Szenebild aus "The Magic of Believing" am Düssledorfer fft

Frei, verschieden und doch gleich?

Die Freie Szene spiegelt die Einwanderungsgesellschaft mehr als andere Kulturbereiche

"The magic of believing" aus dem Jahr 1948 gehört zu den legendären Bestsellern einer bis heute hoch populären Buchsparte: den Lebensratgebern. Autor Claude M. Bristol plädiert darin für Positives Denken und den Glauben an sich selbst als Garant für Erfolg, vor allem den materiellen. Unter dem Titel seines Buches hat das Düsseldorfer fft Forum Freies Theater jetzt die Ambivalenz solcher Psycho-Formeln auf die Bühne gebracht. Junge Laiendarsteller erzählen in der multimedialen Inszenierung von ihren Anstrengungen, Enttäuschungen und Erfolgserlebnissen in einer Welt, in der Menschen "Human Resources" sind.

Zum fünften Mal hat Regisseur Ingo Toben im fft mit Schülerinnen und Schülern gearbeitet – alle aus Düsseldorf, aber unterschiedlichster Familienherkunft. Diese Projekte des größten Freien Theaters in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt werden regelmäßig zu bedeutenden Festivals eingeladen – eine Auszeichnung im doppelten Sinne, denn die jungen Bühnenlaien konkurrieren darum in der Regel mit den professionellen Spitzenkräften der Freien Szene. Etwa 20.000 Freischaffende in der Darstellenden Kunst hat eine Studie des Zentrums für Kulturforschung 2009 bundesweit ermittelt. Viele von ihnen sind erstklassig ausgebildete Schauspieler, Tänzer, Sänger. Gut ein Fünftel von ihnen hat einen Migrationshintergrund, im urbanen NRW liegt der Anteil etwas höher. Das spiegelt in etwa die Gesamtbevölkerung, laut Studie sogar hinsichtlich der Zusammensetzung: Menschen mit Wurzeln in der Türkei und der ehemaligen Sowjetunion sind unter den Freien Künstlern in Deutschland am stärksten vertreten, es folgen Südeuropa, Polen und das frühere Jugoslawien.

Audience Development mit knappen Kassen

"Es ist eine Entwicklung der letzten vier, fünf Jahre, dass sich diese Situation bei den Ensembles auch stärker im Publikum niederschlägt", konstatiert der Geschäftsführer des Fonds Darstellende Künste in Berlin, Günter Jeschonnek. Statistisch belegen kann er das nicht: Für den im letzten Jahr von ihm herausgegebenen "Report Darstellende Künste" wurden keine Zahlen dazu erhoben. Auch die einzelnen Häuser und Gruppen tun das nicht. "Dazu fehlen uns einfach die Kapazitäten" sagt Janine Hüsch vom schon ziemlich großen Düsseldorfer fft, "wir machen höchstens produktionsbezogenes Audience Development." Bereits das ist ganz schön aufwändig: Für das Stück "Sitt Marie-Rose" der Schriftstellerin Etel Adnan über das Schicksal einer Christin im libanesischen Bürgerkrieg haben die Dramaturginnen des Hauses Studenten der Düsseldorfer Uni zur Vorbereitung eingespannt – fast ein halbes Jahr. Die sorgten nicht nur für einen mehrsprachigen Werbeflyer, sondern auch für eine ebensolche Einführungsveranstaltung zur Premiere vor 200 Zuschauern. "Bestimmt 50 davon waren zum ersten Mal hier", erzählt Hüsch hörbar stolz, "und überwiegend Frauen, viele traditionell gekleidet, die man sonst nicht unbedingt als Besucher hier im Theater antrifft." Das anschließende Publikumsgespräch mit der Regisseurin beschreibt die Dramaturgin als "die wohl substantiellste Diskussion, die ich hier in sieben Jahren erlebt habe". Vielleicht auch deshalb, weil der Abend mit libanesischen Häppchen und Tee aus dem Samowar genau jene gesellige Atmosphäre bot, die Menschen aus der arabischen Welt erklärtermaßen von einer Kulturveranstaltung erwarten. Das könne ihr Haus aber nicht regelmäßig leisten, gibt Dramaturgin Hüsch zu bedenken, selbst eine größere Einrichtung wie das fft habe dafür einfach zu wenig Ressourcen.

Wenige Migranten in Führungspositionen

"Es funktioniert da, wo der Mix stimmt", sagt Rainer Bode von der Landesarbeitsgemeinschaft für Soziokulturelle Zentren. Der gehören 65 Einrichtungen in ganz NRW an, die Flottmann Hallen in Herne, der Bochumer Bahnhof Langendreer oder das Zentrum Altenberg in Oberhausen. Sie alle haben wegen ihrer lokalen Verwurzelung und des nicht nur künstlerischen Angebots viel Publikum mit Migrationshintergrund. Eine, meist soziale, Beratungsstelle im Haus sorgt oft für das erste Übertreten der Türschwelle, und "wer erst mal drin ist, nimmt oft auch andere Angebote wahr", sagt Bode. Der Migrantenanteil unter den Zentrumsnutzern liege nach einer Umfrage aus dem letzten Jahr bei gut 20 Prozent; nicht schlecht, aber nicht mal halb so hoch wie in der Wohnbevölkerung so manchen Großstadtviertels in Nordrhein-Westfalen. Gründe dafür gibt es viele, sagt Bode, einer davon: "65 Häuser, knapp 50 haben einen eigenen Geschäftsführer, und vielleicht fünf von denen haben einen Migrationshintergrund. Mehr Repräsentanz würde da sicher auch für mehr Publikum sorgen."

Interkultur macht Arbeit – Wissen auch

Mehr Licht ins statistische Dunkel der insgesamt 210 Ensembles, Produktionshäuser sowie Einzelkünstlerinnen und -künstler in Nordrhein-Westfalen verspricht die vom Land bezahlte Studie "Bestandsaufnahme und Situation der Freien Theater". Sie soll noch in diesem Jahr veröffentlicht werden, enthält dem Vernehmen nach aber keine migrationsspezifischen Daten. Das könnte man unter anderen Umständen für einen gesunden Ausdruck multikultureller Normalität halten, tatsächlich ist es wohl eher ein systematischer Fehler: Erst jüngst hatte der Staatssekretär im Kulturministerium, Klaus Schäfer, öffentlich einen Mangel an Wirkungsforschung für die interkulturelle Kulturarbeit beklagt. Wenn sich das Ministerium aber sogar in seinen eigenen Studien nicht für das Thema zu interessieren scheint, bekommt diese Klage einen schiefen Ton. Das ist schade, denn auch in den Freien Theatern des Landes wüsste man gern mehr darüber, wo man interkulturell eigentlich steht oder wie mehr migrantisches Publikum gewonnen werden könnte. Und welche Angebote tatsächlich dafür sorgen, dass sich die Zuwanderer als gleichberechtigter Teil der Gesellschaft fühlen. Das wäre im wahrsten Sinne des Wortes Ausdruck einer: guten Kultur!

 

Epilog: In der kommenden Woche schauen wir ganz gezielt in die Kulturszene der Zuwanderer – das wäre im sowieso schon begrenzten Raum dieses Artikels viel zu kurz gekommen.

 

Fotos: Iskender Kökce/fft (1), fonds daku (1), LAG NRW (1)

So, 11.12.2011 0

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19.10.2011

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