Frei, kreativ und durchgenutzt

Neulich habe ich in einer der Zeitungen, für die ich als freier Autor gelegentlich schreibe, gelesen, dass der Rapper Bushido an einem Bandscheibenvorfall leide, und deshalb seine angekündigte Tournee verschieben müsse. Der Text zitierte von Bushidos Website: „Es tut mir sehr leid, meine Fans um ein paar Monate vertrösten zu müssen.“ Aber drei Monate müsse er „absolute Bettruhe“ halten. Im April wolle Bushido die deutschen Bühnen dann aber „mit mehr Energie denn je“ stürmen. Die Nachricht kam über die Agentur, und erreichte – wie von Bushido sicher angestrebt – die Leser auf den Panorama-Seiten der Tageszeitungen ebenso wie online und im Radio. „Respekt!“, dachte ich, und „einen guten Pressearbeiter leistet sich der Mann“, dem ich in stiller Solidarität alles Gute wünschte. Zurück blieb ein bisschen Neid auf seine drei Monate Ruhe, und auf die geduldige Erwartung seiner Fans, der sich Bushido nach dieser Meldung sicher sein kann. Außerdem kam leise der Zweifel auf, ob ich mein eigenes Malheur zwischen den Bandscheiben vor sechs Wochen zum Vorfall auf meiner Website hätte machen sollen.

Krankheitsfall als Gelegenheit


So ein Krankheitsfall ist für Menschen, die Teil der hochgejazzten Kreativwirtschaft sind, also meistens in vertragsfreien Verhältnissen arbeiten, eine unangekündigte Gelegenheit, über das soziale Wesen ihrer beruflichen Position nachzudenken. In meinem Fall – als freier Autor – ist das eine ziemlich einsame Angelegenheit. Positiv ausgedrückt hat man aber auch dabei einfach seine Ruhe. Denn ich arbeite in so etwas wie einem kreativen Vakuum. Die meisten meiner Auftraggeber habe ich noch nie gesehen, mit manchen habe ich noch nicht einmal telefoniert. Denn sie arbeiten unter hohem Zeitdruck, der mit zunehmender Arbeitsverdichtung größer wird. Ihnen steht deshalb kaum der Sinn nach einem Gespräch über Belangloses. Redakteure fassen sich meist kurz, antworten auf Themenangebote nur im Bedarfsfall. Anderenfalls sind tatsächliche Absagen eher die Ausnahme. Es gibt gar Redaktionen, die ihre ständigen freien Mitarbeiter zum Jahresbeginn freundlich darauf hinweisen, dass sie erst gar nicht mit Antworten auf ungefragt eingesandte Angebote rechnen müssten. Das ist immerhin eine klare Ansage. Viele Freie bedauern diese spärliche Art der Kommunikation, empfinden sie mitunter als unfreundlich, weil sie ein Gefühl der Ohnmacht hinterlässt.

Ärger machen Auftraggeber immer dann, wenn die Abgabefrist nicht eingehalten wird. Das ist verständlich. Wachsendes Konfliktpotenzial bergen allerdings Mehrfachverwertungen, und dabei geht es bei den freien Autoren ans Existenzielle. Denn tatsächlich Freie, also keine Pauschalisten oder feste Freie beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk, die ja Scheinselbständige sind, könnten ohne die honorierte Mehrfachverwertung ihrer aufwändigen Arbeit nicht leben. Das ist unmöglich. Früher musste man bei Mehrfachverwertungen lediglich die Wettbewerbssituation des jeweiligen Auftraggebers berücksichtigen, heute beginnt die Befindlichkeit der Auftraggeber schon bei jedem x-beliebigen Online-Angebot. Denn das Internet steht in Konkurrenz mit jeder gedruckten Publikation. Im Netz selbst ist sowieso jedes ähnliche Themenangebot Wettbewerb. Und so kann selbst ein Text, der im deutschsprachigen Ausland online erscheint, den Redakteur der deutschen Erstverwertung erzürnen. Zumal wenn der Text einen langen Weg durch die Blogosphäre nimmt. Der Autor selbst hat darauf keinen Einfluss, honoriert wird er dafür schon gar nicht, muss aber die Folgen für die Verbreitung tragen. Die grundsätzliche Bitte an Printredaktionen, auf die Onlineverwertung zu verzichten, wird nicht gerne gehört, und häufig nicht berücksichtigt. Entsprechende Autorenverträge formulieren den Zwang, es zu akzeptieren. Eigenständige Onlineredaktionen, die Texte freier Autoren ankaufen, interessieren sich fast ausschließlich für Themen, die „geklickt“ werden. Die unmittelbare Userresonanz verändert so über die Nachfrageseite das Angebot der Autoren. Vor allem über das Internet, das die neuen Leitmedien beheimatet, werden sie dazu verführt, journalistische Relevanzkriterien aufzuweichen. Und so zwingt sich die Boulevardisierung den Freien über die wirtschaftliche Notwendigkeit auf.

