
Grimme Fernsehfestival: "Tortour" de Ruhr - siechendes Ende einer Arbeitswelt
- Serie: Grimme-Video-Wettbewerb, Ökonomie
Tour der Ruhr - das klingt nach Rundfahrt wie Tour de France. Doch vor allem der Festivaltag unter dem Motto „Arbeitsleben“ führt den Besucher des Grimme-Fernsehfestivals zurück zur Kohle- und Stahlwelt des „Potts“, eine Welt, die lang Zukunft bedeutete und dann endete. Anschließend führen die Filme hinaus in die Weite des Strukturwandels, von wo es kein Zurück mehr gibt.
Rote Erde und Schwarzes Gold
Mit dem Spielfilm „Rote Erde“ einer Bergabeitersaga aus den 80er Jahren begann der Tag: harte Männer mit Herz, harte Arbeit mit Zukunft und hartes Leben mit „Schnauze“ Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts, als der Mythos vom Ruhrgebiet und seinen Menschen entstand.
Irgendwo in diesem Fernsehepos von Jospeph Vilsmaier liegen die Wurzeln des Selbst- und Fremdbilds des Ruhrgebiets bis Heute: Maloche, ehrliche Haut, Grau, aber Hand in Hand der Zukunft entgegen. Heute in Industriedenkmälern konserviert und an Kneipentresen besungen.
Portraits im Makro und Weitwinkel
Auflösung und Verlust von Identität und Zusammengehörigkeit der Region zeigen die beiden Dokumentarfilme des Tages: Zum einen die Langzeit Beobachtung „Prosper/Ebel - Chronik einer Zeche und ihrer
Siedlung“ von Christoph Hübner und Gabriele Voss; zum anderen der Film „Abenteuer Ruhrpott“ von Werner Kubny.
Prosper/Ebel ist eine Langzeitdoku entlang der Biografien eines kleinen Orts stellvertretend für die Region Ruhr als Ganze - vom Speziellen ins Allgemeine; in den Geschichten der Einzelnen steckt die Geschichte einer Region, ja einer Ära.
„Abenteuer Ruhrpott“ dagegen stellt die Prozesse ins Zentrum, in dem Menschen zum Handeln gezwungen werden. Er konzentriert sich eher auf den Mensch in der Maschine des Stukturwandels und zeigt die Region im Weitwinkelformat.
Nur allgemein, aber nicht allgemein gültig
Doch "Abenteuer Ruhrpott" findet den Weg vom Allgemeinen leider nicht ins Allgemeingültige, genügt sich mit Bildern von stürzenden Fördertürmen gegengeschnitten zu Chipfabrik Robotern, dem „neuen“ Ruhrgebiet. Die O-Töne von Kumpel der Zeche Hugo sind stark, aber man sieht nur den kohleverschmierten Arbeiter in den kurzen Interviews, nicht den Menschen hinter der Arbeit, also auch nicht, was er wohl sein wird oder sein könnte.
Der Titel des Films sollte offenbar den Blick auf die Chancen des (erzwungenen) Wandels lenken, zeigt eine Region im Umbruch, aber lässt vor allem Experten, Wissenschaftler und Planer reden. Er ist ein Zeitdokument des Irrglaubens, dass mit einem Frachthafen hier, einer Chipfabrik da, ein bisschen Kreativwirschaft und Universität dazu, eine Region die fast 100 Jahre sträflich zur Monokultur gezüchtet wurde, die Millionen von Menschen abhängig machte von der industriellen Konzentration, sich am Ende doch irgendwie am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen wird.
Der Anzug soll für 40 Jahre passen
Ganz anders „Prosper/Ebel“: Der lässt nicht vor allem Experten, Professoren und Entscheider reden, sondern jene Menschen, die vom Strukturwandel betroffen sind und sich in ihm vollkommen neu orientieren müssen. Sie zeigt er im Herbst des Bergbaus Ende der 70er über die protestbewegten 80er bis Ende der 90er.
Der Film ist so Zeitdokument einer untergegangenen Kultur und nicht einer politischen Formel "Strukturwandel" wie „Abenteuer Ruhrpott“. Prosper/Ebel erzählt von einer Wirklichkeit, die jahrzehntelang auf Kontinuität der Arbeits- und Lebenswelt ausgelegt war und dann endet.
Ein Ausbilder sagt zu den jungen Bergmannslehrlingen: „In den kommenden zwei Jahren werdet ihr einen Anzug für Euch schneidern, den ihr dann für 40 Jahre tragen werdet.“ Der Anzug ist heute zerschlissen und unmodern, das Arbeitsleben wird durch Globalisierung, Technisierung und Komplexität geprägt, in der viele dieser Leute keinen Platz mehr finden. Es wird nicht mehr eine Arbeitskultur für die Region geben, sondern viele. Die Richtung ist längst eingeschlagen, doch die Tortour de Ruhr wird noch eine Weile dauern.
Debatten a la Grimme: Fein, aber ohne Öffentlichkeit
Zu beiden Filmen gab es Diskussionsrunden im Anschluss, die sehr „Grimme“-mäßig abliefen: feine Vortragende und Gespräche nach anspruchsvollen Filmen - aber ein nur kleines Publikum.
Dass gerade zum zweiten Film „Abenteuer Ruhrpott“ u.a. ein RWE Vorstand, ein ehemaliger Minister, ein ehemaliges Krupp Aufsichtsratmitglied und ein Professor auftauchten, verwundert nicht, reden doch auch im Film die „movers und shakers“ der Region während im Film „Prosper“ der Ali, die Elke und der Horst von nebenan die Hauptrolle spielen.
Und noch mal 30 Jahre Wandel....
Die Redebeiträge drehten sich auch im Jahr der Kulturhauptstadt um verpasste Chancen, Fehler der Vergangenheit und dem unguten Umgang mit den Menschen, die vom Wandel betroffen sind.
Einig waren sich die Herren, dass das kulturell / wirtschaftliche Aufschließen an Städte wie Hamburg (Kultur/Medien...) oder Berlin (Kultur/Bildung/Forschung...) wenn überhaupt möglich noch 20-30 Jahre dauern werde. Auch, dass alle Ruhrgebietsstädte nach dem Ende von Kohle und Stahl nun auf Innovationen und Kultur setzen und damit einem Wunsch nach dem Erhalt einer gemeinsamen Identität folgen. Was man ja durchaus positiv sehen könnte, den Wunsch nach Zusammenhalt in einer Welt, die eher fragmentiert wird. Einig war man sich aber auch, dass all diese Entwicklungen denen nichts nutzen wird, die jetzt schon abgehängt sind.
"Alles bleibt anders...", sang Grönemeyer einst.
Selbiges trifft auch aufs Ruhrgebiet zu - die Filme und das gesamte Festival Tour de Ruhr dokumentierten das sehr schön.
Fotos: Grimme / Verleiher
>>>"Pottspot - der Grimme-Video-Wettbewerb"
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