Freiraum-Initiative Essen (c) Michael Blatt

Gesagt ist gesagt! Ruhr-Dialog 2011

Vom Uni-Rektor bis zum Hausbesetzer: Auf immer mehr als nur ein Wort

In Theatern gesessen, auf Demos gewesen, in einer entweihten Kirche gefroren, Ausstellungen angesehen, in Cafés unterhalten, besetzte Häuser besucht. Zusammen macht das 70 Beiträge für 2010LAB.tv im Jahr 2011. Der Rest spricht für sich selbst.

 

Wir suchen neue Eliten und die müssen quer durch die Gesellschaft durchgehen. Vitalität in der Gesellschaft ist einfach sehr stark bei den Zugereisten, unter denen, die sich bewegen, bei den nomadischen. Und die ist weniger stark bei denen, die Stadthalter sind von unserem Erbe. Wenn wir nicht die neuen Leute vollkommen neu motivieren, einbinden, beauftragen, dann ist diese Stadt ziemlich alt und am Ableben.

Jochen Gerz, Künstler, Kilgarvan

 

Wir arbeiten alle mit einem Anspruch an unsere eigene Ästhetik. Dadurch haben wir eine Meinung zur Welt und darüber kann man diskutieren. Das ist die Idee und funktioniert auch in der Praxis sehr gut.

Joscha Hendricksen, Künstler, Essen

 

Es geht darum, Verständnis für uns zu entwickeln. Ich höre oft Fragen wie: „Seid ihr denn jetzt eine Künstlergruppe? Nehmt ihr alle auf?“ Diese Fragen sind zwar berechtigt, aber auch langweilig. Solange das Bewusstsein für Räume, für Diskussionen über Kunst nicht da ist, ist mir das Gerede darüber zu langweilig.

Unbekannte Freiraum-Aktivistin, Essen

 

Kunst hat a priori keinen Nutzen, sonst wäre sie keine Kunst. Sie darf, aber sie muss nicht. Und genau deswegen ist der Raum der Kunst für eine Gesellschaft so wichtig, die nach etwas anderem als der Zweckmäßigkeit zu fragen verlernt hat.

Alexander Kerlin, Dramaturg, Dortmund

 

Das Ruhrgebiet versteht sich gerne als Metropole, aber man merkt schon, dass es das nicht ist. Denn dafür fehlt es an der nötigen Kultur. Vorhandene Potentiale werden immer wieder ausgebremst. Das sieht man in Duisburg vielleicht am stärksten, aber auch in Essen und Dortmund. Ohne Förderung gehen dann viele nach Hamburg oder Berlin.
Steffen Börgmann, Vorsitzender Mustermensch e.V., Duisburg

 

Generell fehlt es dem Brückviertel und der gesamten Stadt an einer Caféhaus-Kultur. An der Ruhe, sich einfach mal hinzusetzen und einen Kaffee zu trinken. Auch wenn zu uns auch Leute alleine kommen und dann ein Buch oder eine Zeitung lesen. Denen gefällt das entspannte Ambiente.
Kim Kalkowski, Unternehmerin, Dortmund

 

Die Wahrnehmung des Ruhrgebietes hat sich verändert: sowohl in Bezug auf die Außenwahrnehmung wie auch in Bezug auf unser eigenes Selbstverständnis. Wir sind nicht mehr die graue Maus, wir sind eine vitale und attraktive Metropole – wir sind "Ruhr" und das weiß jetzt auch der Berliner!

Michael Townsend, Kulturdezernent, Bochum

„Dortmund ist neben Berlin das Zentrum der Autonomen Nationalisten. Es war den Stadtpolitikern jahrelang egal. Mittlerweile setzt ein Umdenken ein, aber sie müssen angetrieben werden. Wir setzen darauf, den Nazis permanent etwas entgegenzusetzen“

Dortmunder Antifa Bündnis (D.A.B.)

Ob ich hiermit jetzt Geld verdiene, ist eigentlich nicht so wichtig und spielte vorher keine Rolle. Ich arbeite noch als angewandte Illustratorin und Grafikerin. Das ist das, wo ich mein einigermaßen sicheres Standbein habe, um nicht irgendwann an den Punkt zu gelangen, wo ich nur noch gefallen möchte.
Stefanie Levers, Künstlerin, Bochum


Die Realität ist, dass diese Stadt eine jugendfeindliche Politik macht. Uns wird eher eine Realität vorgetäuscht, die so, wie in der Politik argumentiert wird, nicht existiert. Beispielsweise wird es so dargestellt, als ob es kein Geld gäbe. Aber vor allem an Prestigeprojekten wie RUHR.2010 sehen wir, dass für Dinge, die den Wirtschaftsstandort fördern und Unternehmen anlocken sollen, sehr wohl Geld locker gemacht werden kann.

Lea Kühn, Rettet das JZE-Bündnis, Essen

"Wenn Sie demonstrieren wollen, gehen Sie bitte alle zu dem Auto. (...) Ansonsten werde ich Strafantrag für die Stadt Essen stellen."
Peter Renzel, Jugenddezernent, Essen

„Man muss Kunstwerke nicht gutheißen. Aber man muss immer dagegen sein, wenn Kunst zerstört wird.“
Jochem Ahmann, Vorstand Deutscher Werkbund NRW, Bochum


Ich glaube in 30 Jahren sitzen wir wieder in der Volkshochschule und dann sitzen die, die unten saßen, oben und hören sich dasselbe an.
Andreas Bomheuer, Kulturdezernent, Essen

Wir haben die Möglichkeit, ein Fenster zu öffnen, eine Brücke in die Stadt und in die Region zu schlagen.
Kurt Mehnert, Rektor Folkwang Universität, Essen

