Frie Leysen: Wir alle sind Bastards im Theater der Welt

Am 30. Juni beginnt mit „Theater der Welt“ einer der wirklich und wahrhaftig global angelegten Programmpunkte der Kulturhauptstadt. Fast 400 Künstler nehmen die Besucher mit auf eine Reise rund um den Globus. Die Weltpremiere der internationalen Opernproduktion „Montezuma“ eröffnet das Festival in der Mülheimer Stadthalle. Ein Gespräch mit der Programmdirektorin Frie Leysen.
 
Jens Kobler: Es beginnt jetzt die Phase, in der die Künstler aus aller Welt ins Ruhrgebiet strömen. Wie gestaltet sich diese Zeit für Sie persönlich, nach all den Reisen um den Globus, wenn „Theater der Welt“ letztendlich in Mülheim und Essen landet und bevor die Stücke dann wieder in die Welt hinaus gehen?
 
Frie Leysen: Im Moment ist alles sehr spannend, weil sich mit Ruhr.2010 diese Gegend hier selbst feiert, aber auch reflektiert. Wichtig daran ist, die lokalen Sensibilitäten, die Probleme wie die Freude, in einen größeren Kontext zu stellen. Und das liegt nun an den Künstlern die hierher kommen, dass sich neue Horizonte eröffnen, dass gesehen wird, dass nicht nur woanders in Europa, sondern auf der ganzen Welt ähnliche Dinge geschehen; dass zumindest vieles vergleichbar ist und gar nicht fremd. Viele der Künstler sind zum ersten Mal in Deutschland, manche wie der junge japanische Regisseur Daisuke Miura haben noch nie außerhalb ihres Heimatlandes gespielt. Also sind viele auch gespannt, wie der kulturelle Austausch funktioniert und wie sie hier verstanden werden.
 
Jens Kobler: Oftmals findet kultureller Austausch ja zwischen sehr ähnlichen Kulturen statt oder es wird – gegenteilig – etwas Fremdes als rein exotisches Phänomen aufgeführt. Sie haben mit dem Thema „Perspektivwechsel“ ein Leitmotiv gewählt, dass als ein gemeinsamer Bezugspunkt zwischen den Kulturen funktioniert.
 
Frie Leysen: Ja. Einer der Schlüsselbegriffe des Programms ist „Perspektivwechsel“. Es ist die Einladung, die Welt durch die Augen von jemand anderem zu sehen. Der Blick von Essen oder Mülheim auf die Welt ist – wie jeder andere auch – durch die erlebte Geschichte gefärbt. Ein junger mexikanischer Regisseur sieht bei seinem Blick auf die Welt etwas ganz anderes,  wie zum Beispiel an der Welturaufführung der Oper „Montezuma“ zu sehen ist. Ein deutscher Barockkomponist hat sie auf ein Libretto von Friedrich dem Großen über die Eroberung Mexikos durch Cortez geschrieben. Im Westen wird das als Eroberung der Welt durch den Westen gelesen, als diese klassische Hybris-Geschichte. Dadurch, dass ein junger mexikanischer Regisseur dieses Material nun aufnimmt, wird eine ganz andere Geschichte daraus. Der Verlust der eigenen Kultur und der Import einer anderen wird also thematisiert – die Geschichte, wie es ist ein Bastard zu sein.
 
Jens Kobler: Es ist ja unter Umständen erstaunlich, dass es auch positive Reaktionen der Urenkel der Kolonialisierten auf die Kolonialisierung gibt – die neu erzählte Geschichte ist also nicht einfach das Gegenteil oder ein Spiegelbild der alten. Zeigen sich da unterschiedliche Reaktionen je nach Kultur oder auch nach dem Charakter der Regisseure?
 
Frie Leysen: Selbst in Mexiko gibt es keine homogene Perspektive auf diese Geschehnisse. Viele Menschen sind immer noch unglaublich wütend auf die Spanier, andere sagen: Gut, wir haben jetzt zwei Kulturen hier – was machen wir daraus? Und auf der individuellen Ebene ist das ähnlich: Es gibt ein Buch von Edward Said über multiple kulturelle Persönlichkeiten, das besagt, dass niemand von uns mehr eine einzige, reine kulturelle Identität hat: Wir alle sind mehr oder weniger Bastards. Das kann auch ein positives Wort sein und keinesfalls eine Beleidigung. Und dieses Phänomen gibt es wiederum auch sehr oft im Ruhrgebiet: Wie oft hört man hier so etwas wie „Meine Großmutter war Russin.“?
 
Jens Kobler: Von mir kann man das zum Beispiel hören. – Diese Vielfalt findet sich auch in Ihrem Verständnis von Theater als Genre. Sie haben einen weiten Theaterbegriff. Ist das neben der Interkulturalität typisch für ihre Arbeit?
 
Frie Leysen: Ich glaube, dass das Spartenübergreifende wie das Internationale immer sehr wichtig für mich war. Und mit Blick auf das Ruhrgebiet wie auf ganz Deutschland habe ich festgestellt, dass die performing arts im Theater viel zu wenig vorkommen und das Sprechtheater nach wie vor übermäßig dominant ist. Sämtliche Mischformen kommen nur ganz marginal vor, im Gegensatz zu zum Beispiel Frankreich, Holland oder Belgien. Also sind mir diese beiden Komponenten, Spartenübergreifendes und Internationales zu fördern, ein besonderes Anliegen gerade im Rahmen der Kulturhauptstadt – und das auf eine Art, wie es noch nicht passiert.
 
Jens Kobler: Sie wurden von Roberto Ciulli und Anselm Weber gefragt, ob sie „Theater der Welt“ 2010 machen möchten. Nun gab es dadurch ja einige Rahmenvorgaben mehr als sonst, solche wie Kulturhauptstadt und Globalität schon per definitionem. Und dazu passt Ihr Ansatz natürlich hervorragend. Mussten Sie über die konkretere Ausgestaltung überhaupt noch mit jemandem diskutieren?
 
Frie Leysen: Nein, wir haben wirklich eine „carte blanche“, also völlig freie Hand. Wir müssen ein Festival machen, dass die Welt und das Ruhrgebiet zusammen bringt, auf dass beide davon profitieren. Und wir glauben sehr stark an die auf dem Festival vertretenen Künstler und an die Neugierigkeit des Publikums. Wir selbst sind dabei der  Bindestrich, der dafür sorgt, dass diese beiden Gruppen zusammen kommen. Ich habe einen unglaublichen Respekt vor dem Publikum und einen unglaublichen Respekt vor den Künstlern. Und das bedeutet, dass ich versuche, ein interessiertes Publikum mit interessanten Künstlern zusammen zu bringen.
 
Jens Kobler: Vielen Dank für das Gespräch!
 
„Theater der Welt“ vom 30. Juni bis zum 17. Juli in Mülheim an der Ruhr und Essen.

Großes Bild (oben): Frie Leysen. Foto: Ilja Höpping
Foto von Frie Leysen: Diana Küster.
Oberes Foto aus "Die Heimkehr des Odysseus" von der Handspring Puppet Company.
Mittleres Foto aus "My Name Is I Love You" von Kazuya Kato.
Unteres Foto: Jespers und Jespers für "Der Mann ohne Eigenschaften" von Guy Cassiers.

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Di, 29.06.2010 0

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04.12.2009

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