"Schreiben macht arm"


Vor rund zwei Jahren hat die Berlinerin Gabriele Bärtels in dem Pamphlet „Schreiben macht arm“ für die Zeit ihr eigenes Schicksal einer freien Autorin ausgebreitet. Seither ist sie unter Kollegen bekannt für ihre Systemkritik. Angelegt war der Artikel für eine breite Leserschaft, der sie erklären wollte, unter welchen schlechten sozialen Umständen freie Autoren arbeiten, die Zeitungen und Magazine entscheidend mit Inhalt füllen. Berührt hat der Artikel vor allem Freie, von denen sich viele in Bärtels’ Beschreibung wiedergefunden haben. „Ich darf nicht böse mit der Redakteurin werden, denn ich bin auf sie angewiesen“, schreibt sie am Beispiel einer Zeitung, die ihren Text – trotz Auftragsvergabe – ohne die Nennung von Gründen nicht gedruckt hat. Eingeklagt hat sie ihr Honorar noch nie. „Ein Fehler“, heißt es dazu beim Deutschen Journalisten- Verband (DJV) angesichts der eindeutigen Rechtslage. Aber innerhalb des Handlungsrahmens, der aus juristischen Vorgaben und redaktionellen Sachzwängen besteht, herrscht noch der Faktor Mensch. Zum Beispiel dann, wenn ein Text nicht – wie angekündigt – gedruckt wird. „Dann benachrichtigt mich der Redakteur nur in Ausnahmefällen, meistens vergisst er es“, schrieb Bärtels in ihrer Anklage. Inzwischen sagt sie, dass sie längst resigniert habe – angesichts ihrer Machtlosigkeit als freie Autorin. „Und überhaupt verläuft die Grenze ja nicht zwischen uns und den Redaktionen, sondern viel weiter oben in den Verlagen.“

Das sieht Hilal Sezgin ähnlich. Die freie Journalistin und Buchautorin (Mihriban pfeift auf Gott) war sieben Jahre lang Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Rundschau, bevor sie sich entschied, als Freie zu arbeiten. Sie weiß, wovon sie spricht: „Die Budgets der meisten Medien sind weiter geschrumpft. Also sparen die Redakteure, ohne böse Absicht, oft sogar unwissentlich, an uns.“ Sie kann sich gut an Bärtels Pamphlet erinnern, das zu der Zeit erschien, als sie den Weg in die Selbständigkeit wählte. Seither sei die Situation noch schlimmer geworden. Sie selbst zehrt von der Expertise zum Thema Integration, das seit zwei Jahren Konjunktur hat. Sie merke eine besondere Wertschätzung, weil die Zahl entsprechender Experten, die für überregionale Zeitungen schreibt, begrenzt sei. Deshalb kommen zu ihrer Arbeit als Autorin Podiumsdiskussionen, Fernsehinterviews und Vorträge. Leider herrsche bei den Auftraggebern aber eine ähnliche Haltung wie im Internet, wo Autorenleistungen kein finanzieller Wert beigemessen wird. „Mich hat neulich eine große Partei angefragt, die der Meinung war, dass ich einen Vortrag bei ihr kostenlos halten könne.“ Das Problem liege vor allem darin, deutlich zu machen, welche immense Arbeit hinter der eigenen Expertise steckt. Fernsehsender gingen häufig davon aus, dass man ihnen diese gerne kostenlos zur Verfügung stelle. Warum eigentlich? Sezgin arbeitet mehr als früher, für deutlich weniger Geld.

Freiheit oder Sicherheit?


