Die Frage, wer nach Thomas Gottschalk kommt, hat das Grimme-Institut bereits beantwortet. Über die Frage, welche Formate im TV eine Ehrung verdienen, wurde aber selbst auf der Pressekonferenz zur Bekanntgabe der Nominierungen engagiert diskutiert. Ganz im Sinne des Direktors des Institutes, Uwe Kammann, der den Preis nicht zuletzt als Anlass für einen öffentlichen Diskurs über Qualität nicht nur im Fernsehen betrachtet und den „transparenten Entscheidungsprozess“ der Preisvergabe betont. In diesem Sinne.
Die Wettbewerbe Fiktion und Unterhaltung
Uwe Kammann wie auch Annika Sehl aus der Nominierungskommission heben hervor, dass die qualitativ besten TV-Formate der Sparte „Fiktion“ nach wie vor im Bereich „Krimi“ zu finden sind. Aber 2011 gab es nicht nur außergewöhnlich viele neue Ermittlerteams. Die Nominierungen der Produktion „Homevideo“ (ARTE/NDR/BR), sowie das crossmediale Projekt „Wer rettet Dinah Foxx?“ (ZDF) und „Dreileben“ (ARD/BR/Degeto/WDR) zeigen, dass die Kommission durchaus tagesaktuelle Themen und Formate im Blick hat, die eben nicht dem Klischee „Öffentlich-rechtlich ist für (Früh-)Rentner – und die werden immer mehr“ entsprechen.

Karl Heinz Eisfeld, Uwe Kammann, Annika Sehl, Dr. Ulrich Spies, Jürgen Overkott
Mit einer der Nominierungen in der Sparte „Unterhaltung“ ist gut Schlagzeilen zu belegen, nämlich dem – international gelobten – Opening Act des Eurovision Song Contest 2011 von Anke Engelke, Judith Rakers und Stefan Raab (ARD/NDR). Unterstützung aus Marl kommt auch in diesem Jahr wieder für die „Konspirativen Küchenkonzerte“ (ZDF.kultur/ZDF), aber auch für „NNN – Neueste Nationale Nachrichten“ aus der Satire-Reihe „Extra 3“ (NDR). Dr. Ulrich Spies, Referatsleiter des Grimme-Preises, merkt zurecht an, dass generell sehr gute, aber nicht viel neue und eigenständige Formate nominiert sind: „Vieles beruht auf vor allem in den Vereinigten Staaten erprobten Produktionen.“ Aber ein guter Transfer sei wesentlich besser als ein völlig eigenständiges Format, das letztlich nicht funktioniert.

© Lucia Eskes / Grimme-Institut
Und so entwickelt sich auf dieser Pressekonferenz erwartbarer Weise ein Kurz-Disput über die Möglichkeiten von wertigen Sendungen für alle und auch auf einem möglichst optimalen Sendeplatz. Die Journalisten wünschen sich eine Welt, in der die Mehrheit um 20.15 Uhr eben nicht Sport, Krimis und Shows sehen will. Dabei wird natürlich einiges außer Acht gelassen: 1.) Vielleicht gäbe es auch in dieser bestmöglichen Welt Besseres zu tun, als vor dem Fernseher zu sitzen. 2.) Man muss nicht ein Uwe Kammann sein, um sich z.B. für die Technik oder das Storytelling bei u.a. Sportereignissen zu interessieren. 3.) Machen die Öffentlich-Rechtlichen erfolgreichen Pop, ist es nicht gut. (Dabei ist es ja ihr Job, u.a. identitätsstiftend zu wirken.) Machen Sie zusätzlich „neo“s und „.kultur“s auf, ist es auch nicht gut. 4.) Wer mit „Steuergelder“ und „GEZ“ etc. argumentiert, darf nicht gleichzeitig die Mehrheit beschimpfen. Und wo keine mutigen Experimente erfolgreich stattfinden, da kann auch kein Grimme-Preis unterstützend tätig werden – was sich vor allem im dritten Wettbewerb zeigt.
Der Wettbewerb Information/Kultur
„Quote und Qualität austarieren“ heißt es in Karl Heinz Eisfelds
Preisträgerin Hannelore Hoger © Agentur Regine Schmitz
Lobrede auf Hannelore Hoger, die in diesem Jahr die Besondere Ehrung des Deutschen Volkshochschul-Verbandes für herausragende Verdienste um das Fernsehen erhält. Ein Anspruch, der erst recht für die „Königsdisziplin“ (Jürgen Overkott) gelten sollte, eben „Information/Kultur“. Dokumentationen und historische bis popkulturelle Einordnungen sind selten akut alltagsrelevant, da die Produktion ihre Zeit braucht, treffen aber manchmal den Nerv der Zeit. Beispiele hierfür unter den Nominierten sind „Geschlossene Gesellschaft – Missbrauch an der Odenwaldschule“ (ARD/SWR/HR), „Gott bewahre – Die Welt der ultraorthodoxen Juden“ (ARTE/SWR), „Die Wolke – Tschernobyl und die Folgen“ (ARTE/MDR) und auch „Mein Leben – Flake“ (ARTE/ZDF). Aber warum greifen aktuelle Informationssendungen immer nur auf Zweite-Hand-Material zurück, selbst wenn ausnahmsweise, aber viel zu selten einmal eine etwas längere „Breaking-News“-Sendung in das Programm geschoben wird? Auf Anfrage, ob nicht eine halbwegs aktuelle Sondersendung zu einem tagespolitischen Thema hätte nominiert werden können, müssen sowohl Dr. Ulrich Spies als auch Jürgen Overkott von der Nominierungskommission verneinen. Auch hier gilt pikanter Weise: zu wenig eigenständig. Und nicht nur das: „Ich habe 2011 auch sehr wenig Sinnvolles und Reflektiertes zu Wirtschaftsthemen gesehen“, so Overkott. Selbst zu spät nicht, könnte man nicht nur zu diesem Thema anfügen.
Schade also, dass – wie schon in dem Bericht zu "50 Jahre Deutschlandfunk" angedeutet – eigenständiges Recherchieren und Produzieren nicht gerade zu den Königstugenden der deutschen Medienlandschaft gehört. (Einfach Weiterverbreiten und dann kommentieren und Talkshows ansetzen scheint unkomplizierter zu sein.) Hätte der Autor dieser Zeilen sich einen würdigen Preisträger zu wünschen, sähe der oder die etwa so aus: Aufkommende Unruhen in Ägypten? Okay. Die Redaktion ruft einen Filmemacher vor Ort an, schickt einen relativ neutralen Journalisten dazu und gibt den Auftrag, doch bitte eine aktuelle Dokumentation samt Hintergrundbericht für in sechs Tagen, 20.15 bis 21 Uhr zu produzieren. Mit abnehmendem Zuschauerinteresse, weil mal wieder ein Politiker aus einem Dschungelcamp zu fliegen droht, werden die Beiträge dann wöchentlich weiter produziert, aber eben nicht zwingend im selben Format bzw. über das selbe Medium. Soweit ein Wunsch für den Grimme-Preis 2013. Blicken wir jetzt gespannt auf die Jury, die am 13. März 2012 die Preisentscheidungen für dieses Jahr bekannt geben wird. Die Verleihung findet am 23. März im Theater der Stadt Marl statt.
Weitere Informationen zu den Nominierungen für die Grimme-Preise 2012 hier.