Gute Tat, grausiger Effekt

Von Daniel Bickermann. Friedrich Dürrenmatt, Autor, Apokalyptiker und Hobbyzeichner, hatte einmal einen berühmten Maler zu Gast, dem er bei einem Glas Rotwein einige seiner Werke zeigte. Der Maler blieb vor einer besonders großformatigen Zeichnung stehen: Darauf rasten zwei Züge auf einer hochgelegenen Eisenbahnbrücke ineinander, die Waggons prasselten auf eine daruntergelegene Fußgängerbrücke, auf der gerade ein Umzug stattfand, und Waggons, Menschen und Brückenteile stürzten wiederum ins darunterliegende Tal auf eine vollbesetzte Wallfahrtskirche, während im Himmel zwei Sonnen ineinanderstürzten und zu einer todbringende Supernova verschmolzen. Der Maler starrte lange auf das Bild, wendete sich dann an Dürrenmatt und sagte: „Ein erwachsener Mann sollte ein solches Bild nicht zeichnen.“

Ähnlich verhält es sich mit Marina Moshkovas radikalem Kurzfilm IN SCALE, der ebenfalls jeden Maßstab verloren zu haben scheint: Zu lieblicher Kindermusik legt eine Vogelmutter ein Ei, brütet es aus, sieht ein Küken schlüpfen und sucht nach Nahrung für den Nachwuchs. Das Wunder des Lebens. Leider verursacht der kleine Piepmatz im Zuge dieser scheinbar alltäglichen Handlungen in sich steigernder Reihenfolge einen Ballonabsturz, ein Zugunglück und eine Flutkatastrophe. Es ist ein kleiner Schritt für einen Vogel, aber ein großer Rückschritt für die Menschheit.

Natürlich gab es ähnliche Verknüpfungen aus kinderfernsehtauglichen, animierten Bleistiftzeichnungen und sarkastischen Schicksalstragödien schon vorher, beispielsweise im Werk des notorischen Kinderverstörers Don Hertzfeld; aber Marina Moshkova fügt eine moralphilosophische und sogar politische Dimension ein, die dann doch tief erschüttert: Kann man den Schutz des Einzelnen in einen objektiven Maßstab stellen gegen den Schutz der Allgemeinheit? Ist es die freie Entfaltung des Individuums, die hier zur kollektiven Katastrophe führt? Oder ist es die gnadenlose Rache der Natur, die sich durch nichtsahnende Agenten indirekt am Zivilisationsimperialisten Mensch rächt? Ist es der pure Überlebenskampf einer Kreatur, durch den notwendigerweise andere Kreaturen ausgelöscht werden? Oder, für all jene, die diese Fragen nach Ansicht des simpel erscheinenden Films für zu hoch gegriffen halten: Ist dieser Kurzfilm vielleicht nur ein Scherz wie Dürrenmatts Zeichnung? Und wenn ja, auf wessen Kosten? Man lacht bei diesem Film, aber es ist ein nachdenkliches, bestürztes Lachen. Moshkova manipuliert uns geschickt dazu, uns über die Katastrophe zu freuen und uns erst danach zu fragen: Auf welcher Seite standen wir eigentlich beim Ansehen dieses Films?

Geschickt spielt sie dabei mit den Sympathien der Zuschauer: Ein geringerer Kurzfilm hätte es bei dem leicht zynischen Scherz der Chaostheorie belassen und einfach einen Schmetterling den sprichwörtlichen Taifun auslösen lassen und dabei reichlich betroffen geschaut. Kann ja keiner was dafür. Moshkova treibt ein perfideres Spiel: Ihr Vögelchen wird mit Mutterinstinkt, besten Absichten und drolliger Animation als gezielte Sympathiefigur aufgebaut – und diese Gefühle werden dann beim Zuschauer ausgereizt. Moshkova gönnt uns nicht einmal die Erleichterung eines Identifikationsumschwungs: Sie bleibt ständig auf Höhe des Vögelchens, belässt die Animation der Menschen in nebensächlichen, hässlich-schlampigen Strichmännchenzeichnungen und nimmt dem Tier niemals seine süße Stimme oder seine lauteren Absichten.

Das Paradoxon zwischen guter Tat und grausigem Effekt, zwischen dem kleinen Glück der Vögel und dem großen Unglück der Menschheit wird niemals aufgelöst. So niederträchtig ist die Welt, sagt Moshkova: Jede Naturkatastrophe ist auch ein kleines Glück – und umgekehrt kann jedes kleine Streben nach Schutz und Zufriedenheit auch massenhaftes Unglück auslösen. Die Welt ist aus den Fugen, die Verhältnisse stimmen nicht mehr, und es gibt eben keinen objektiven Maßstab für Glück oder Leiden.

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Mi, 10.03.2010 0

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