freiraum2010: Besetzen statt Anträge stellen
Mitte Juli 2010 okkupieren junge Künstlerinnen und Künstler das DGB-Haus auf der Essener Schützenbahn. Jens Kobler spricht am zweiten Tag der Aktion mit den Besetzern, innerhalb des nächsten Tages wird das Gebäude schon geräumt werden.
Jens Kobler: Die Legende besagt, dass hier eh die Tür auf und dass Ihr eh schon länger auf der Suche nach einem Raum für Eure künstlerischen Aktivitäten wart. Stimmt das so?
Stefan Kirchhoff: Wir hatten uns im Rahmen des Port e.V. auch schon einmal auf offiziellem Wege engagiert. Das ist damals im Bürokratiesumpf untergegangen.
Nora Schlehbusch: Im Rahmen von Storp 9 war das unter anderem, und da gab es auch unterschiedliche Vorstellungen bei uns und der dortigen Bürgerinitiative. Wir haben in den ersten Jahren viel Programm gemacht, aber es musste halt auch immer um 22 Uhr Schluss sein, und das ist für jüngeres Publikum letztlich unattraktiv. Wir waren auch an anderen Orten schon aktiv, sind aber nie irgendwo endgültig untergekommen.
Stefan Kirchhoff: Und hier war die Tür tatsächlich offen, und die Schlüssel lagen auf dem Tisch nebeneinander.
Nora Schlehbusch: Es sind zuerst zwei, drei Leute hineingegangen und haben dann die anderen verständigt.
Stefan Kirchhoff: Uns fiel auf, dass das Gebäude nicht genutzt wird, und das seit Jahren und obwohl zum Beispiel Strom und Wasser offensichtlich noch funktionieren. Es wird also dafür bezahlt, das Haus gilt aber als „nicht vermietbar“ und ein Abriss wäre wohl zu teuer. Also war das für uns auch zunächst eine unschädliche Aktion hier hinein zu gehen.

Jens Kobler: Seit wann steht denn das Gebäude leer? Und: Haben sich die Mieter inzwischen schon gemeldet?
Stefan Kirchhoff: Seit 2007 steht das leer,…
Mariebelle Medina: … und zwar auf insgesamt sechs Etagen. Hier hatten wir auch schon einmal angefragt, und da hieß es, dass z.B. aus Brandschutzgründen große Teile erst einmal millionenschwer saniert werden müssten. Wobei der Teil im Erdgeschoss, in dem wir uns derzeit aufhalten, so intakt wirkt wie die anderen, genutzten Ladenlokale drum herum. Wir möchten aber schon auch die anderen Räumlichkeiten nutzen können, damit hier noch mehr Künstler Platz finden können.
Stefan Kirchhoff: Man hätte also viel Arbeitsfläche, aber unten auch eine gemeinsame Ausstellungsfläche – uns geht es vor allem um die Arbeitsfläche.

Jens Kobler: Warum kommen diese neu gebauten Kreativzentren für Euch nicht in Frage? Weil es da mehr um Business als um Kunst geht?
Stefan Kirchhoff: Ja. Und es sollte neben der Arbeits- und Ausstellungsfläche auch Raum für Veranstaltungen geben. Auch weil wir ja immer neue Leute erreichen wollen, ohne aber unter wirtschaftlichem Druck arbeiten zu müssen. Wir möchten Kunst machen, die nicht sofort verkaufbar oder verwertbar sein muss.
Chris Mummerz: In der Essener Innenstadt gibt es kaum Räume, in denen man sich wirklich frei entfalten kann. Entweder man passt sich an, oder man darf nicht mitgestalten. Ich bin Musiker und Produzent und erst seit ein paar Stunden hier. Aber ich habe schon beschlossen, mich einzubringen.
Jonathan Auth: Ich studiere Kunst in Düsseldorf, und da wird man mit 60, 70 Leuten nebeneinander in einen Raum geworfen, wo man dann seine Kreativität entfalten soll. Da ergeben sich dann schon Arbeitsweisen und auch Kontakte, aber das Persönliche und Freie kommt an solchen Orten einfach viel zu kurz.
Jens Kobler: Miete und Nebenkosten wären aber schon bezahlbar? Oder würdet Ihr auch Geld von der Stadt nehmen? Manche geben Ihre Autonomie ja schnell ab und hängen dann bald am Tropf der Stadt, wenn sie nicht wirtschaftlich arbeiten wollen.
Stefan Kirchhoff: Wir wollen nicht zwingend Förderung, sondern in erster Linie in Ruhe machen können. Hauptsache ist, dass wir selbstverwaltet bleiben. Falls uns jemand Geld gibt und wir dennoch machen können, was wir wollen, dann werden wir nichts dagegen haben. Wir möchten aber auf keinen Fall noch einmal erleben, dass wir uns engagieren, und dann kommt der Oberbürgermeister oder sonst jemand und tut so, als hätte er das jetzt aufgebaut, während wir in der letzten Reihe sitzen.

Jens Kobler: Es gibt hier ja auch ein wenig Programm neben den Ausstellungen. Wann seid Ihr denn auf jeden Fall hier anzutreffen?
Stefan Kirchhoff: Zumindest jeden Tag von 18 bis 22 Uhr, aber auch sonst häufig. Es gibt hin und wieder Konzerte, DJs oder Sessions, es kann hier aber auch gemalt werden.
Mariebelle Medina: Die Räume stehen auch für neue Leute offen, und es stoßen immer neue Leute hinzu, einer aus Mannheim und einer aus Oregon haben sich zum Beispiel schon angeschlossen.
Jens Kobler: Vielen Dank für das Gespräch!
Fotos: Jens Kobler
Mo, 19.07.2010
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vielen dank an die besetzer!
dieses beispiel zeigt dann wohl, dass man auf solche aktionen setzen muss, um freiräume für kultur gegen die hier verbreitete bürokratische, verwaltungstechnische und ideologische ablehnungshaltung zu behaupten.