Freiheit oder Gängelung? Urheberrecht und Copyright Debatte - TEIL 2

Künstlerische Tellerwäscher und Freibeuter, die keine Freiheit bringen

Im ersten Teil des Beitrags lieferten wir anlässlich des emotionalen Regener Rants einen Überblick über die Urheberrechts-Debatte und stellten viele Fragen. Hier soll ein Loblied auf die Plattten- und Filmindustrie gesungen werden - auch  mit schiefen Tönen. Die Industrie hat einen riesen Fehler begangen, als sie sich nur wehrte, statt mitzumachen bei streaming und Kaufportalen im Netz. Ansonsten aber war sie für Künstler und Konsumenten eher von Vorteil.

Die Musik- und Filmindustrie hat in einer Bandbreite von Nirwana bis Madonna für Qualität und auch viel austauschbaren, zu recht längst vergessenen Mist gesorgt. Sie hat dazu Arbeitsplätze geschaffen: Im eigenen Haus und für Druckereien, Graphiker, Tourmanager, Techniker, Ingenieure, Fotografen, Regisseure. Die Industrie hat Megaseller und Newcomer, hat sowohl Blockbuster wie Wackelkamera-Arthouse Kino finanziert. Und: Sie hat mit verteilten Kompetenzen für Qualität gesorgt  - auch wenn das Q-Wort in Hinsicht auf manche Band und manchen Film fehl am Platz erscheint. Tempi Passati? Kommt jetzt der selbstbestimmte, selbstverlegte, selbstvermarktete Individualkünstler, der aufgrund von Qualität seiner Dinge nicht nur wahrgenommen wird im Netz, sondern auch bezahlt? Unwahrscheinlich.

 

Selbstbestimmt oder sehr einsam?

Die Industrie hat in der Vergangenheit mit Mischkalkulationen in die Breite gewirkt. Sie hat Künstlern eine Chance gegeben, erst mit dem dritten Werk richtig zu rocken und so tatsächlich eine künstlerische "Sozialpolitik" gemacht, von Oben nach Unten verteilt. Sicher, kurzfristige Erfolge, schnelles Geld, mediokren Mist und Millionen für Schrott - das gibt es in der Mischkalkulation auch.

Trotzdem bleibt die Frage: Wie will ein einzelner Künstler sich selbst und allein als Mischkalkulation leben? Wie will er sein kreatives Tun finanzieren, wenn er nicht (gern genannt Kafka und Hemingway) noch einen zweiten Job in der normalen Welt hat? Der von Urheberrechtskritikern hochstilisierte „selbstbestimmte“ Künstler muss nämlich nun auch noch Zeit haben für Selbstvermarktung, Netzwerkerei, für den Vertrieb seiner Platten, Bücher und Filme, für Budget- und Tourplanung, für das gesamte Management seiner "Karriere", wenn er erst von der Industrie befreit ist.

Die Frage, was hat die Industrie, was hat das Urheberrecht für Künstler und Konsumenten getan, erinnert an die Frage aus "Leben des Brian": "Mal abgesehen von sanitären Einrichtungen, der Medizin, dem Schulwesen, Wein, der öffentlichen Ordnung, der Bewässerung, Straßen, der Wasseraufbereitung und der allgemeinen Krankenkassen, was, frage ich euch, haben die Römer je für uns getan?"

 

Komisch – kaum ein Künstler wählt Piraten

Wann immer über die angeblich für die Künstler vorteilhafte Entwicklung durch das Internet gesprochen wird, hört man, dass Konsumenten und Künstler jetzt „direkt“ miteinander in Kontakt kommen können und nicht über den (teuren) Umweg der Industrie. Allein, die meisten Künstler wollen das gar nicht.

Jeder Kreative weiß, dass man unmöglich zur eigentlichen Arbeit noch parallel eine ebenso gute wie wirksame Medienstrategie, Werbung und Marketing machen, T-Shirts entwerfen und Plattencover designen, Touren und Gigs organisieren kann. Der Künstler, den die Piratenpartei im Kopf hat, ähnelt viel zu sehr ihren Mitgliedern: Netznatives, die googeln mit Wissen, Blogs mit Zeitung, Ahnungslosigkeit mit Charme und das Laptop mit Kino verwechseln. Und das Alleinwerkeln mit Freiheit.

Die große Mehrheit der Kreativen sieht das etwas anders – und sicher nicht, weil sie alle von dem „alten“ System so verdammt gut leben. Das von Piraten geforderte System ist kein Ersatz. Es erträumt den im Selbstoptimierungswahn auf allen Ebenen vor sich hinwerkelnden Kreativen, der sich mit anderen vernetzt und mit anderen Kreativen gegenseitig hilft, statt sich von Profis helfen zu lassen. Das klingt nicht verlockend. Und vor allem klingt es nicht nach einem Geschäftsmodell. Kein Wunder also, dass die Zeitschrift Capital in diesen Tagen „ungewöhnliche“ Piraten sucht: Neben Bankern und Rentnern auch Künstler. Souverän allerdings, dass die Piraten diese Suche unterstützen.

 

Neue Wege?

Es gibt aber auch aufgeschlossene Künstler. Zum Beispiel die Band „Wir sind Helden“, die sich zwar gerade aufgelöst hat, aber auf netzaffinen Wegen und zu Beginn mit Selbstvermarktung bekannt wurde. So könnte es der mutige Künstler mit Social Payment versuchen: Er oder sie stellt 30 Sekunden der eigenen Musik oder einen Trailers des Films ins Netz. Die ganze Musik, den ganzen Film kann man erst laden, wenn von eine Anzahl Interessierter eine vom Künstler bestimmte Mindestsumme zusammengekommen ist - eine Art nachgeholtes Crowdfunding. Schöne Idee, aber trotzdem nur für wenige und meist solche mit Namen und sehr gutem Netzwerk gewinnbringend. Angesichts der bereits jetzt vorhandenen Schwemme an (Eigen)Werbung in sozialen Netzwerken ist es naiv, an längerwährende Aufmerksamkeit in finanziell spürbarer Weise zu glauben, wenn man nur genug twittertfacebooktyoutubt. Darauf gar ein ganzes Berufsleben, eine Künstlerexistenz aufzubauen grenzt an Größenwahn. Die Geschichte von Lana del Rey oder Iron Sky sind und bleiben Ausnahmen. Selbst etablierte Künstler verdienen mit den dusseligen 99cent pro Song von iTunes nicht mal genug, um ihre Unkosten zu decken.

 

Der Künstler als Tellerwäscher

Das ganze Gerede, den Künstler direkt zu bezahlen, ihm die Freiheit von der Industrie zu schenken, ähnelt doch sehr der verlogenen US-Formel „Vom Tellerwäscher zum Millionär“: Dass es zehn Leute im Jahr von ganz unten nach ganz oben schaffen, soll als Beleg für ein "offenes und faires" System dienen. Vor allem aber soll der Mythos beruhigend auf die vielen Millionen wirken, die das NIE schaffen werden und sich das selbst ankreiden.

Den Druck mit künstlerischen Dingen ganz und gar selbstvermarktet, selbstorganisiert und vermeintlich selbstbestimmt im Netz Geld zu verdienen, sollte nicht mit Freiheit verwechselt werden. Diese Freiheit ähnelt eher der Flugkurve des Ikarus.

 

Teaserfoto: von marfis75, flickr commons lizenz

Foto 1 von Stephen Downes , flickr commons lizenz

Foto 2 Von openDemocracy, flickr commons lizenz

Foto 3 Von colindunn, flickr commons lizenz

Di, 17.04.2012 0

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25.03.2010

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Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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