
Götterdämmerung 2.0 - Wagners "Ring" im Aalto-Opernhaus komplett
- Serie: Kunst
Nun ist er vollendet: Der Ring des Nibelungen. Die 1876 uraufgeführte „Götterdämmerung“ beschließt am Essener Aalto-Opernhaus die im November 2008 begonnene Neuinszenierung von Richard Wagners Bühnenfestspiel.
Essener Philharmoniker phänomenal
Keine zwei Meinungen gab es nach dem Schlussvorhang am Premierenabend über die Leistungen von Dirigent Stefan Soltesz und seiner Musiker: Tosender Applaus. Dieser Klangkörper ist auf Weltniveau angekommen und begeistert mit klaren Akzenten und dichtem, Emotionen weckendem Klangvolumen. Bis ins feinste Detail und in allen Instrumenten brauchen die Essener Philharmoniker keinen Vergleich mit irgendeinem Orchester zu scheuen!
Die Stimmen, die aufgeboten wurden, bekamen überwiegend respektvollen Applaus. Der Phonzahl stieg vor allem bei Attila Jun. Der Südkoreaner hatte einen ausdrucksstarken und wahrhaft „bösen“ Hagen gegeben. Dass danach schon die junge Ieva Prudnikovaite den lautesten Beifall bekam, sagt viel aus, denn die Litauerin hatte trotz ihrer Dreifach-Rolle als Waltraute, Floßhilde und zweite Norn keine überlange Bühnenpräsenz; dafür aber eben eine eindrucksvolle.
Auch Heiko Trinsinger sammelte für seinen glaubwürdigen Gunther einige Bravo-Rufe.

Jeffrey Dowd (Siegfried), Caroline Whisnant (Brünnhilde), Opernchor und Extrachor des Aalto-Theaters (Foto: Matthias Jung / www.jungfoto.de)
Deutlich polarisierend wirkt dagegen die Inszenierung von Barrie Kosky. Der Australier, der 2012 die Intendanz an der Komischen Oper Berlin übernehmen wird, kommt mit dieser „Götterdämmerung“ zumindest ins Gespräch. Auf den Gängen wurde jedenfalls schon in den beiden Pausen heftig diskutiert.
Geschichte blieb unerzählt
Es wurde vor allem bemängelt, dass auf der Bühne keine Geschichte erzählt wird. Die Zuschauer werden mit Musik und Text nicht nur alleine gelassen, sondern mit einem sehr minimalistischen Bühnenbild und Regieeinfällen konfrontiert, bei denen man sich schon fragen kann, was damit erreicht werden soll. Sicher wird dies alles intellektuell hochgradig ausgegoren sein. Nur, was nutzt dies, wenn auch erfahrene Premieren-Hopper kopfschüttelnd überlegen, wo in alledem Sinn und Wirkung liegen sollen?
Diese Götterdämmerung ist eine massive Forderung an das Auditorium, wobei die Grenze zur Überforderung oft überschritten wird.
Warum immer wieder eine Greisin nackt durch das Bild schleicht, ist jedenfalls nicht ganz offensichtlich. Gleichfalls nicht sofort erschloss sich, warum sich im zweiten Aufzug Alberich bis auf die Unterhose ausziehen musste. Wirklich provozieren kann man im Essener Aalto-Opernhaus mit solchen Einfällen jedenfalls schon lange nicht mehr.

Es gab aber gleichwohl auch „Bravo“-Rufe. Wieder andere fanden es einfach nur schade, dass eine große Oper auf der Bühne eine Umsetzung fand, die den Genuss des Werks sehr mühsam macht. Stilles Leiden auf hohem Niveau, begleitet vom einem famosen Orchester.
Tiefe Einblicke ins Aalto-Opernhaus
Immerhin bekam der Zuschauer ohne „störende“ Bühnenbilder manchen tiefen Eindruck, wie es hinter und neben der Hauptbühne aussieht. Schön auch, dass die Bühnenarbeiter endlich einmal im Rampenlicht der Bühne zu sehen waren, wenn sie die spärlichen Requisiten verschoben.
In Erinnerung bleibt nach dieser Premiere, dass jegliche Ästhetik für das Auge fehlte und man eigentlich konzertant agieren hätte können.
Das wiederum hätte sicherlich unterstrichen, wie prächtig Wagners Musik umgesetzt wurde. Diese Inszenierung lässt viel Freiraum für jegliche Interpretation.
Alternativschauspiel der MET
Dass es auch anders geht und man mit einer modernen Inszenierung einen wunderbaren Operngenuss schaffen kann, zeigt just die große MET in New York. Das Rheingold wurde am Tag vor der Essener Götterdämmerung in Kinosäle weltweit übertragen. Hinreißend, begeisternd- auf allen Ebenen. Was sicher bei Eintrittspreisen von über 400 Dollar auch an einem stattlichen Etat liegt, mit dem man aufwändige Bühnentechnik installieren kann. Aber die Not im Essener Kulturetat wird (noch) nicht so groß sein, quasi ganz auf Bühnenbilder verzichten zu müssen.
Tickets für die Essener Götterdämmerung gibt es an den bekannten Vorverkaufsstellen.
Weitere Vorstellungen:
23. Oktober, 21. November 2010, 13., 20. März, 26. Juni, 24. Juli 2011
Musikalische Leitung: Stefan Soltesz
Inszenierung: Barrie Kosky
Bühne: Klaus Grünberg
Kostüme: Klaus Bruns
Choreinstudierung: Alexander Eberle
Siegfried: Jeffrey Dowd
Gunther: Heiko Trinsinger
Alberich: Günter Kiefer
Hagen: Attila Jun
Brünnhilde: Carolin Whisnant
Gutrune / Dritte Norn: Francisca Devos
Waltraute / Floßhilde / Zweite Norn: Ieva Prudnikovaite
Erste Norn: Ildiko Szönyi
Woglinde: Katherina Müller
Wellgunde: Marie-Helen Joël
Titelbild: Margareta Waterkamp als Erda
(Foto: Matthias Jung/www.jungfoto.de)
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