Gut gebaut: Rundgang durch das Essener Moltkeviertel

„Das Viertel ist eine Aufforderung“, sagt Tankred Stachelhaus. „Eine Aufforderung, gut zu bauen.” Dieses Resümee zieht der Journalist, wenn er die Geschichte seines Stadtviertels Revue passieren lässt, durch die Straßen spaziert und Beispiele guter Architektur präsentiert. Sein Viertel ist das Essener Moltkeviertel.



Südöstlich der Innenstadt, zwischen Kronprinzenstraße, Ruhrallee, Töpferstraße und Rellinghauser Straße gelegen, enstand es auf Ackerflächen zu Beginn des 20. Jahrhunderts als eine städtebauliche Einheit in Bezug auf Architektur, Stadtplanung und Kunst. 2010 feierte es seinen 100. Geburtstag. „Ein einmaliges Beispiel für einen Städtebau der Moderne", schwärmt Tankred Stachelhaus.
Der Journalist hat den Führer zum Moltkeviertel Das Essener Moltkeviertel – weltweit einzigartige RaumKunst verfasst. Mit dem Experten geht es bei einem Rundgang durch das Viertel, lernt man die ehemalige Königliche Baugewerkschule kennen, die Moltkebrücke, den Moltkeplatz mit Skulpturenensemble, den Camillo-Sitte-Platz, Straßen, Gebäude, Doppel- und Reihenhäuser und Villen namhafter Architekten.

Reformarchitektur an der Schinkelstraße


Reformarchitektur-Reihenhäuser an der Schinkelstraße
Sachlich, schlicht, reduziert – die Reformarchitektur zu Beginn des letzten Jahrhunderts grenzte sich ab gegen das Überbordende der Gründerzeit mit ihren reich dekorierten Fassaden. Die „überlieferte Überladung der Häuser mit unverstandenen Stilformen“ sollte laut Stadtplaner Robert Schmidt aufgebrochen werden. Und so schuf der Stadtplaner um die Jahrhundertwende mit dem Moltkeviertel ein Paradebeispiel der Reformarchitektur.

Fast zeitgleich zur Gartenstadt Margarethenhöhe erbaut, verfassten die progressivsten Architekten des beginnenden 20. Jahrhunderts mit dem Moltkeviertel ein „Manifest der Avantgarde“. Seine Vertreter waren etwa Wilhelm Kreis, Oskar Schwer, Georg Metzendorf, Alfred Fischer oder Edmund Körner. „Sie alle haben die damals weit verbreitete Protzarchitektur abgelehnt”, berichtet Tankred Stachelhaus. „Im Vordergrund stand die Funktion des Gebäudes mit klarer architektonischer Aussage.”


Geistiger Mittelpunkt des Viertels


Den geistigen Mittelpunkt des Viertels erbaute Edmund Körner 1911 – die Königliche Baugewerkschule, dem heutigen Robert-Schmidt-Berufskolleg. Gleich gegenüber befindet sich das Wohn- und Geschäftshaus Koppers von Oskar Schwer von 1911. Das ehemalige Verwaltungsgebäude an der Moltkestraße wird heute als Büro- und Geschäftsgebäude genutzt. Über das Entrée des Moltkeviertels, der Moltkebrücke, geht es zum Moltkeplatz.

Moltkeviertel mit der Baugewerkeschule von Edmund Körner (Foto: Stadtbildstelle)
Moltkeviertel mit der Baugewerkeschule von Edmund Körner (Foto: Stadtbildstelle)


Bis ins kleinste Detail...


Stadtplaner Robert Schmidt plante das Stadtviertel auch auf der großen Rasenfläche bis ins kleinste Detail. Sogar Spielflächen. „Ein absolutes Novum dieser Zeit”, so Tankred Stachelhaus. Auf dem Moltkeplatz spielte auch sportliche Ertüchtigung eine große Rolle. „Es muss für die damalige Zeit eine Provokation gewesen sein, dass hier auf Tennis- und Turnplätzen vor den großbürgerlichen Villen Leibesübungen abgehalten wurden.”

Moltkeplatz 1911
Moltkeplatz 1911


Am nördlichen Moltkeplatz befindet sich ein Ensemble zeitgenössischer Skulpturen aus acht Kunstwerken, zum Beispiel von Hannes Forster, Gloria Friedmann oder Friedrich Gräsel. Der von der Anwohnerschaft gegründete Verein Kunst am Moltkeplatz hat Patenschaften für die Skulpturen übernommen. Die Kunst im öffentlichen Raum auf dem Moltkeplatz soll erhalten, gefördert und entwickelt werden.
Gegenüber des Skulpturenparks baute Otto Bartning 1910 seine erste Kirche für die Alt-Lutherische Kirchengemeinde. 1929 baute er unweit die Auferstehungskirche – ein Leitbild für den modernen Kirchenbau.