Auch Christian Jungblut ist ein Spezialist auf seinem Gebiet. Seit langen Jahren berichtet der freie Reporter über maritime Themen, regelmäßiger auch für das Magazin Geo. „Nach alledem kann ich mir aber nicht vorstellen, dass er künftig noch für Geo schreibt“, sagt Wolfgang Michal. Michal ist Vorstandsmitglied im Verband Freischreiber, der sich vor zwei Jahren als Interessenvertretung freier Journalisten gegründet hat. Er glaubt, dass „sich das Selbstbewusstsein der Freien in den vergangenen Jahren verbessert hat.“ Michal war als Beobachter bei einem Prozess dabei, den Jungblut vor einigen Wochen am Hamburger Landgericht gegen Geo geführt hat – um das Recht am eigenen Stil. Denn auch um das Redigieren wird in der Kampfzone zwischen Freien und Redaktionen häufig gestritten. Jungblut hatte geklagt, weil er seine Reportage über den Klimawandel in den Niederlanden nicht mehr wiedererkannte, nachdem sie Geo vor einem Jahr veröffentlichte. Das Gericht hat dem Reporter recht gegeben und die weitere Verbreitung des Artikels verboten. Wolfgang Michal sieht in dem Urteil „eine große Überraschung“, und erwartet, dass sich andere Autoren auf dieses Urteil berufen. „Jungblut ist seit 30 Jahren dabei, und hat wohl einigen Ärger in sich hinein gefressen“, mutmaßt er über Jungbluts Konsequenz. „Für die meisten Kollegen ist es natürlich ein Problem, sich auf eine solche Art gegen eine Redaktion zu wenden, weil sie verständlicherweise Angst haben, dass sie danach nie wieder einen Job bekommen“, erklärt der Kläger selbst auf der Internetseite des Verbands. Er ist 67 Jahre alt. „Die Redakteure haben einen sicheren Posten, beneiden aber die Freien um deren Freiheit, nicht jeden Morgen zur Arbeit antanzen zu müssen. Auf der anderen Seite beneiden die Freien die Festangestellten um deren sicheres Einkommen und um den Vorteil, bei der Bearbeitung eines Texts meist am längeren Hebel zu sitzen. Die Freien haben nicht so viele Machtmittel und müssen sich meistens beugen.“ Deshalb wünscht Michal sich Einvernehmlichkeit. „Ohne gegenseitiges Verständnis, ohne gegenseitige Wertschätzung kann der Abstimmungsprozess zwischen Autor und Redaktion nicht gelingen.“ Das ist vor allem auch eine Frage von Zeit. „Aber die strukturellen Probleme lassen sich im charmanten Umgang miteinander nicht lösen“, sagt der Reporter. Er berichtet von einem prominenten Magazin, dessen Redakteure die freien Autoren vor dem Abdruck nicht mehr über den redigierten Text schauen lassen – aus Personalmangel. „Sie haben einfach Angst, dass es noch mehr Arbeit bedeutet.“

Auch für Fotografen hat sich die Situation im Zuge von Arbeitsverdichtung und Digitalisierung verschlechtert. Lutz Fischmann, Geschäftsführer des Vereins für Fotojournalisten Freelens, zählt die Probleme zwischen seinen Mitgliedern und den Redaktionen auf: „Neben den sinkenden Honoraren und verkürzten Produktionszeiten sind dies vor allem die rechtlichen Begehrlichkeiten der Verlage. Sie wollen immer mehr Rechte an den Fotos – bei gleichzeitig sinkenden Honoraren. Dies geht bis hin zu Buyout-Verträgen. Und werden diese nicht akzeptiert, wird der Fotograf nicht mehr beauftragt.“ Im vergangenen Jahr wendeten sich die Journalistengewerkschaften und Freelens gegen die neuen Geschäftsbedingungen, die der Hamburger Jahreszeiten Verlag (Für Sie, Petra, Merian) nunmehr für freie Fotografen vorsieht: Wenn Freie dem Verlag die Rechte umfassend einräumen, dann darf dieser Verlag die Fotos vollständig oder in Teilen in allen Druckwerken, in jeglichen Internetdiensten, auf Bild-, Ton- und Datenträgern aller Art.


