Der Pit. Foto: Jörg Brüggemann

"Für ein gutes Bild gehe ich in den Pit"

Der Fotograf Jörg Brüggemann hat in seinem Projekt "Metalheads" die weltweite Metalszene portraitiert

Der Fotograf Jörg Brüggemann ist um die Welt gereist, um die Metalszene von Wacken bis Jakarta zu fotografieren. Das dabei entstandene Portrait einer weltweiten Jugendkultur erschien als Bildband unter dem Titel "Metalheads - The Global Brotherhood" im Berliner Gestalten Verlag und wird derzeit in einer parallelen Ausstellung gezeigt. Im Interview spricht der Fotograf Brüggemann über Gemeinsamkeiten und Unterschiede auf den fünf Kontinenten, Metal in Deutschland und seine persönliche Beziehung zur Musik.

 

Wie kommt man auf die Idee, die weltweite Metalszene zu fotografieren?

Jörg Brüggemann: Zum einen interessiere ich mich generell für die Globalisierung von Jugendkulturen, zum anderen bin ich selbst als Teenager mit Metal sozialisiert worden. Ich war zwar nie ein „Metalhead“, habe aber immer laute und harte Musik gehört. Als ich dann durch Recherche darauf gestoßen bin, dass Metal derzeit erfolgreicher ist als je zuvor – sogar noch größer als in den 80ern – habe ich gedacht, es wäre eine interessante Sache, mal Leute aus verschiedenen Regionen, Altersgruppen und sozialen Hintergründen zu fotografieren.

 

Wo warst Du dafür überall?

Ich war auf fünf Kontinenten in neun Ländern, aber die meisten Bilder habe ich in Deutschland, Indonesien, Malaysia, Brasilien Ägypten und den USA gemacht. Interessant war, dass diese Länder die verschiedenen Entwicklungsstufen der Szene spiegeln. In Ägypten ist sie noch im absoluten Anfangsstadium, es gibt derzeit nur einen Ort in Kairo, wo Metal gespielt wird. Indonesien ist schon etwas weiter, dort ist Metal zwar noch immer Underground und nach dem Do It Yourself-Prinzip organisiert, dafür ist die Szene aber riesengroß. Ebenso in Brasilien, wo es heute eine potente Mittelschicht gibt, die es sich auch leisten kann, auf Konzerte von ausländischen Bands zu gehen. In Deutschland ist Metal eigentlich kein Underground mehr, sondern eine große Eventkultur mit der viel Geld verdient wird. In Amerika schließt sich dann der Kreis wieder: der Musikindustrie geht es dort viel schlechter als hier und die Szene geht wieder in den Underground, macht D.I.Y. und löst sich von den etablierten Vertriebswegen.

 

Findet unter dem Radar der Öffentlichkeit die Vernetzung von Metal zu einer weltumspannenden Szene statt?

Ja, Metal ist immer noch eine Subkultur, obwohl er in den 80ern sehr erfolgreich war. Er hat aber mit seiner Ästhetik, seiner Musik und seinem Bezugssystem nie Einfluss auf den Mainstream genommen, im Gegensatz zu Punk oder Hip Hop. Es gehört aber auch zu Metal dazu, gegen das Establishment zu sein.

 

Was haben die verschiedenen Communities weltweit gemeinsam?

Die Liebe zu harter und lauter Musik. Ansonsten ist mir an sozialen Schichten, Religionen und Altersgruppen alles begegnet. Die Metalszene spiegelt das gesamtgesellschaftliche Bild wieder, sie ist weder besonders konservativ noch links, sondern dort findest du alles.

 

Was war Dir beim Fotografieren wichtig, was wolltest Du festhalten?

Mir ging es vor allem um die Fankultur, weniger um die großen Bands. Ich wollte sehen, wie der Junge von der Straße die Metalkultur lebt. Ich war auf Konzerten und Festivals, habe kleinere Bands beim Proben fotografiert, war aber auch bei Leuten zuhause oder an den Treffpunkten in der Stadt. Überall dort eben, wo die ganze Bandbreite der Metalkultur gelebt wird.

 

Nehmen die Fans sich auch selbst als globale Gemeinschaft wahr?

Ja, neben der Musik ist es auch das Zugehörigkeitsgefühl, das alle Metalfans weltweit einigt. Das begann schon in den 80ern, wo es zwischen Europa und den USA einen regen Austausch von Musikkassetten gab, das so genannte „Tapetrading“. Interessanterweise ist Metal die einzige Musikform – außer vielleicht Techno –, in der deutsche Bands international eine Rolle spielen. Die Leute in Indonesien kannten zum Beispiel sämtliche Bands aus Deutschland und auch in den USA gibt es viele Fans deutscher Bands.

