf zweifeln kann.

 

Angesagt und abgesagt

Noch vor ein paar Jahren hat man die Einladung zum Gespräch mit dem Regisseur bekommen. Heute wird für Nebenrollen fast nur noch gecastet. Ich bekam eine Anfrage für einen Kinofilm mit einem bekannten Comedian. Rolle: Ein Holländer mit Akzent. Na klar, soll sicher klingen wie Rudi Carell.

Drehbuch ist da, Text gelernt, schlaflose Nacht vor der Anreise zum Dreh. Einen Tag vorher erhalte ich die Absage. Die Verträge kommen nicht umsonst oftmals unterschrieben erst nach den Drehtagen oder währenddessen. Termine ausgeräumt, Text gelernt, alles für die berühmte Katz. Zwei Wochen später wieder eine Anfrage. „Mache ich gern“, sage ich, erhalte Text, Drehtag und den Anruf zu den Konfektionsgrößen. Ein paar Tage später dann: Absage. Die Szene sei gestrichen worden.

Gut, dass ich mich nicht abhängig gemacht habe von Drehtagen und Castings, aber viele sind es oder waren es. Manchmal tut es gut, eben nicht entscheiden zu müssen, was getan wird und was nicht. Und da kommt der Hin-und-wieder-Job „Filmschauspieler“ als Ausgleich daher, und das jedes Mal mit großen Lern- und Erfahrungsfaktor. Kürzlich musste ich in eine Art Ganzkörperkondom schlüpfen und wusste, wie sich die Darsteller in Woody Allens „Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten“ (1972) fühlten. 

Es gibt immer mehr Fernsehsender, die immer mehr zeigen, aber entweder, sie kaufen Serien und Filme ein, sie arbeiten mit Senderschauspielern oder es werden so viel wie möglich Nebenrollen gestrichen, um Kosten zu sparen. Alle machen das mit, jeder will sein Ding letztlich machen. Und die meisten haben eben Nebenrollen, so wie es mehr Etagen- als Parterrewohnungen gibt. Eine Interessenvertretung von Filmschauspielern gibt es dementsprechend erst seit ein paar Jahren. Die Gründungsmitglieder waren immerhin Jasmin Tabatabai, Antje Schmidt, Michael Brandner, Matthias Brandt, Oliver Broumis, Hans-Werner Meyer und Herbert Knaup. 

Für die freien Bühnen und -darsteller ist der Verband Freie Darstellende Künste NRW Ansprechpartner.

 

Immerhin Theater

Das Theater als Größe des Direkten bietet den Spielerinnen und Spielern, den Tänzern eben das Knarren der Bretter, den Live-Applaus des Publikums und die Lobeshymnen des Lokalkritikers. Man wird auf dem Markt gegrüßt und kann sich in die Kantinengespräche einbringen. Und wenn man im dunklen Raum sitzt und den Ausschweifungen der Regie lauscht, ist einem die Welt da draußen für einige Stunden scheißegal. Das hat auch was. Viel Spiel und wenig Brot.

Wenn man so manchem zuhört, scheinen sich wirklich die Kantinengespräche ins Leben zu drängen als eine Art Nest-Thema. Es hat etwas Abschottendes, Besonderes, wenn der Mime Interna verteilt und sich über Kollegen und Regisseure auslässt. Und natürlich gibt das Leben nicht allzu viel her, wenn man nicht im Austausch ist. Als freischaffender Schauspieler ist Flexibilität Pflicht. Der Koffer steht immer gepackt im Flur. Manche haben sich einen Wohnwagen zugelegt. Bei der Frage nach den Wohnorten kann man „überall“ angeben. Das spart Hotelkosten.

 

Privilegierte Ausübungen auf Brettern

Letztlich ist es eine Lebensweise, die Tänzerin, Schauspieler und andere an den Tag legen müssen. Welch ein wunderbares Gefühl es ist, von herzlichem Applaus umgeben zu sein, eine Rolle, ein Projekt mit Inhalt zu füllen, Menschen Bewunderung abzuzapfen, dem für viele Überflüssigen zu huldigen! 

Davon zu leben, eigene Ideen in künstlerische Wirklichkeit umzusetzen, dies zu können, ist ein Privileg. Und meistens sieht das „Lotterleben“, von dem die ganz Unbedarften sprechen, keineswegs lotterig aus. Ohne Zeit der Muße wird besonders der Künstler verrückt – über den dafür notwendigen Grad hinaus.

Und die Schlechten, Untalentierten und Schludrigen unter uns, den Darstellern und Bewegern, bleibt die Provinzposse. Oder man erlebt das Schicksal, ermordet zu werden, wie es ganz wunderbar in Woody Allens „Bullets over Broadway“ (1994) endlich mal passiert ist. 

 

El Dorado ist woanders

Im Ruhrgebiet als Tanz- oder Sprechkünstler zu überleben, ist wahrlich eine Unternehmung, die zu kreativen Höchstleistungen herausfordert, vor allem im Managementbereich. Es fehlt an Umfeld, an Akzeptanz, an Produzenten, an Zutrauen. Die Möglichkeiten, freie Arbeit als Schauspieler anzubieten stoßen auf nur wenige Orte und Projekte oder umgekehrt sind freie Schauspielerinnen hier dünn gesät, wenn wir von Profis sprechen. Es gibt kaum Produktionsfirmen für Film, kaum Strukturen.

