
Gut, aber nicht hoffnungslos
- Serie: EUROPE IN SHORTS
Von Daniel Bickermann. „Die Situation ist gut, aber nicht hoffnungslos“, lautet ein schnippisches polnisches Sprichwort, das der langen Leidensgeschichte des Landes ebenso Tribut zollt wie dem Erfindungsgeist und der nicht klein zu kriegenden Anpassungsfähigkeit seiner Bevölkerung.
Obwohl polnische Ingenieure und Kameraleute ganz nahe an der Erfindung des Lumièreschen Kinematographen dran waren und es sogar eine polnische Konkurrenzmaschine gab, entfaltete sich die polnische Filmkultur erst mit der ersten eigenständigen Republik nach dem Ersten Weltkrieg, und sie erwarb sich ihren guten Ruf vor allem mit national orientierten Epen und literarischen Adaptionen. In diesem Umfeld begannen die Karrieren von internationalen Stummfilmstars wie Pola Negri oder weltberühmten Opernfilmdarstellern wie Jan Kiepura. Aber auch avantgardistische Strömungen waren bald ein fester Bestandteil dieser außergewöhnlich anspruchsvollen Filmkultur vor dem Zweiten Weltkrieg – aus dieser Avantgardeszene stammt auch Jerzy Toeplitz, der später als langjähriger Leiter der legendären Filmschule Lodz praktisch alle polnischen Talente von Rang und Namen ausbilden sollte. Der Zweite Weltkrieg, in dem das Land von den beiden es einschließenden Großmächten Russland und Deutschland abwechselnd blutig erobert und ausgebeutet wurde, stellte dann einen abrupten nationalen Nullpunkt dar, von dem erneut kein Neuanfang möglich schien.
Auferstanden aus Ruinen
Tatsächlich stand nach 1945, wie es die Legende will, im ganzen Land nur noch ein einziges funktionsfähiges Kino und als einziges Studio nur noch eine alte Turnhalle in Lodz zur Verfügung. Aus diesem Trümmerfeld entwickelte sich dann allerdings eine blühende Landschaft und eine in Europa einmalige Produktionsweise, die um „Filmgruppen“ kreiste, denen für ein kommunistisches Land erstaunlich viele individuelle Freiheiten eingeräumt wurden. Die „Polnische Schule“ um den nimmermüden Pionier Andrzej Wajda stellte moralische und soziale Themen in den Mittelpunkt und traf damit den Nerv von Europas vielleicht gebildetstem, sicherlich aber cineastischstem Publikum: Bereits Mitte der 60er Jahre erfreuten sich die ca. 30 jährlichen polnischen Kinofilme trotz der Öffnung des Marktes für Hollywoodfilme eines beachtlichen Marktanteils von 35%. Das loyale Publikum, das in über 200 örtlichen Filmclubs organisiert war und manchem polnischen Film unglaubliche 30 Mio. Kinobesucher bescherte, blieb dem Land lange erhalten – bis zu 400 jährlich produzierte Kurzfilme während der 60er zeugen von einer beeindruckenden nationalen Filmkultur, zumal darunter Meister der kurzen Form wie Zbigniew Rybczynski herauskamen, die die bereits erwähnte polnische Avantgarde-Tradition fortführten. Und noch 1990 hatte Polen dank 1 Mio. Videorekorder die größte Videodichte der Welt.
So sehr der endlos produktive Wajda am Theater, im Fernsehen, in der Filmpolitik und nicht zuletzt im Kino die polnische Filmlandschaft der 50er bis 70er dominierte, so kam doch eine äußerst fruchtbare neue Generation von Filmemachern um Agnieszka Holland, Feliks Falk, Roman Polanski und natürlich Krzysztof Kieślowski nach, die ebenso wie Wajda an der Filmhochschule Lodz ausgebildet worden waren. Nicht einmal die strikte Zensur des Jaruzelski-Regimes ab 1980, dem die sozialrealistischen Stoffe der „Polnischen Schule“ entscheiden zu weit gingen, konnte dieser Generation etwas anhaben. Polanski war längst nach Amerika gegangen (wohin es später auch Agnieszka Holland ziehen würde), während die meisten Filmemacher sich in vermeintliche Genrefilme flüchteten, die allerdings nicht selten den gleichen gesellschaftlichen Sprengstoff an den Zensoren vorbeitransportierten.
Die Regierung wechselt, das Publikum bleibt
Nach dem demokratischen Umbruch kämpfte die Filmindustrie mit massiver Inflation und rabiaten neuen Produktionsbedingungen, dennoch revolutionierte sich innerhalb von nur zehn Jahren eine bisher eher lokal organisierte Film-Planwirtschaft zu einer florierenden Privatindustrie um, für die vor allem Krzysztof Kieślowski Preise in Cannes und Berlin gewann. Im neuen Jahrtausend dann gab es nach einigen Fernsehkrisen auch immer wieder Fördergeldkrisen, und die sagenhaften Besucherzahlen von früher konnten, schon aufgrund der neuen Preispolitik, nicht mehr erreicht werden. Trotzdem bleibt das polnische Publikum eines der anspruchsvollsten und cinephilsten in ganz Europa, und der große Besucherstrom auf den Festivals legt ein eindrucksvolles Zeugnis von dieser Filmbegeisterung ab: ob auf den großen Festivals in Warschau oder Gdynia, auf den eher spezialisierten Treffen wie dem Kurzfilmfestival in Krakau oder dem weltbekannten Kamera-Festival Camerimage, aber auch auf den jährlichen polnischen Filmfestivals in Los Angeles, Seattle oder Berlin. Der polnische Film lebt also und erfreut sich bester Gesundheit.
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