Aus gegebenem Anlass zum heutigen Spiel Niederlande – Deutschland in Charkow, Ukraine.
Charkow gilt als die sowjetischste Stadt der Ukraine. Der Besucher erfährt auf Anhieb warum.

Lenin-Statue auf dem Freiheits-Platz in Charkow (c) Olaf Sundermeyer
Der Rote Platz ist viel kleiner als dieser hier, außerdem ist der Lenin aus dem Moskauer Mausoleum hier, auf dem Freiheits-Platz in Charkow, wieder auferstanden. Sein entschlossener Blick streift die riesige leere Fläche Kopfsteinpflaster, als würde er den Auflauf der proletarischen Massen erwarten, die wütend und Knüppel schwingend auf die teuren schwarzen Geländewagen zustürmen, die wie zum Hohn zu seinen Füßen parken. Wenn's ihm zu bunt wird mit der ganzen Protzerei, könnte Wladimir Iljitsch immerhin schnell im Erdboden versinken. Schließlich erzählt man sich, dass es eine Mechanik gibt, die einst ausgeklügelt wurde, um ihn im Falle eines Raketenangriffs zu schützen. Ein Jeep neben dem anderen steht hier jedenfalls vor der monströsen Statur des Berufsrevolutionärs mit der längst überholten Botschaft der Klassenlosigkeit. Oder ist sie etwa wieder im Kommen?
Ivan glaubt an die Revolution

Die Metro im Stadtbild Charkows (c) Olaf Sundermeyer
Ivan, ein junger Soziologe von der hiesigen Universität, jedenfalls glaubt so etwas. "Wenn sich hier bei uns, in der ganzen Region östlich der EU, etwas ändern soll, dann muss es zuerst eine Revolution in Russland geben", sagt er und schiebt mit dem linken Zeigefinger den Steg seiner Brille eine Stück weiter das Nasenbein hoch. Und tatsächlich hat er empirische Erkenntnisse darüber, dass in Russland derzeit "erstmalig die Zustimmung für Putin abnimmt." Darin sieht Ivan einen Anfang. Am Ende aller Revolutionen sollte aber bitteschön überall eine Demokratie stehen und eine humanistische Gesellschaft wachsen. Keine rote Diktatur wie einst, auch kein brutalst möglicher Oligarchenkapitalismus wie zurzeit. In Charkow jedenfalls haben diese beiden Zustände ein Stadtbild geprägt, das seinesgleichen sucht.
Der Bürgermeister kam auf 90 Prozent der Stimmen
Es ist ganz sicher die sowjetischste Stadt der Ukraine, die aber von einem schwerreichen Oligarchen und seinen Freunden beherrscht wird, zu denen sich auch der Bürgermeister zählen darf. Bei der vergangenen Kommunalwahl kam er – so die offizielle Version – auf 90 Prozent der Stimmen. "So war es früher, und so ist es heute – nur dass so ein Ergebnis heute viel Geld kostet", sagt Anna, die wie Ivan an der Universität arbeitet, aber schon alt genug ist, um noch von der "Zeit vor der Unabhängigkeit" zu schwärmen. "Heute haben die Idioten hier das Sagen, weil Bildung nicht mehr die Grundlage für sozialen Aufstieg ist, sondern einzig ihre bedingungslose Rücksichtslosigkeit." Auch deshalb war das Leben aus ihrer Sicht damals in vielen Belangen besser, berechenbarer.
Hammer & Sichel auf den Verwaltungsgebäuden

Hammer & Sichel auf Verwaltungsgebäuden – die Sowjetunion lebt hier weiter (c) Olaf Sundermeyer
Sie findet deshalb auch nichts dabei, dass an den Verwaltungsgebäuden der Stadt heute noch Wappen mit Hammer & Sichel prangen, dass die Metro-Stationen noch immer "Proletarskaya", "Juri Gagarin" oder "Radyanska" (Sowjet) heißen.
In anderen Teilen des Landes, vor allem in der pro-europäischen westlichen Ukraine, würde das Befremden auslösen. Selbst die zahlreichen Passagiere in den Metro-Wagons der 1,2-Millionen-Stadt folgen einer Disziplin, die einzigartig im Land ist und immer noch von einer großen Kollektivfähigkeit zeugt. Morgens, im Berufsverkehr, bewegen sie sich gleichförmig, fast könnte man sagen im Gleichschritt, durch das gut belüftete Tunnelsystem, in dem sich die drei Metro-Linien kreuzen. Alles ist sicher und sauber, keine Graffiti, kein Dreck. In Schwärmen kreuzen die Bataillone der Pendler die Übergänge, als folgten sie einer einstudierten Choreographie. Ich verliere mich in dem Augenblick, als ich meinen Irrtum bemerke, in der Masse umkehren muss, um zu dem vereinbarten Treffen mit Ivan und Anna zu gelangen.
Froschgrüne Panzer in kommunistischer Kulisse

Sowjetischer Panzer vor dem historischen Museum (c) Olaf Sundermeyer
Ich muss gegen den Strom laufen, werde beschimpft und angerempelt, fühle mich ausgestoßen und schuldig. Das Gefühl schwindet erst oben, als ich wieder den Himmel sehe. Gegenüber dem historischen Museum, vor dem ein froschgrüner T34 parkt. Noch immer werden bei Charkow, wo der berühmteste Panzer der Geschichte entwickelt wurde, tausende von Kriegsmaschinen produziert, die in alle Welt exportiert werden. Zum Beispiel nach China, wohin man in Charkow ausgezeichnete Beziehungen unterhält. Während sich hier die schwerreichen Oligarchen in der Kulisse des Kommunismus eingerichtet haben, sind es dort, in China, die Kommunisten, die sich eine kapitalistische Kulisse zugelegt haben. Und Anna erzählt mit einem gewissen Stolz davon, dass Charkow niemals in seiner Geschichte Ausgangsort für irgendwelche Unruhen gewesen sei. "Dafür sind die Menschen wohl zu friedlich". Ivan wird auf seine Revolution wohl noch länger warten müssen.