
Forum Expanded der Berlinale - Medienkunst eindeutig (Teil 1)
- Serie: Media Art
Die Medienkunst scheint im Umbruch. Vor allem im Umbruch ihrer Selbstdefinition. So diskutieren die Künstler und Institutionen schon eine Weile, ob man das Feld überhaupt noch Medienkunst nennen sollte. Die Debatte zur Abgrenzung zu anderen Künsten, vor allem den bildenden Künsten, ist so alt wie der Name Medienkunst selbst.
Um so erfrischender ist es, sich beim Forum Expanded nicht mit Begrifflichkeiten und Definitionen beschäftigen zu müssen.
Es gab Diskussionsforen, u.a. zu "The Cinematic State of Things", einem ewigen Thema, und ein Abend zum Werk Christoph Schlingensiefs. Dazu dutzende lupenreine Kunstfilme und Videoprojektionen - eindeutige Formen von Medienkunst also.
Debatten und Vorträge als Bestandsaufnahme
Während der Berlinale gab es beim Forum Expanded neben Kunst selbst auch Vorträge renommierter Künstler und Bewerter. Sie sind für Debattenlage und Status Quo der Medienkunst aufschlussreich.
Ein Panel mit Basma Alsharif, James Benning, Heinz Emigholz und Stefan Stefanescu zu „The Cinematic State of Things“ beschäftigte sich mit ewigen und aktuellen Fragen der Gattung.
Ob es sich um Industrieanlagen als Filmobjekte wie bei James Benning handelt, der ein Stahlwerk in Duisburg und Bilder aus Milwaukee nebeneinander stellt, oder Atomkraftwerke als lebende und tote Orte wie bei Stefanescu, der diese Anlagen neutral abfilmte, aber automatisch die Haltung des Betrachters zu dieser Energieform miteinbezieht, also im doppeltem Sinn Projektionsfläche wird.
Fast immer ging es um Ort, Zeit und Bewegung. So auch bei Basma Sharif, die einen Raum aus Video, Texten und Fotografie beim Versuch schuf, eine von Ort und Zeit unabhängige Liebesgeschichte zu erzählen. Es wurde dann eher eine Reise, eine Erkundung der persönlichen Geschichte des Nahen Ostens.
Ort, Zeit, Raum
Was passiert wenn die dreidimensionale Welt zur Oberfläche wird und zurück in die Welt projziert wird? Welche Rolle spielt die gefilmte Zeit und die gezeigte Zeit in den Werken, wie kann Film Zeit gegenwärtig machen, wenn das Medium selbst gezwungenermaßen nur Vergangenheit abbildet? Die Filmemacher diskutierten die Möglichkeiten der Filmsprache, Analysen der Gegenwart zu liefern und Veränderungen in der Perspektive zu beschreiben. Wann das Kunst ist und wann Dokumentation oder wann Medienkunst, konnte keiner erklären. Mussten sie auch nicht. Sie sind die Künstler.
Erläuterung von Schliengensiefs Werk
Wie man Künstler und ihr Werk erklärt, wurde an einem anderen Abend deutlich: Bei der Veranstaltung „Five Favorites“, die sich mit einem Künstler des Ruhrgebiets beschäftige: Nur knapp ein halbes Jahr nachdem der gebürtige Oberhausener Christoph Schlingensief verstarb, hatten sich Weggefährten versammelt, um das in der deutschen und internationalen Kunst einmalige Werk Schlingensiefs zu erläutern: beginnend mit Film, über Theater, Fernsehen, Performance, Installation, Politik und zuletzt mit seinem Opernprojekt in Afrika hat Christoph Schlingensief sein Werk tatsächlich zur „Sozialen Plastik“ im Sinne Beuys geformt.
Von dem Kurator Anselm Franke über Dramaturg und Bühnenbildner Carl Hegemann, Mathias Lilienthal dem Direktor des HAU sowie Georg Seeßlen als renommierten Filmkritiker versuchten die Herren in Vorträgen alle Aspekte des Schlingensief‘schen Schaffens abzudecken und Verbindungslinien aufzuspüren. Anstrengend und ein wenig peinlich: keiner der fünf Herren sprach ein auch nur annähernd erträgliches Englisch, das aufgrund der internationalen Gäste aber als Verkehrssprache diente. Wie sehr klare Gedanken durch eine klare Sprache glänzen, wurde überdeutlich.
Film, Ausstellungen, Theater
Die lange verlachten, gehassten und ignorierten Filme Schlingensiefs stellte Seeßlen in den Kontext der Begriflichkeiten von Joseph Beuys und entdeckte in ihnen sowohl Peformance, Installation, Ortbezogenheit und immer Kritik an den Verhältnissen. Die wiederkehrenden Themen: Religion und die deutsche Geschichte.
