Showdown im Halbfinale: Das Duell zwischen Deutschland und Italien findet im Nationalstadion zu Warschau statt. Unabhängig vom Ausgang des herbeigefieberten Spieles hat dieser Ort für die polnische Hauptstadt eine immense Bedeutung.
Polen sieht sich als westliche Nation. Hier löst sich vieles auf, das bislang den Osten beschrieb. Auch der östliche Warschauer Stadtteil Praga wird nun von der West-Erweiterung erfasst. Symbol dafür ist das neue Nationalstadion.

Jerzy vermisst seinen alten Freiluftmarkt
Beim Blick in den Rückspiegel zeichnet sich die Silhouette des Kulturpalastes ab. Einst hatten ihn sowjetische Architekten, die Zuckerbäcker des Sozialismus, im Auftrag von Josef Stalin modelliert. Es war ein vergiftetes Geschenk an die Stadt, das die Warschauer stets daran erinnern sollte, wer hier das Sagen hat. Beim Blick nach vorne kommt jetzt die weiß-rote Krone immer näher, die nun mit Bedacht an das sandige Flussufer gesetzt wurde. Das neue polnische Nationalstadion ist eine Pracht. Die Befestigungspfeiler seiner Dachkonstruktion ragen wie die Zacken einer Krone in den weiten polnischen Himmel, der dazu heute ein königlich blaues Gewand trägt. Unter uns treibt die Weichsel ihr modriges Wasser mitten durch die Stadt und beschreibt die Nahtstelle zwischen West und Ost. Die verläuft längst nicht mehr entlang der Oder, die nun fast 500 Kilometer hinter uns liegt. Der Westen hat sich verschoben, und er ist noch weiter in diese Richtung unterwegs. Schon bald wird er den Bug erreichen, an der Grenze zur Ukraine. Inzwischen beschreibt nur noch die Sonne, der wir auch an diesem Vormittag weiter entgegenfahren, eindeutig den Osten, der sich nach und nach auflöst. Kaum ein Pole richtet sich noch nach ihm aus.
Ein Stadtteil verändert sich
Selbst hier in Praga nicht, in dem runtergekommenen schmuddeligen Stadtteil, wo sich zu den Kleinkriminellen, Hooligans und Wendeverlierern, zu den Habenichtsen und fliegenden Händlern seit einigen Jahren auch die Kreativen gesellen. Noch ist Praga Teil jenes Polen, in dem die Häuser immer grau sind, die Männer immer besoffen und Autos mit auswärtigen Kennzeichen immer für eine scheinbar zufällige Aufmerksamkeit unter den Eckenstehern sorgen, die abends wiederum, wenn es dunkel ist, grüppchenweise in Kapuzenjacken durch die Strassen schleichen. Aber jetzt steht hier dieses neue Stadion und lässt sich von seinen Polen bestaunen. Auch rundherum entsteht viel Neues, die Straßenbahnhaltestellen und Häuser in Sichtweite wurden saniert, ein Radweg führt an der Krone vorbei. Längst ist dies eine Pilgerstätte. Die Menschen kommen und stehen stolz erfüllt vor dem Bauwerk. „Seht, was wir geschafft haben. Endlich sind wir in Europa angekommen!“ Diese Botschaft ist in ihren Gesichtern zu lesen.
Denn just von dieser Stelle aus sahen die Soldaten der sowjetischen Roten Armee zu, wie Warschau brannte. Damals, in den Wochen des Warschauer Aufstandes im Spätsommer 1944, haben sie bei ihrem Vormarsch gen Westen hier ausgeharrt und zugeschaut, wie die Deutschen die Hauptstadt des besetzten Landes schändeten. Den Aufstand der nationalpolnischen Heimatarmee grausam niederschlugen, Warschau systematisch zerstörten, und nach ihrem Abzug 250.000 Tote und eine traumatisierte Nation zurückließen. Dann rückten die Sowjets als nächste Besatzer ein. Der Rest ist Geschichte, der nun, mit der EURO 2012, ein neues Kapitel hinzugefügt wird.
Nicht jeder will den Wandel

Radwege, Haltestellen: alles entsteht neu
Heute radeln hier Männer mit Fahrradhelmen auf den Köpfen über den Stadionvorplatz, Kinder und Hunde trollen herum. Zwei alte Damen kommen untergehakt des Weges. „Wissen Sie, das ist doch der schönste Ort für dieses Stadion, für Fußball interessieren wir uns nicht, aber wir haben als Schwestern alle schlimmen Zeiten in Warschau erlebt, als Kinder auch den Aufstand. Aber das hier macht uns sehr glücklich“, sagt die eine, die andere bleibt stumm, geht einen Schritt zurück. „Aha, aus Berlin kommen Sie? Na ja, die Zeiten haben sich geändert.“ An manchen aber gehen diese Gefühle vorbei. „Ich brauch dieses Stadion nicht“, sagt Jerzy, der die Straße runter mit seinem verfilzten Freund Burek vor der „Korona Bar“ steht. „Früher war hier ja dieser große Freiluftmarkt, wo du alles Mögliche kaufen konntest. Da habe ich mir immer meinen Schnaps geholt,“ sagt er. Außerdem konnte er manchmal in einer der Blechhütten übernachten, in denen die Händler aus der Ukraine chinesisches Plastikspielzeug und Schmuggelzigaretten feilboten. „Aber jetzt habe ich mir ein Lager unter der Most Świętokrzyski eingerichtet, sollen sie doch machen was sie wollen.“ Auch Burek schläft mit unter der Weichselbrücke. Und als sein Herrchen für eine Weile auf einem der Baustellenklos verschwindet, die hier noch für einige Zeit herum stehen werden, legt er sich matt in den Staub und wartet.
Fotos: Olaf Sundermeyer
Aktuelles Buch von LAB-Autor Olaf Sundermeyer: "Tor zum Osten", Verlag Die Werkstatt