Grateful Dead für Diplom-Ingenieure – Die Grunge-Helden Pearl Jam verzaubern in Berlin

Im zwanzigsten Jahr ihres Bestehens feiern die Grunge-Überlebenden aus Seattle immer noch konstant Erfolge. Auch weil Pearl Jam-Fans ihrer Band hinterher fahren.

Heimspiel in der Hauptstadt

Einen Pearl Jam-Fan erkennt man nicht sofort. Die Anhängerschaft ist nicht homogen und weit entfernt vom Mainstream. So weit, dass sich normale Medien kaum für das Rock-Quintett um Sänger Eddie Vedder interessieren. „Gibt es die denn noch?“, lautet eine der Standardfragen. Anfang der Neunziger wäre dies ein Frevel sondergleichen gewesen, da verkauften Pearl Jam mehr Platten in den USA als die Überband Nirvana, 1993 waren es eine Million in einer Woche. Grunge war in, man trug Karohemden, besang die eigene Ausweglosigkeit und verdiente trotzdem irrsinnig viel Geld. Dieser Widerspruch trieb Nirvana-Sänger Kurt Cobain 1994 in den Selbstmord.

Pearl Jam, auch aus Seattle, und als kommerziellere Nirvana-Version gebrandmarkt, hingegen überlebten als Menschen und Musiker, weil sie sich dem medialen Mainstream verweigerten. Gaben kaum Interviews, drehten keine Videos für MTV, verklagten den Veranstaltungsmonopolisten Ticketmaster (erfolglos), sicherten sich so aber eine treue Fanbasis. Der Trend war nie ihr Freund, musikalisch verschwanden die Hymnen der Frühzeit, es folgten experimentelle Alben, weniger Verkäufe, aber erstaunlicherweise kamen mehr Zuschauer zu ihren Konzerten. Ihr Ruf ist inzwischen legendär: Sie gelten als eine der besten Live-Attraktionen ihrer Zunft. Im Jahr 2000 brachten sie das Kunststück fertig, gleich mehrere Live-Bootlegs in den US-Top 200 zu haben. Denn Pearl Jam spielen nie denselben Set, jedes Konzert ist anders; man muss schon mehrere Gigs sehen, um alle Favoriten zu hören. Jedes Jahr macht sich daher ein kleines Völkchen auf die Reise. In der Wuhlheide spielen sie seit 1992 zum fünften Mal, davon viermal als Headliner, ein Heimspiel in der Hauptstadt.

Schon am Bahnhof in Hannover treffen sich erste Grüppchen, man kennt sich von vorhergehenden Tourneen, hat sich angefreundet, viele Erlebnisse geteilt. Es soll sogar Ehen geben, die auf diesen Reisen gestiftet wurden. Ähnlich wie die Deadheads, die Anhänger der kongenialen Hippietruppe Grateful Dead aus San Francisco, sind Pearl Jam-Fans Meister in der Organisation. Reise- und Übernachtungsmöglichkeiten werden im Internet verbreitet. Im Best Western Hotel am Köpenicker Schloss logiert nicht nur eine europäische Gemeinschaft, es ist international: Norweger, Dänen, Holländer, Schweden, Deutsche, Briten, sogar Australier und Amerikaner. "Wie oft hast du sie schon gesehen" , ist die meist gestellte Frage.

Der Star ist der Song

Das Konzertgelände Wuhlheide, bereits zu DDR-Zeiten ein Naherholungsgebiet, wird schon nachmittags belagert. Der Tenclub, offizielles Fanorgan der Band, ist vor Ort, ab 14 Uhr können die vorbestellten Tickets abgeholt werden. Es gibt einen separaten Eingang für die Mitglieder. Um 18.30 Uhr ist das Rund schon gut gefüllt, die Vorgruppe um Sänger Ben Harper wird höflich empfangen. Erster Jubel kommt auf, als Eddie Vedder sich zu einem Duett auf die Bühne begibt: „Under Pressure“ von Queen und David Bowie.

