gut.-Messe 2013, Jahrhunderthalle Bochum (c) PEH

gut. – die Messe: Singleküchen und dicke Teppiche

Design und Nachhaltigkeit in der Bochumer Jahrhunderthalle

Erfolg wird so buchstabiert: Zahl der Aussteller innerhalb eines Jahres von 45 auf 120 gesteigert, Zahl der Besucher von 2.000 auf 5.000 erhöht, neue Netzwerke geschaffen, Pläne zur weiteren Internationalisierung 2014. Das ist in dürren Zahlen die Bilanz der gut. – die Messe, die zum zweiten Mal in der Bochumer Jahrhunderthalle stattfand. Themenschwerpunkte: Design und Nachhaltigkeit.

 

Alles andere als dürr jedoch präsentierte sich die Messe selbst. Farbenfroh, wuselig, kommunikativ, mitunter prall und sinnlich – es machte Spaß, durch diese schöne hohe Halle zu schlendern, die als eine der wenigen Locations ohne großes Kirchtum- und Lokaldenken vom ganzen Ruhrgebiet angenommen wird. Ob Hochkultur der RuhrTriennale oder buntes Händlertreiben, die Jahrhunderthalle bietet beidem eine stimmige Kulisse. Diese Kathedrale der Industriekultur, durch Oberlichter mit Tageslicht geflutet, ist ja selbst ein Monument der Wiederverwertung und des Aufladens einer alten Form mit neuer Sinngebung. Entsprechend wohl müssen sich die Händler gefühlt haben, besonders jene, die zum ersten Mal in Bochum waren – es gibt bundesweit wahrlich ödere Messehallen. Hier zu präsentieren, machte offenkundig Laune – was die zahlreichen Besucher, Flaneure, Stöberer, Käufer und Diskutanten mit viel Neugier und Interesse zurück spiegelten.

Eine gute, gelöste Atmosphäre also. Zu sehen gab es Taschen aus Feuerwehrschläuchen und frisches Brot aus „Friedfertigem Landbau“, Hängematten von „Traumschwinger“ für das entspannte Lebensgefühl, Kirschholztische aus Kyrill-Altholz, Elektrobikes, robuste Fläz- und Lümmelteppiche aus Textilresten, ethische Banken und faire Versicherungen, neue Möbel aus kunterbunt zusammengesetzten alten Möbeln, jede Menge Schmuck, Biowein, Biobier, Sofas aus Pappe, Möbel und Dekogegenstände von Behindertenwerkstätten, Umweltschützer, Hanfmode – durchaus ein kleiner Overkill der Eindrücke. In der Mitte ein großer Gastrobereich, eine Ruheoase mit korrektem Essen und Trinken, dazu eine kleine DJ-Kanzel und Showbühne.

 

Hier das Handwerk, dort die Ideologie?

Wer unvoreingenommen kam, noch gar nichts von der gut. wusste und keine Vorab-Berichte gelesen hatte, kam beim Schlendern bald von selbst auf den Trichter, wie sich Veranstalter Guido Röcken den Aufbau gedacht hatte. Auf der einen Seite die gut 70 Aussteller der eigentlichen gut., die sich der Entwicklung, Herstellung und dem Vertrieb von Gebrauchsdesign im Bereich Wohnen, Mode und Schmuck widmen – jenseits des trennenden Cafébereichs dann eher die Meta-Ebene der Abstraktion: nachhaltiger Tourismus, nachhaltiger Konsum, nachhaltige Geldanlagen, erneuerbare Energien, alternative Mobilität. Kann ein persönlicher Eindruck sein, aber in diesem Teil der Halle, in dem sich unter dem Label „Heldenmarkt“ weitere 50 Aussteller präsentierten, ging es irgendwie ernster, ideologischer, berlinerischer zu. Künast-Lippenverkniffenheit und grünes Besserwissertum versus freundliche Handwerksleut’ – nein, so stark war der Graben, den ich mir da einbilde, nun doch nicht.

 

gut. – die Messe: Design und Nachhaltigkeit in der Bochumer Jahrhunderthalle from LABKULTUR.tv on Vimeo.

Soziologe Harald Welzer warnt vor Selbsttäuschung

Nachhaltigkeit jedenfalls ist das große Schwerpunktthema der Messe, ein Wort, das heute viele Leute nicht mehr hören können, weil es so wie „kreativ“ für alles und nichts gebraucht wird. Und gern von Konzernen zur Verschleierung eingesetzt wird. Der Soziologe Harald Welzer warnt in seinem aktuellen Buch „Selbst denken“ denn auch vor einer gewissen Selbsttäuschung: Die allerwenigsten Menschen bemerken, „dass sie aktive Teile einer Kultur sind, die permanent ihren Ressourcenbedarf erhöht, obwohl sie ihrem Selbstbild nach längst ‚grün’, ‚nachhaltig’ oder gar ‚klimabewusst’ ist.“ Trotz wachsenden Umweltbewusstseins ist dennoch „jedes Jahr ein neues Rekordjahr in Sachen Energie und Emissionen“ – weil kaum eine Familie heute mit nur einem Bildschirm, einem Telefon oder einem Auto auskommt, wie das vor einem Vierteljahrhundert noch der Fall war. Welzer sieht darin einen unbemerkten Umbau der Lebenswelt und ätzt: „Und zum Nicht-Bemerken trägt sogar noch bei, dass ein Teil dieser Produkte, mit denen man sich die Welt vollstellt, auch noch ‚bio’, ‚fair’, ‚energieeffizient’, gar ‚nachhaltig’ ist, weshalb gar nicht weiter auffällt, dass ihre schiere Vervielfältigung jeden ökologisch positiven Einspareffekt mühelos zunichte macht.“

