
Got Milk?
Von Nils Bothmann. Er lebt allein, er kauft im Supermarkt stets die gleiche Milchmarke und schlürft ebenjene Milch, während er mit an Fenstern und Türspion angebrachten Kameras nach draußen starrt: Der titelgebende, aber kaum einzuordnende Milchtrinker des Kurzfilms von James Rumsey – im Interview offenbart der Filmemacher, dass sein Protagonist Brian heißt, beim Sehen des Films ist einfach nur der Milchmann, eine namenlose, alltägliche Entität. Er ist die Person, welche der Zuschauer akribisch beobachtet, während er seine Umwelt observiert. „Im Kino sind wir alle Voyeure“, heißt es, und nun führt uns der Film einen Voyeur vor. Doch im Gegensatz zum unsanktionierten Voyeurismus im Kino ist der private Voyeurismus suspekt: Wenn man die Hauptfigur zu Beginn des Films mit blutverschmiertem Hemd sieht, da wittert man den Psychopathen von nebenan. Keinen harmlosen Neurotiker wie Melvin Udall in As Good as it Gets, keinen begabten Sonderling vom Kaliber eines Rain Man. Oder vielleicht doch?
Film ist Täuschung
Was als klassische Geschichte um Psychosen und Psychopathen anfängt, endet schlussendlich mit einem netten Twist, der nicht nur Erwartungen negiert, sondern auch immer darauf hinweist: Film ist Täuschung, ein gewählter Ausschnitt, der Seherwartungen lenkt, der auf Seherfahrungen baut, so auch im Falle des Milchtrinkers. Mit seinem Kommentar zur fragmentierten Medienwirkung passt Milk Man ausgezeichnet nach Großbritannien, wo die Debatte um öffentliche Überwachung und den Schutz der Privatsphäre seit einiger Zeit heftig geführt wird. Gerade das Zeigen eines scheinbar inkriminierenden Überwachungsvideo aus genau jenem Laden, in dem der Milchtrinker sein kühles Nass stets kauft, verdeutlicht, wie wenig aussagekräftig solche Bilder ohne einen größeren Kontext sind. Genauso wenig wie man erahnen kann, ob die Kapuzenträger-Nachbarn, die der Milchmann so argwöhnisch beobachtet, harmlose Halbstarke oder tatsächlich gefährlich sind.
Dokument der alltäglichen Paranoia
Auf ruhige, leicht düstere Art visualisiert und erzählt Rumsey die Geschichte von einem, der nicht auszog, um die Welt kennenzulernen, sondern sie lieber mit Überwachungskameras beobachtet. Ein Dokument der mehr oder minder alltäglichen Paranoia, denn der Milchmann könnte auch nebenan wohnen und in den Zeiten der dauerhaften Medialisierung des Alltags ist er durchaus vorstellbar – Hollywood hatte uns 2007 den High-Tech-Voyeur in Disturbia noch als Helden präsentiert. Ob der Milchtrinker eine heroische Figur oder das genaue Gegenteil ist, das findet man allerdings am Ende von Milk Man schnell heraus.
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