Wir sind eine Stadt, die nicht über so viele überregionale Aushängeschilder verfügt. Grönemeyer, das Schauspielhaus, Steve Sloane, manchmal der VfL und wir. Das war es schon fast.
Björn Büttner, Pressesprecher Bochum-Total, Bochum

 

Es muss eine organische Entwicklung von unten geben. Ein Quartier muss nachhaltig gestaltet werden – neben der marketing- und imageträchtigen Strahlkraft ist auch eine soziale und wirtschaftliche Stabilität erforderlich.
Vilim Brezina, Blogger, Dortmund

Wir müssen weiter daran arbeiten zu zeigen, dass Veganer nicht von einem anderen Stern kommen, sondern „normale“ Menschen aller Schichten sind, die sich einfach nur Gedanken über Moral und Ethik machen, diese zu Ende denken und dann auch praktisch in ihre Gewohnheiten einfließen lassen.
Jürgen Foß, Vorsitzender Tierfreunde e.V.

Immer weniger Journalisten sollen immer mehr leisten. Das ist eine Zumutung und eine Gefährdung für den Berufsjournalismus.
Frank Bsirske, Vorsitzender ver.di

Leben wir ganz altbacken ein provinzielles Leben, oder sind wir mit unseren Kreativquartieren auf der Höhe der Zeit?
Boris Mercelot, Dramaturg, Bochum

Ich will Bewegung in den Stadtteil bringen. Das hier ist doch ein trashiges Viertel und in der Stadt ist ein kreatives Klima vorhanden.

Ricarda Fox, Galeristin, Mülheim

Wenn Sie so etwas sagen, müssen Sie auch Ihre Quellen nennen. Was sind denn Ihre Quellen?
Ullrich Sierau, Oberbürgermeister, Dortmund

 

Vor dem Hintergrund, dass die Stadt quasi sagt, dass dieses Gelände nicht betreten werden darf, aber gleichzeitig das Kreativquartier ist, habe ich dem Leiter des Liegenschaftsamtes gesagt: Ich werde im Rahmen meiner Möglichkeiten weiter dafür arbeiten, das Gelände im öffentlichen Bewusstsein zu erhalten.
Matthias Schamp, Künstler, Bochum

 

Rechnet man die Entwicklung der Einkaufszentren in den letzten Jahren hoch, ist davon auszugehen, dass im Jahr 2031 etwa 2031 Einkaufszentren im dann unsichtbaren Ruhrtal beheimatet sein werden. Davon werden etwa 2000 nicht mehr wirtschaftlich rentabel sein, die man wiederum – aus Industriezeit-Erfahrung – in Einkaufskulturkunstobjekte in Form von Theatern und Bühnen transformieren würde.

Thomas Scharein, Autor, Essen

 

Es gibt ein Potenzial an Leuten, sowohl an Suchern, an denjenigen, die was machen und auch an Locations, die sich dafür finden lassen.
Kevin Kuhn, Partyveranstalter, Bochum

Die Idee war schon da, den Metropolen-Gedanken zu transportieren, alles als Gesamtes zu sehen. Es gibt hier vor der Haustür und darüber hinaus, was auch nur um die Ecke ist, so viel zu sehen.

Bartosz Kwiecinski, I Heart Ruhr York-Netzwerk, Duisburg

 

Fördergelder sind für uns dann eine Option, wenn sie uns fördern und nicht die einzige Finanzierungsquelle sind. Es gibt unheimlich viele Projekte, die nach dem Wegfall von Fördergeldern gescheitert sind. Bisher haben wir noch nie welche beantragt und sind komplett autark finanziert. Wenn Fördergelder, dann um die Sache zu pushen. Man darf sich davon aber nicht abhängig machen.
Marc Nikoleit, I Heart Ruhr York-Netzwerk, Duisburg

Aber keiner sagt: Hier ist der Sack Geld. Macht mal! Stattdessen warten alle darauf, dass irgendwer anders es bezahlt.
Christian Eggert, urbanatix-Initiator, Bochum

Wenn der kreative Diskurs im Ruhrgebiet politisch gewollt ist, dann muss man Kreativität beweisen und unplanbare Eigeninitiativen von Menschen einplanen. Das heißt auch Kreativität ohne Wirtschaft zu denken.
Tino Buchholz, Stadtplaner, Groningen

Das Land verkauft es gerne als Erhöhung. Das ist sein gutes Recht, weil es zu nichts verpflichtet ist.

Christian Koch, Geschäftsführer PACT Zollverein

Dies ist jetzt das Resultat einer Frustration, die auf der Verhandlungsebene mit der Stadt entsteht. DU it yourself hat den Ansatz zu sagen: Wir nehmen uns die Freiräume dort wo sie sind und wo wir sie gebrauchen können.
Oliver, DU it yourself-Initiative, Duisburg

 

Wenn ich auf Mülheim an der Ruhr und viele Städte in dieser Region schaue, die eher kleineren und mittleren Zuschnitts sind, stelle ich fest, dass das Verschwinden von Handel aus den Innenstädten schon sehr weit fortgeschritten ist. Was, wenn nicht mehr die Mitte, hält die Bewohner einer Stadt noch zusammen?
Holger Bergmann, Künstlerischer Leiter Ringlokschuppen, Mülheim

 

 

Danke an alle Gesprächspartner und an 2010LAB für ein weiteres Jahr „machen lassen“.

Teaserfoto: Freiraum-Initiative Essen (Motiv) - Alle Fotos (c) Michael Blatt
 

Sa, 31.12.2011 0

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05.01.2010

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Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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