Um 19.45 Uhr beginnt das Konzert, wie oft bei Pearl Jam, mit einem langsamen Song: „Long Road“. Die 17.000 Anwesenden genießen jeden Augenblick, singen laut mit; Pearl Jam-Fans sind textsicher, sicherer als ihr Idol, das oft aufs Textblatt schauen muss. „Why Go“ vom 91er-Debüt „Ten“ ist der erste Höhepunkt. Vor „Elderly Woman Behind The Counter In A Small Town“, ein Song vom 93er-Zweitling „Vs.“, verspricht Vedder einen „langen Abend mit Freunden“. Auf Deutsch. Die Sonne ist noch nicht untergegangen, aber Pearl Jam schaffen es trotzdem, mit der Ballade „Immortality“ Gänsehaut zu erzeugen. Und alles ohne Show. Es gibt ein Backdrop im Bühnenhintergrund, mehr Spektakel ist nicht. Der Song ist der Star, Vedder der Botschafter. Joachim Lundberg aus Schweden wird später an der Hotelbar sagen, dass er Pearl Jam-Konzerte zur Flucht vom Alltag braucht. „Even Flow“, ebenfalls ein früher Hit, ist der nächste Höhepunkt einer Show, mit „Corduroy“ und „Do The Evolution“ folgen weitere. Im zweiteiligen, einstündigen Zugabenteil wird es noch exklusiver: Bei dem MC5-Cover „Kick Out The Jams“ hilft Peter Buck von R.E.M. mit seinem Gitarristen-Kollegen Scott McCaughey aus, danach wird es sehr emotional: Exakt auf den Tag genau vor zehn Jahren, am 30. Juni 2000, starben während des Pearl Jam-Auftritts auf dem Roskilde-Festival in Dänemark neun junge Menschen im Gedränge vor der Bühne, einige Tage zuvor spielte man auch hier. Vedders Stimme bricht, eine Schweigeminute folgt. Das anschließende „Come Back“, eigentlich eine Hommage an das verstorbene Punkrock-Idol Johnny Ramone, erhält so eine neue Bedeutung.

Jammern im Wald

Ihren größten Hit, „Alive“, sparen sie sich zum Schluss der 28 Songs auf. „Are you deserve to be, is that the question, who answers who answers?“: Der Chor der 17.000 ist lauter als die Band, man sieht viele Menschen mit geschlossenen Augen lautstark singen, ein Anblick, der allein schon für Gänsehaut sorgt. Nach dem Abschluss „Yellow Ledbetter“ sind fast zweieinhalb Stunden wie im Flug vergangen. Es ist immer noch nicht dunkel, aber viele Fans bleiben sitzen. Erst gegen 23 Uhr leert sich das Rund. Im Viva, einem Beach-Club hinter der Bühne, mitten im Wald, wird weiter gefeiert, der erste Nicht-Pearl-Jam-Song läuft erst weit nach Mitternacht: „Sex Is On Fire“ von den Kings Of Leon, auch eine Band, die Pearl Jam lange vor ihrem Durchbruch als Vorgruppe verpflichteten. Es bleibt in der Familie. Die Musik wird lauter, aber die Diskussionen, die man verfolgen kann und selbst führt, verstummen nicht und haben alle denselben Tenor: Es fehlten einige der größeren Hits. Kein „Daughter“, kein „Rearviewmirror“, kein „State Of Love And Trust“, kein „Animal“, kein „Jeremy“… Studierte Menschen streiten darüber, ob die Reihenfolge der Songs gut oder schlecht war, wie der Spannungsbogen zu bewerten sei. Es sind Dialoge, die ein Außenstehender kaum nachvollziehen kann. Man hat das Gefühl, auf einem Kongress von Musikwissenschaftlern zu seion, die sich selbst und ihre Leidenschaft aber nie in Frage stellen. Reflexion geht anders. Aber Fan kommt von fanatisch, und das ist das Problem: Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht (mehr). Die Berliner Presse verbreitet in den nächsten Tagen Jubelarien, den Fans ist es an diesem Abend egal. Man ist nicht ganz zufrieden. Jammern auf hohem Niveau. Auch daran merkt man die Globalisierung: Nicht der Deutsche an sich ist nie zufrieden, mittlerweile ist dieses Phänomen auf der ganzen Welt angekommen. Wie sagt Joachim Lundberg gegen 3 Uhr morgens: „Andere Menschen wären froh, diese Probleme zu haben, über die wir jetzt drei Stunden geredet haben.“

Fotos: privat

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Mo, 05.07.2010 0

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17.02.2010

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