Gänsereiten: Tradition verpflichtet zur Kopflosigkeit

Liebe Fortschrittszivilisation, was wäre unsere schnelllebige Gesellschaft ohne die sorgsame Pflege von kulturellen Traditionen? Ein Moloch, regiert von Barbaren! Gut, dass es da noch die Karnevalisten gibt. Hier lernt Geschichtsmuffel neben Kamelleregen und Kräuterschnaps-Batterien noch etwas über die Brauchtümer unserer Vorfahren. Nicht nur in den rheinischen Hochburgen, sondern auch an der Ruhr.

An Rosenmontag wurden etwa die Bochumer Gänsereiter in Höntrop und Sevinghausen ihrer Bezeichnung Narren vollends gerecht. Denn: Nur ein Narr kann wirklich Gefallen daran finden, einem Tierkadaver aus Jux und Dollerei den Kopf abzureißen.

Für Tierrechtler aus der Region Grund genug, zwei Tage vor dem makaberen Schauspiel auf dem Dr.-Ruer-Platz gegen die Tatsache zu demonstrieren, dass in Bochum weiterhin eine getötete Gans am Seil hängen wird, während in den Nachbarstädten Essen und Dortmund bei ähnlichen Anlässen (nur noch) Attrappen zum Einsatz kommen.

Ausdrücklich mit Einverständnis der Stadt und darüber hinaus mit geistlicher Absegnung. So schrieb der damalige Stadtdechant Paul Neumann 1998 in der Jubiläumsschrift zum 400. Jahrestag des Gänsereitens in Wattenscheid: „Nach den bisherigen Ausführungen über das Verhältnis zwischen Mensch und Tier soll das Gänsereiten als Brauch gesehen und beurteilt werden, der im Einvernehmen mit der Schöpfungsordnung für Mensch und Tier steht.“ Für die hiesigen Tierrechtler sind solche Worte selbstredend nicht mehr als heilige Scheiße.


In diesem Jahr nehmen sie gleich mal die ganze Kulturhauptstadt mit in die Pflicht, denn schließlich verweist RUHR.2010 gerne auf die kulturelle Vielfalt in der designierten Metropole. Wozu dann unter dem Strich auch das Gänsereiten gehört. Drastische Worte gibt es diesbezüglich vom  Bündnis für Tierrechte Bochum: „Das Enthaupten von Tieren in unserer Stadt und der Anspruch eine Kulturhauptstadt Europas zu sein, passen nun wirklich nicht zusammen. Mit dieser Tradition macht man die ganze Region lächerlich.“

Auch die Mitstreiter und Demoorganisatoren von Die Tierfreunde e.V. sehen Jugendschutz und ethisches Bewusstsein beim Gänsereiten mit Füßen getreten: „Insbesondere Kindern und Jugendlichen, die dem Treiben zahlreich als Zuschauer beiwohnen, wird Gewaltverherrlichung vermittelt. Gänsereiten mit echten Tieren ist keine erhaltenswerte Tradition, sondern ein perverses Schauspiel.“

Da war geschätzter Herr Neumann freilich ganz anderer Meinung: „Die heutige Form des Gänsereitens ist der Ausdruck des Kampfes zwischen Mensch und Tier.“ Mal kurz überlegen: Gegen einen toten, gefesselten Kontrahenten hoch zu Rosse in die Schlacht ziehen, Respekt!!! Ach so, das ganze Prozedere sei nur symbolisch zu verstehen… Macht die Sache auch nicht besser. Ganz im Gegenteil.

www.sevinghauser-gaensereiterclub-1598.de
www.tierrechtsnetz.de
www.die-tierfreunde.de

Fotos: Bündnis für Tierrechte Bochum (Gänsereiten), Michael Blatt (Demo-Banner)

So, 14.02.2010 2

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Kommentare

Gänsereiten

Ich bin über einen amerikanischen Protestaufruf gegen das Gänsereiten auf diesen "Brauch" erst aufmerksam geworden. Für einge der Amerikaner wieder mal ein gefundenes Fressen, uns als Nazis zu betiteln.
Ich dachte bei dem Protest zuerst, die Amis hätten da einen uralten Brauch wieder ausgebragen und nicht mitbekommeen, dass dieser längst nicht mehr praktiziert wird. Leider ein Irrtum. Da frage ich mich, sind die Menschen, die solch eine Barbarei befürworten und praktizieren immer noch zur Zeit der Römer, wo man Tiere und Menschen zur allgemeinen Belustigung der Mengen in der Arena bis zum Tod kämpfen ließ? Dass die Gänse heute vorher getötet werden macht die Sache auch nicht besser. Wie können wir unseren Kindern Respekt vor dem Leben und der Schöpfung beibringen, wenn Erwachsene mit solchen Vorbildern das Gegenteil vermitteln?

ein barbarischer brauch.

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05.01.2010

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Metropole Ruhr
Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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