
Graffiti und Street-Art im Wandel
Weltklasse aus Iron City Dortmund
- Serie: Kunst
Passend zu unserer heutigen Bildergalerie auf Facebook hier ein anderthalb Jahre alter 2010LAB-Artikel über die Graffiti-Szene in Dortmund. Die im Artikel genannte Streetart-Galerie "Mattschwarz" gibt es noch, hinzu gekommen ist die 44309 Streetart Gallery in der Innenstadt, die Künstler wie Mark Gmehling erfolgreich vertritt.

Manche meinen, es sei der Fußball, andere verweisen auf das neue U, Bier oder Stahl nennt niemand mehr. Wenn es darum geht, eine Branche zu identifizieren, in der Dortmund einen internationalen Ruf besitzt, dann scheitert man schnell an den Unzulänglichkeiten der realen Verhältnisse.
Oder man schaut jenseits des Mainstreams nach – und wird fündig: Die Dortmunder Graffiti-Szene legte Mitte der 80er-Jahre einen Frühstart hin. Lange vor der heute allgegenwärtigen Präsenz von Tags und Graffitis in urbanen Räumen prägen Sprüher das Bild der Stadt und lassen sie schnell zum Mekka einer Grafitti-Szene aus dem gesamten deutschen Westen und dem europäischen Ausland werden.
Dortmunder Sprüh-Kunst sorgt für internationales Aufsehen
Künstler wie Masone, Shark und Chintz bemalen Wände und Züge der Deutschen Bahn mit ihren großen, buntglänzenden Buchstaben und lassen die Wagen dann als unfreiwillige Botschafter des neuen urbanen Stils durch ganz NRW fahren. Nach dem Großraum New York war das Ruhrgebiet damals, ausgehend von Dortmund, weltweit die einzige Region mit einer solchen Menge mobiler Kunstwerke.
„Darüber berichteten Medien aus der ganzen Welt“, erinnert sich Masone. „Wir bekamen sogar Besuch von Sprayern aus den USA, die sich in Dortmund verewigen wollten“. Die Anfänge dieser goldenen Graffiti-Ära wurden im Bildband „Iron City“ dokumentiert. Denn die „Pieces“ und „Wholetrains“ sind längst aus dem Stadtbild verschwunden. Wie das damals längste Graffiti der Welt, entstanden um 1993 in Dortmund-Dorstfeld.
Streetart in Dortmund "Art LIVE" - Foto: das kine (Flickr)Neuorientierung

Heute ist der Ruhm von damals, von Namen wie Cole, Shark, Zodiak, Chintz, Kinor, Masone, Smoke, Koma, Pilot, Poet und Zonic, verblasst. Auch, weil ihre prägenden Bilder im Einerlei des immer populärer gewordenen Taggens und Sprayens nur noch Eingeweihten auffallen. Nur wenige sind noch so aktiv wie Markus Wiese (www.masmedia.de), ein Sprayer der ersten Stunde. Er eröffnet im kommenden Monat in Dortmund die Galerie „Mattschwarz“. Oder wie Wolfgang Krell, dessen Werke in ganz Europa ausgestellt werden.
Ansonsten führen heute andere das Erbe der Innovatoren fort: die Streetart-Künstler. Manche, wie Banksy, werden zu weltweit gefeierten Stars. Auch in Dortmund, haben die 80er-Jahre eine neue Generation von Künstlern beeinflusst. Mark Gmehling zum Beispiel. Der 3D-Designer, Character-Animateur und Street-Künstler arbeitet sowohl am Computer als auch an Hauswänden. Seine Bilderwelten werden in Galerien in Hamburg und Berlin gezeigt, von Nike und Panasonic gekauft oder in Kunstmagazinen und Blogs besprochen.
Street-Art in der und für die Öffentlichkeit
„Die meist nur auf sich selbst bezogene Grafitti-Kultur langweilt mich“, verrät er: „Street-Art mit ihren vielfältigen Motiven richtet sich dagegen an eine breite Öffentlichkeit“. Als künstlerische Variante der Jugendkultur Graffiti hat sich eine neue Ästhetik entwickelt: Bizarre Comicmotive, Manga-Ästhetiken, Slogans wie „Fuck the Norm“. Die neuen Medien der Straße sind Papiersilhouetten, Kreide, Farbrollen – und Fliesen, Holzinstallationen oder Guerilla-Gardening.
Trotz Aktivisten wie Gmehling: In der Bedeutung als Street-Art-Städte haben London und Berlin heute Dortmund den Rang abgelaufen. Das liege vor allem an der kaum vorhandenen Kunstszene, mit der die Street-Art symbiotisch verwachsen ist. Doch es gibt Hoffnung: „In der Street-Art sind viel mehr Frauen unterwegs“, weiß Gmehling. „Weil die Kunst verspielter ist – und die Produktionsbedingungen sicherer.“ Kein Wunder: während sich in Dortmund seit 20 Jahren SoKos mit den Sprüher beschäftigen, wissen die Beamten bei den Silhouetten-Klebern meist noch nicht, womit sie es zu tun haben.
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Aus dem Schatten ans Licht
Wie es der Zufall so will, hab ich gestern mit Joschua B. einen weiteren jungen Dortmunder Street Art-Künstler interviewt. Er erkennt in der Stadt ebenfalls ein Erwachen aus dem Dornröschenschlaf, wünscht sich aber mehr öffentliche Werk-/Arbeitsräume, um nicht ständig mit Kleber und Farbe im eigenen Wohnzimmer hantieren zu müssen.
Das komplette Interview gibt es nächste Woche hier im LAB zu lesen.
ein schöner beitrag,
vielen dank! die bedeutung von graffiti und streetart für urbanität wird meiner meinung nach unterschätzt. was sich im ruhrgebiet hauptsächlich auf bahnanlagen und irgendwelche "zwischenorte" beschränkt, hat in den echten metropolen längst seinen weg in die stadtmitten gefunden. umso erfreulicher, dass sich jetzt scheinbar einige leute aufraffen und galerien aufmachen und die szene pushen. ich bin gespannt, wie sich das entwickelt ...