Elemente des Neuen Bauens und der Industriearchitektur


Alt-Lutherische KirchengemeindeEs geht weiter durch Straßen mit Häuserzeilen namhafter Architekten auf der Schinkelstraße, Semperstraße oder Moltkestraße. Auch das Anlegen von geschwungenen Straßenzügen gehört zum Konzept Schmidts. In ihnen sollte sich der Mensch nicht verlieren, sondern Orientierung finden. An der Ecke Moltkestraße/Camillo-Sitte-Platz entstand 1928/1929 das Wohn- und Atelierhaus Edmund Körners.

Dort kommen Elemente aus der Bewegung des Neuen Bauens als aus der Industriearchitektur zum Tragen. In der Schinkelstraße 34 befindet sich das ehemalige Wohnhaus von Gustav Heinemann, ehemaliger Bundespräsident und erster gewählter Oberbürgermeister Essens nach dem Zweiten Weltkrieg.

An der Moltkestraße 31 befindet sich die Filiale Essen der Deutschen Bundesbank. Über die Krankenanstalten der Huyssens-Stiftung geht es weiter zum Camillo-Sitte-Platz im Osten des Viertels – ein Schaugarten den Spaziergänger aufsuchten nachdem sie die als Schaustraße geplante Ruhrallee nach oben hin flanierten. Die dreigliedrige Wiebe-Anlage ist der erste Binnenpark Deutschlands. Die rückwärtigen Gärten der Häuserblocks umrahmen ihn und grenzen direkt an den Park mit Kinderspielplatz und Grünbereichen.

Beliebt – trotz der einen oder anderen Bausünde


Der Rundgang endet am Robert-Schmidt-Berufskolleg. Das Moltkeviertel ist ein beliebtes Wohnquartier geblieben – trotz der einen oder anderen Bausünde und vernachlässigter Grünflächen.

Tankred Stachelhaus resümiert: „Das Viertel ist eine Fundgrube für großartige stadtplanerische und architektonische Lösungen. Der Visionär Robert Schmidt vermochte es, durch drei Bauphasen hindurch Bauherren für bis heute mustergültige Spitzenarchitektur ihrer Zeit zu begeistern. Dieser Anspruch verpflichtet auch bei Neubauten im Viertel. Zum Beispiel würde ich mich hier über ein Gebäude von David Chipperfield, Architekt des neuen Museum Folkwang und Erneuerer der Reformarchitektur, freuen.”
Fotos: Sandra Anni Lang

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Di, 18.01.2011 7

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Kommentare

Ist bekannt, dass es im

Ist bekannt, dass es im Moltkeviertel den Geocache "Kunst am Moltkeplatz" gibt? Der Kunst-Cache lohnt sich sehr!! ... viele positive Bewertungen.

Führung

Klar freue ich mich, durchs Moltkeviertel zu führen, wenn das Wetter wieder passt. Wer mir seine E-Mail-Adresse schickt (an info@tastach.de ), informiere ich gerne über Termine.

Besten Gruß

T.S.

Augen auf: das Moltkeviertel lohnt auch für Zwischendurch

Anruf, dass die Freunde 1/2 Stunde später zum Treffen kommen? Kein Problem, S-Bahn Essen-Süd aussteigen und in Ruhe durch´s Moltkeviertel bummeln. Augen offen halten. Nach ´ner Weile zurück zum Treff oder direkt zum Hbf... und man hat zwischendurch ´was neues von Essen gesehen.
Schöner Beitrag... weiter so.

Führungen durch das Moltkeviertel

Mich hat Tankred Stachelhaus wirklich sehr kompetent durch das Viertel geführt. Bei Interesse an Führungen kann man sich an ihn unter http://www.tastach.de wenden.

Ob und wann die Stadt

Ob und wann die Stadt Führungen anbietet - wer weiß?! Eher sich mit Tankred Stachelhaus in Verbindung setzen, vielleicht kann er was organisieren oder selbst führen. Er hat ja im Heft "Das Essener Moltkeviertel ..." einen Rundgang beschrieben (auch zum Selbsterkunden).

Das Moltkeviertel ist

Das Moltkeviertel ist wirklich toll, weiß nur fast keiner. Sollte man mal Führungen anbieten.

Wie schön, dass das überaus

Wie schön, dass das überaus interessante, sehens- und lebenswerte Moltkeviertel wieder mehr Beachtung findet ... ein Rundgang durch dieses Quartier lohnt sich immer.

Über den Autor

04.12.2009

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