 

Sozial, fair, zukunftsfähig

Diese Zwickmühle, dass Design ja attraktivere Produkte schafft, die wiederum neue Konsumbegehrlichkeiten wecken, diesen scheinbaren Widerspruch, in dem sich eine Messe für Design und Nachhaltigkeit – folgt man Welzers Überlegungen – tendenziell befindet, umgingen die Veranstalter mit einer geschickten Ausstellerauswahl und hochkarätigen Veranstaltungen. Insbesondere der Workshop der Sustainable Summer School zum Thema „Nachhaltigkeit für Designer“ bürgte für geistige Tiefe (zweiteiliges Interview mit den drei Workshop-Leitern hier und hier). Und was die Aussteller betrifft: Hier geht es ja nicht um den zwanzigsten Kaffeevollautomaten, der noch schickere, noch unkompatiblere und noch unverrottbarere Alukapseln benötigt. Guido Röcken und sein Team haben vielmehr Wert auf soziale, faire und zukunftsfähige Aspekte des Designs gelegt und Aussteller eingeladen, die entsprechend arbeiten. Den Tischler Robert Dertinger aus Xanten etwa, der aus vom Orkan Kyrill abrasierten Kirschbäumen Furnierholz macht und massive, gleichwohl luftig wirkende Konferenztische damit veredelt. Zwei langjährige Flötotto-Mitarbeiter, die Cousins Bernd und Jürgen Brinkmann aus Gütersloh, haben sich ihre „Welt der kleinen Wünsche“ aufgebaut und das Möbelsystem „Round“ entwickelt. Es handelt sich um Buche-Rundholz, das beim Schälen eines Stammes zur Furnierherstellung anfällt und als Abfallholz üblicherweise im Kamin landet. Die Brinkmanns drechseln, schleifen und ölen die Stücke und bauen aus ihnen Flaschenständer, Tische oder Regale mit Glasflächen. Ein zweites Leben für ein Stück Holz; Trocknungsrisse sind gewollt und sorgen für die vom Kunden bekanntlich immer gewünschte Individualität. Ebenfalls bei ihnen im Programm: das flexible Ziehharmonika-Sofa „Flexible Love“, ein innovatives Möbel aus Papier und ein wenig Holz, das man vom Einsitzer bis zur langen 16-sitzigen Wartebank ausziehen, um eine Säule drapieren oder S-förmig aufbauen kann. Es wiegt keine 30 kg und ist universell einsetzbar.

 

Viele Dinge bekommen ein zweites Leben

Am meisten los war am großen Stand von Zweitsinn, einem bereits ausgezeichneten Portal für Recycling-Design mit Sitz in Dortmund. Die ausgestellten Möbel, darunter Küchenmöbel, Kleiderschränke, Leuchten, Regale und Kommoden, sind aus unterschiedlichen Gebrauchtmöbeln neu wieder zusammengesetzt. Aus dem Unterteil eines alten Küchenschranks entsteht so eine hinreißende Singleküche mit Spüle und Kochfeld. Zweitsinn arbeitet mit etwa 25 Partnern zusammen und vermarktet deren Produkte – kleine, individuelle Firmen, die manchmal nicht einmal eine eigene Website haben und sich über das Portal bestens präsentieren können. (Kleine Notiz am Rande: Zweitsinn- und Ecomoebel-Geschäftsführerin Dr. Laura Faltz sitzt auch in der Geschäftsführung der Dortmunder Agentur wdd3c, zu deren Kunden der ungarische Billigflieger Wizz Air und der Shopping-Mall-Riese ECE gehören. Man kann nicht rund um die Uhr nachhaltig leben.) Zu den Kleinen gehört auch „Second Life Rugs“, die Teppichlinie der niedersächsischen Designerin Ute Ketelhake. Sie verarbeitet Produktionsüberschüsse der Textilindustrie aus reiner Schurwolle weiter – es entstehen handgefertigte, „upcycled“ Unikate, die enorm dickflorig und super bequem sind. Hier ihr Statement, das so

oder ähnlich wohl die meisten Aussteller unterschreiben würden: „Gutes Design ist für mich der Einklang von Gestaltung, Ökologie und nachhaltiger, sozial verträglicher Herstellung. Durch die Massenproduktkultur und deren Produktionsbedingungen geraten wir in einen Entfremdungsprozess. Die industriell gefertigten Güter deformieren auf Grund ihrer extremen Ordnung und Reizarmut unsere Sinnlichkeit und unsere Beziehung zur materiellen Welt. Es ist mir wichtig Produkte zu kreieren, die für ihren Käufer zum Lieblingsstück werden, von dem er sich nicht mehr trennen möchte. (…) Im Gegensatz zur betriebswirtschaftlichen Sparsamkeit bei Material und Zeiteinsatz in der Industrie verkörpern Second Life Rugs Wertigkeit durch hohen Materialeinsatz und entschleunigten Entstehungsprozess.“

Als ich Frau Ketelhake vom Projekt Carpet of Life erzähle, wird sie hellhörig – ihre Teppiche, für die sie fast einen Monat Arbeitszeit benötigt, lassen sich vielleicht auch in Zusammenarbeit mit nordafrikanischen Fraueninitiativen herstellen. Auch dafür ist gut. – die Messe gedacht: Austausch von Ideen und Informationen, Vergrößerung des eigenen Netzwerks.

 

Fotos: Peter Erik Hillenbach (PEH)

 

Mo, 08.04.2013 0

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13.12.2009

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Wer spart, der hat.
vor 1 Jahr 12 Wochen

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Metropole Ruhr
Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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