Durchdigitalisierte Verwertungssysteme


Michael Hirschler, der sich beim DJV um die Anliegen der Freien kümmert, sagt, dass diese ganz besonders darunter zu leiden haben, dass einige Medienhäuser „eine neue Stufe des Profit-Squeeze“ erlangten. Vor allem dort, wo mithilfe ausgefeilter Content-Management- Systeme (CMS) ein durchdigitalisiertes Verwertungssystem entsteht, ergebe es zwangsläufig ein Verfall der Umgangsformen. „Für viele Unternehmen sind die Freien der Rohstoff, der komplett durchgenutzt wird.“ Redakteure hätten gar nicht mehr die Zeit, sich einen Kopf über die Situation der Freien zu machen. Während vor allem in den Zeitungsverlagen die Zahl der Redakteure sinkt, gebe es immer mehr Freie. „Das wissen wir aus der Statistik der Künstlersozialkasse“, sagt Hirschler. Die Armee des Medienproletariats wird immer größer. „Wir sind die mexikanischen Wanderarbeiter im deutschen Verlagswesen“, heißt es in einem Kommentar des Forums faire-zeitungshonorare.de, das die Journalistengewerkschaft eingerichtet hat. Vor allem bei den Tageszeitungen ist die Situation der freien Mitarbeiter tragisch: Während ein Pauschalist mit der Qualifikation eines Redakteurs beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk einen Tagessatz um die 200 Euro verdient, dazu noch Ansprüche auf Kranken- und Urlaubsgeld erwirbt, zahlen die Verlage ihren freien Redakteuren häufig nicht mehr als die Hälfte, teilweise nur ein Drittel davon.

Eine Umfrage des DJV unter 2.187 Freien hatte vor zwei Jahren ergeben, dass Freie im Schnitt 2.150 Euro brutto verdienten. Also mehr als die Hälfte weniger als ihre festangestellten Kollegen in den Redaktionen. Der Realwert, also inflationsbereinigt, sei seit 1998 nahezu gleich geblieben. Die Zahl der „freiwillig Freien“ sei zurückgegangen. Nur jeder zweite Befragte habe den Entschluss für den Beruf des freien Journalisten aus freien Stücken getroffen. Halil Sezgin hat ihn jedenfalls nicht bereut. Mit einer Familie allerdings hätte sie ihn erst gar nicht gewagt. Weil es an sozialer Sicherheit mangelt, „außerdem gibt es keine freien Wochenenden.“ Auch mit der Urlaubsplanung sei es so eine Sache. Ihrer Erfahrung nach darf man „vor allem keine Anfragen absagen“ – wenn man denn im Geschäft bleiben will.

Nach meinem Bandscheibenvorfall ging es nicht anders, als einiges abzusagen. Die meisten Redaktionen hatten Verständnis dafür, manche mussten ihre Planung ändern, wegen bereits zugesagter Aufträge. Für Freie ist die Arbeitsunfähigkeit eine Zeit, in der auch das Verhältnis zu den Redaktionen auf die Probe gestellt wird. Einige Texte habe ich liegend einer Schreibkraft diktiert. Vor allem wegen der Beziehung zu meinen Auftraggebern, die an der ganzen Malaise auch nichts ändern können. Natürlich muss ich morgen früh auf keiner Arbeit antanzen. Aber bei der Krankengymnastik.

Foto:
rosmary,         

Ähnliche Beiträge

Di, 28.12.2010 0

Kommentar hinzufügen

Anmelden oder Registrieren um Kommentare zu schreiben

Über den Autor

11.02.2010

Letzte Kommentare des Autors

Branche

Aktuelle Tweets

[DEBATE] Geistiges Eigentum monetarisieren - Debatte um die sozial gerechte Wissensgesellschaft hält an http://t.co/u56ZkORd #kulturzeit
[DEBATE] Creative Commons: eine mögliche Grundlage für ein zeitgemäßes Urheberrecht http://t.co/6xeDgKqu #kulturzeit
[DEBATE] Im Kulturkampf: Strukturwandel der Öffentlichkeit 2.0 http://t.co/pOcWhTI2 #kulturzeit
[DEBATE] Wert der Kreativität: Kulturinfarkt - Die Polemik war nötig Teil1 http://t.co/DwJcu4Y8 #kulturzeit