 

Innerhalb Deutschlands ist das Ruhrgebiet eine Metal-Hochburg. Du kommst selber aus Herne, hast Du die Szene dort auch festgehalten?

Nein, ich war in Deutschland vor allem auf Festivals und mit der Band Callejon unterwegs. Aber Metal im Ruhrgebiet ist auch eine Geschichte in der Geschichte, die man vielleicht eher alleine erzählen sollte. Es ist aber definitiv so, dass das Ruhrgebiet auch in der Außenwahrnehmung die wahrscheinlich vitalste Metalszene in Deutschland hat.

 

Metal als eigentlicher Exportschlager des Ruhrgebiets?

Wie oft ich auf Kreator oder Sodom angesprochen wurde, aber auch auf Rage, die aus meiner Heimatstadt Herne kommen, das war jedenfalls bemerkenswert.

 

Du bist mittlerweile in Berlin – gibt es hier eine vitale Metalszene?

In Deutschland ist Metal bis aufs Ruhrgebiet eher ein Provinzphänomen das in Kleinstädten und Dörfern stattfindet. In den Großstädten, gerade auch in Berlin, ist die Metalszene echt ein Witz, verglichen mit der Größe der Stadt. Hier in Berlin ist elektronische Musik beherrschend. Was aber bei den Teenagern momentan sehr angesagt ist, ist Emo und Deathcore.

 

Dein neues Buch und die begleitende Ausstellung fanden in den Medien ein großes Echo. Wie erklärst Du Dir das große Interesse, wenn Metal doch eher ein Randphänomen ist?

Ich denke, dass viele Leute das schon beobachtet haben und dass das Projekt jetzt einfach zur richtigen Zeit kommt und das Thema auf den Punkt bringt. Viele Leute auf der Ausstellungseröffnung meinten, sie erkennen sich in den Bildern wieder, weil sie früher selber Metal gehört haben. Es gibt eine Identifikation mit den Personen auf den Bildern, weil die Leute das selber schon mal erlebt haben. Oder sie haben ein Interesse an dem Projekt, weil es einen Blick auf ein Randgeschehen bietet, das sonst nicht so beleuchtet wird.

 

Siehst Du Dich eher als Beobachter, oder bist Du sehr involviert in die Szene, die Du fotografierst?

Ich versuche generell bei meiner Fotografie eine Mischung aus sympathisierender Nähe und kritischer Distanz zu haben. Was ich bei diesem Projekt gemacht habe, hat natürlich schon etwas Ethnologisches oder Kulturwissenschaftliches, weil ich die Szene auch in ihrer Gänze darstellen wollte. Aber ich bin trotzdem auch involviert, habe eine Meinung zu der Musik und war selber bei den Konzerten. Ich bin für die Bilder teilweise auch in den Pit reingegangen und habe da fotografiert.

 

Du gehst also voll rein …

Ja, aber gleichzeitig sind es auch Bilder, die eine gewisse Distanz haben, wo man etwas Singuläres rausnimmt, das dann für das Ganze steht. Aber das ist etwas, das ich bei allen Fotoprojekten gut finde: wenn eine klare persönliche Position sich mit einer distanzierten Betrachtung mischt. Eine Dokumentation wird ja auch dann erst spannend, wenn man selber drinsteckt und dem Betrachter Möglichkeiten der Identifizierung bietet.

 

Wie wird sich Metal in Zukunft entwickeln?

Ich glaube, dass die Musik noch immer viele Leute abschreckt. Das Potenzial, im Mainstream zu landen, sehe ich also eher nicht. Ich glaube aber, dass Metal größer wird, weil es mittlerweile ein weltweiter wachsender Markt ist, der immer mehr Länder erreicht. Es geht natürlich auch im Metal ums Geld, es hängt eine ganze Industrie dahinter. Ein weiteres Phänomen bei Metal ist, dass die Leute dabei bleiben, wenn sie als Teenager die Musik gehört haben. Heute ist es auf Konzerten ganz normal, dass vorn die 16-Jährigen abgehen und hinten die 50-Jährigen Alt-Metaller stehen, die in den 70ern angefangen haben und ihr Leben lang dabei geblieben sind, auch wenn sie mittlerweile kurze Haare und einen Job bei der Bank haben.

 

Wirst Du auch mit 50 als „Altmetaller“ hinten auf Konzerten stehen?

Nein, ich bin ja auch kein Metaller. Aber ich werde sicher auch in dem Alter noch so eine Musik interessant finden, das kann ich mir schon vorstellen.

 

Fotos: Jörg Brüggemann

 

Die Ausstellung "Metalheads - The Global Brotherhood" läuft noch bis zum 21.4. im Berliner Gestalten Space; das Buch erscheint im Gestalten Verlag (bestellen im Ostkreuz-Store).

 

Do, 12.04.2012 0

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19.01.2010

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