 

Wie viel Brot für Spiele

Aber was verdienen denn nun die freien Kräfte auf den ach so freien Bühnen? Hier gibt es keinen Normalvertrag. Bier oder Selters, heißt es hier, Sekt gibt’s bei Aldi. Es gibt immer weniger Gastspiele für festes Honorar. Rechnen wir mal. Ein Ort für 99 Zuschauer ist ausverkauft bei einem durchschnittlichen Eintritt von 12 Euro – abzüglich neun Freikarten für Mutti, Freundin, Kollege und der Volontärin von der Presse – das macht brutto an der Kasse € 1.080,00. Auf der Bühne spielen sechs Schauspieler, ausgeschüttet werden 600,00.

Okay, 100 Piepen am Abend. Nicht schlecht, wenn man im Monat zwanzig Auftritte hätte, aber wer hat die schon? Vielleicht die Comedians, aber die bekommen bei mittlerer Fernsehpräsenz mindestens das Zwanzigfache. Aber oft kommen eben weniger Menschen zu den Veranstaltungen. Also macht man Solo- oder Duostücke. Überhaupt – das Publikum. Man kann sich nicht mehr darauf verlassen. Es kommt, wann es will.

"Im Ernst, wenn's nur zwei Wochen dauert, am Ende die Kohle stimmt und möglichst noch bei uns in der Gegend gedreht wird, dann spiele ich Ihnen auch ein Pferd." (Emily Watson)

 

Zu Teil 1

Do, 15.12.2011 1

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Kommentare

genaus so, nur anders mist

die wirkliche wirklichkeit der kunst (davon zu leben) glasklar aufgedeckt. dafür musstest du bestimmt nichtmal sehr investigativ sein. ich kann weniger detailreich und fundiert, eher nicht ganz repräsentativ aber immerhin recht real das gleiche aus der literaturszene berichten: das verhätnis derer, die davon leben können ist ungefähr wie von dir bei den schauspielern beschrieben = ca. 2-3%. der rest jobbt old-school mäßig irgendwas nebenbei, wird irgendwann eben doch lehrer oder wissenschaftler oder oder publiziert im internet einen sehr lesenswerten blog für umme. dann gibt es die paar (die auch eher schlecht als recht davon leben können) die machen den stadtschreiber an einer bahnschranke, gewinnen mal einen preis von olfenbüttel oder kregenhausen, dann vielleicht ein stipendium in der lünebürger heide für 4 monate, um "ein projekt" beenden. die schreiben kurzgeschichten für's bahnmagazin oder publizieren auf brötchentüten (kein witz! und recht gut bezahlt). aber das alles ist vor allem ein sehr zeitaufwendiges und eigentlich nur für eine person allein finanziell tragbares modell. wer nicht krimi machen will, und da was draufhat oder zumindest kontakte in die branche, der hat's schwer. nicht zu schreiben vielleicht, aber davon zu leben. wer lyrik macht, hat viel ehr und null mehr, wer unterhaltungs-haha-prosa schreibt, muss eigentlich vom fernsehen kommen, um richtig zu verdienen. wer unbedingt was gutes schreiben will und davon leben muss vermutlich durch die aufmerksamkeitsmaschine der schreibschulen und wettbewerbe wie open mike oder klagenfurt, am besten noch eine etwas eigenartige biografie ("er arbeitete als fischer, türsteher und fing in einem job als kaufhausdetektiv an zu schreiben. er lebt in berlin und einem dorf im allgäu) nebst aussagekräftigen foto im schutzumschlag. aber das sind dann eben schon die zwei bis drei prozent, die für eine gewisse zeit davon leben können. die publizieren romane in namenhaften verlagen, vielleicht sogar zwei, drei und dann...ohne rezensionen für zeitungen, ohne reportagen, ohne lesereisen, ohne eine ebenfalls arbeitetende frau, ohne psyeudonym unter dem man ratgeber oder regionalkrimis schreibt kann kaum einer der vielen hundert schreibenden und auch publizierenden leben. die zaimoglus, schätzing, kling, kehlmann, zeh oder tellkamp sind rar gesäht. kaminer macht eben auch fernsehen udn radio und lesung und disco, ein riesentalent wie steffen kopetzky ist jetzt kulturreferent in bayern, und auch die selbsternannten popliteraten sind alle im fernsehen, im vergessen oder journalismus gelandet oder haben es (kracht) eh nie fürs geld gemacht. was judith hermann macht, weiß keiner mehr. von den großen damen und herren grass, walser, sebald, mosebach, jellinek deren verträge und bücher aus einer anderen zeit kommen, müssen wir da gar nicht reden, die heben höchtstens den altersschnitt, widerlegen aber so gar nicht die tatsachen. lange rede ende. fazit: omas lieblingsspruch "wer schreibt, der bleibt" gilt längst nicht mehr.

Über den Autor

03.03.2010

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