
Glimpflich davon gekommen
- Serie: EUROPE IN SHORTS
Von Franziska Schuster. Derzeit läuft in den deutschen Kinos ein Film des ungarischen Regisseurs Béla Tarr: The Man from London (2007), eine dunkle, hypnotische Kriminalgeschichte nach einem Roman von Georges Simenon. Tarr gehört zu den Regisseuren, die die ungarische Filmgeschichte entscheidend mitgeprägt haben, trat er doch bereits seit Ende der 70er Jahre mit sozialkritischen und ästhetisch innovativen Filmen in Erscheinung. Das Filmschaffen gestaltete sich im Vergleich zu anderen sozialistischen Staaten vor 1989 in Ungarn künstlerisch sehr viel freier und weltoffener, unter diesen Bedingungen entstanden einige für die europäische Filmkunst maßgebliche Werke. Aufmerksamkeit erregte vor allem die ungarische Neue Welle »új hullám«, als deren Vertreter unter anderem István Szabó (Alter der Träumereien, 1964, Vater, 1966), Miklós Janscó (Die Hoffnungslosen,1965) und Dezsö Magyar (Agitatoren, 1971) gelten. Ein wichtiger Meilenstein war die Gründung des Béla-Balázs-Studios 1961 durch Absolventen der Budapester Filmakademie, die sogenannte »goldene Generation« des ungarischen Films, darunter Pál Gábor, Sándor Sára und István Szabó. Das Studio entwickelte sich zu einer lebendigen Werkstatt nicht nur für Filmemacher, sondern auch für Künstler, Schriftsteller und Musiker aus der sehr aktiven Untergrundszene.
Die wichtigste Plattform für das ungarische Filmschaffen ist heute wie schon seit 40 Jahren die ungarische Filmwoche, deren Leiterin Éva Vezér nicht nur Geschäftsführerin der Magyar Filmunió, sondern seit Mai 2009 auch Präsidentin der European Film Promotion (EFP) ist. Der Hauptpreis des Festivals, das »Golden Reel«, ging 2009 an Aron Matyassy für Lost Times. Im Programm vertreten waren auch György Palfi (Hukkle, Taxidermia) mit seinem neuen Film I'm Not Your Friend, außerdem Kornel Mundruzcó, dessen Film Delta bereits auf dem Filmfestival in Cannes 2008 mit dem FIPRESCI-Preis ausgezeichnet wurde. Gute Kritiken gab es auch für Own Death von Péter Forgács, die Lem-Verfilmung »1« von Peter Sparrow und Eszter's Inheritance von József Sipos nach einem Roman von Sándor Márai.
Im Vorfeld der Filmwoche 2009 gab das ungarische Parlament bekannt, die Filmgesetzgebung an EU-Maßstäbe angleichen zu wollen und folgt damit einem allgemeinen Trend zur Vereinheitlichung der Rahmenbedingungen für die europäische Filmproduktion. Umgesetzt werden die Richtlinien durch die Motion Picture Public Foundation of Hungary, die neben der Filmförderung die Hungarian Film Commission und die Magyar Filmunió beherbergt, zuständig für Standortmarketing und die Repräsentation des ungarischen Filmschaffens im Ausland. Die Foundation arbeitet mit Erfolg: Zwar hat die derzeitige Weltwirtschaftskrise Ungarn besonders hart getroffen, die Filmindustrie scheint aber halbwegs glimpflich davongekommen zu sein. Allein 2008 wurden 26 Spielfilme und 120 Kurzfilme fertiggestellt, ein Rekordpublikum (32.000 verkaufte Tickets) sah auf der Filmwoche in Budapest über 100 neue Filme, darunter einige, die im Laufe des Jahres auf anderen internationalen Festivalleinwänden wieder auftauchten.
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