Geburtsstätte des Kinos

Von Werner Busch. Will man die Quintessenz der Geschichte des Kinos insgesamt vermitteln, ist es nicht die schlechteste Idee, einfach die Geschichte des französischen Films zu erzählen. Hier hat das neue Medium eine seiner direkten Geburtsstätten, hier nahm dessen größte Umformung ihren Anfang. Schon unmittelbar nach seiner Erfindung wurde das Lichtspiel in Frankreich zu einer Industrie. Nicht umsonst heißt eines der frühesten Filmbeispiele Arbeiter verlassen die Lumière-Werke. Die dichte Menschenmasse, die sich hier aus zwei Eingängen hinausschiebt, dokumentiert zweifellos eine florierende Firma. Doch auf das erste Erstaunen über die bewegten Bilder folgte schnell die Kritik an dem banalen Jahrmarktvergnügen. Um das Jahr 1910 war deshalb die Film d’Art-Bewegung bestrebt, Kino als anspruchsvolle Kunstform dem Publikum nahe zu bringen. Zugegeben: ohne größeren Erfolg. Aber Filme wie Die Ermordung des Herzogs von Guise zeigten erstmals namhafte Schauspieler vor einer Kamera, gleichzeitig wurde hier zum ersten Mal Musik eigens für einen Film komponiert. Die erzählerischen Möglichkeiten, die das neue Medium boten, wurden ebenfalls schon sehr früh von einem Franzosen, Georges Méliès, ausgekundschaftet. Mit Gaumont und Pathé entstanden in Paris schon vor dem Jahr 1900 die ersten großen Filmgesellschaften. Die beiden Unternehmen existieren bis zum heutigen Tag.

Die Nouvelle Vague

Die größte Revolution in der Filmwelt des 20. Jahrhunderts hatte ihren Ausbruch ebenfalls in Frankreich. Die Nouvelle Vague sollte sich wie ein Lauffeuer um den gesamten Globus verbreiten und die Erzählform Film wie auch seine Herstellungsbedingungen wesentlich verändern. Raus aus der industriellen Produktfertigung, raus aus den Studiokulissen in echte Lebensräume. Und dennoch: Kaum etabliert, wurde auch der unabhängige Film zu einer Marke und einem Produkt. Ein Kampf der bis heute andauert. Die Helden dieser umstürzlerischen Tage François Truffaut oder Jean-Luc Godard zum Beispiel, sind nur zwei aus einer Myriade klangvoller Namen, die man mit dem französischen Kino verbindet. Schauspielerinnen wie Brigitte Bardot oder Catherine Deneuve wurden auch international zu Superstars.

Kino vs. TV

Wie jede Filmnation wurde auch Frankreich durch den Boom des Fernsehens in die Bredouille gebracht. Gegenmaßnahmen wurden seitens der Regierung ergriffen, um die heimischen Filmtheater und Produktionen zu fördern. Bis zum heutigen Tag wird das Filmemachen durch legislative Maßnahmen gestützt. Der Verkauf von DVDs ist etwa bis sechs Monate nach dem Kinostart untersagt. In der Sendelizenz des großen Bezahlsenders Canal+ wurde festgelegt, dass dieser Filmproduktionen unterstützen muss. Seit den 1990ern ist der Sender bei einer großen Vielzahl von inländischen und internationalen Koproduktionen beteiligt. So sprang Canal+ etwa ein, als David Lynchs Pilotfilm zur geplanten Serie Mulholland Drive von ABC-Television abgelehnt wurde. Nur durch die finanzielle Unterstützung aus Frankreich, die umfangreiche Nachdrehs ermöglichte, wurde aus einem teuren Briefbeschwerer in Filmrollenform einer der großen Filmklassiker der letzten Jahre. Uraufgeführt wurde das fertige Werk dann folgerichtig bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes, einem der wirkungsmächtigsten Festivals weltweit, zufällig in Frankreich beheimatet.

Hoher heimischer Stellenwert

Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man das französische Kino vorschnell als elitäres Arthouse-Kino charakterisieren wollen, dabei ist der populäre Film hier seit jeher genauso beheimatet. Bis zum heutigen Tage sind etwa die Filme mit Louis de Funès grenzüberschreitend geschätzt. Und Komödien wie Die Besucher oder kürzlich Willkommen bei den Sch'tis zählen zu den erfolgreichsten französischen Produktionen überhaupt. Das nationale Kino genießt in der Heimat einen hohen Stellenwert. Davon zeugen auch die unglaublichen Besucherzahlen: Im Jahr 2008 wurden knapp 46 Prozent der Kinokarten für inländische Produktionen gelöst, ähnlich starke Werte auch in den Vorjahren. Das ist in Europa ein unerreichter Schnitt und unterstreicht die ganz besondere Qualität des französischen Films und seines Publikums, das diese zu würdigen weiß.

Links

Di, 25.05.2010 0

Kommentar hinzufügen

Anmelden oder Registrieren um Kommentare zu schreiben

Ähnliche Beiträge

29.01.2010 - 12:10
19.02.2010 - 19:18
20.02.2010 - 22:39
10.03.2010 - 11:44

Über den Autor

29.01.2010

Thema

Branche

Aktuelle Tweets

[DEBATE] Ad #ACTA oder brisant akut - Währet den Anfängen http://t.co/4G3hGt8C #urheberrecht #kulturzeit
[DEBATE] Geistiges Eigentum monetarisieren - Debatte um die sozial gerechte Wissensgesellschaft hält an http://t.co/u56ZkORd #kulturzeit
[DEBATE] Creative Commons: eine mögliche Grundlage für ein zeitgemäßes Urheberrecht http://t.co/6xeDgKqu #kulturzeit
[DEBATE] Im Kulturkampf: Strukturwandel der Öffentlichkeit 2.0 http://t.co/pOcWhTI2 #kulturzeit