In Schlingensiefs Filmen gibt es keine psychologisch motivierten Figuren wie im narrativen Film, eher Archetypen oder mythologische Figuren wie den Helden, den Torwächter usw. Seine Filme „handeln“ auch nicht von etwas, sondern sie handeln mit etwas, einem Stoff, einer Fragestellung einem Zeitphänomen. Leute laufen herum, schreien, lamentieren, erzählen etwas, werden verfolgt von äußeren oder innern Dämonen, leben etwas aus, das aus ihnen selbst kommt, nicht aus der Umwelt. Der Zuschauer nimmt an diesen Filmen teil, er schaut sie nicht einfach an. Da beginnt auch schon der Weg ins Theater.
Mathias Lilienthal erzählte von der grandiosen Installation, Performance, Theateraufführung in Wien im Jahr 2000 mit dem Titel „Ausländer Raus!“. Dabei erfuhr man nichts Neues, aber als Link zwischen Film, Fernsehen und Theater war sein Beitrag trotzdem wichtig.
Über die Ausstellungen Schlingensiefs sprach der Kurator Anselm Franke, der u.a. auch bei der Talkshow Schlingensiefs bei MTV aus dem Jahr 2000 mitarbeitete, aber der Frage nachging, wie sehr Objekte und Werke Schlingensiefs den Rahmen normal zeigbarer Kunstwerke verließen, weil sie mit allen Gattungen und Medien spielten, also im besten Sinne Medienkunst sind.
Carl Hegemann schließlich sprach über die Zusammenarbeit in Bayreuth in der Aufführung des Parsifal - die Arbeit die laut Schlingensiefs eigener Aussage seiner letztlich tödlichen Krankheit Vorschub geleistet hat.
Was ist das? Vor allem Kunst!
Schlingensiefs Wanderung durch die Gattungen und die zunehmende Vermischung bis zur Unmöglichkeit, sie zu benennen, einzugrenzen und manchmal klar zu beschreiben, war Teil des künstlerischen Anspruchs. Wenn Installationen auf Theaterbühnen stehen und darüber Filme angefertigt werden, wenn Schauspieler mit Videobildschirmen in Dialog treten oder in seiner letzten Arbeit „Mea Culpa“ Religion, Kindheitserinnerungen, eigene (Krankheits)Geschichte, Oper, Film und Theater zusammenfinden - dann ist das packende, vieldeutige, kraftvolle Kunst - wie auch immer man sie nennt und welche Medien sie nutzt.
Teil 2: Kunst- & Experimentalfilm beim Forum Expanded
Fotos: Berlinale Presseservice
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Es gab Diskussionsforen, u.a. zu "The Cinematic State of Things", einem ewigen Thema, und ein Abend zum Werk Christoph Schlingensiefs. Dazu dutzende lupenreine Kunstfilme und Videoprojektionen - eindeutige Formen von Medienkunst also.
Debatten und Vorträge als Bestandsaufnahme
Während der Berlinale gab es beim Forum Expanded neben Kunst selbst auch Vorträge renommierter Künstler und Bewerter. Sie sind für Debattenlage und Status Quo der Medienkunst aufschlussreich. Ein Panel mit Basma Alsharif, James Benning, Heinz Emigholz und Stefan Stefanescu zu „The Cinematic State of Things“ beschäftigte sich mit ewigen und aktuellen Fragen der Gattung.
Ob es sich um Industrieanlagen als Filmobjekte wie bei James Benning handelt, der ein Stahlwerk in Duisburg und Bilder aus Milwaukee nebeneinander stellt, oder Atomkraftwerke als lebende und tote Orte wie bei Stefanescu, der diese Anlagen neutral abfilmte, aber automatisch die Haltung des Betrachters zu dieser Energieform miteinbezieht, also im doppeltem Sinn Projektionsfläche wird.
Fast immer ging es um Ort, Zeit und Bewegung. So auch bei Basma Sharif, die einen Raum aus Video, Texten und Fotografie beim Versuch schuf, eine von Ort und Zeit unabhängige Liebesgeschichte zu erzählen. Es wurde dann eher eine Reise, eine Erkundung der persönlichen Geschichte des Nahen Ostens.
Ort, Zeit, Raum
Was passiert wenn die dreidimensionale Welt zur Oberfläche wird und zurück in die Welt projziert wird? Welche Rolle spielt die gefilmte Zeit und die gezeigte Zeit in den Werken, wie kann Film Zeit gegenwärtig machen, wenn das Medium selbst gezwungenermaßen nur Vergangenheit abbildet? Die Filmemacher diskutierten die Möglichkeiten der Filmsprache, Analysen der Gegenwart zu liefern und Veränderungen in der Perspektive zu beschreiben. Wann das Kunst ist und wann Dokumentation oder wann Medienkunst, konnte keiner erklären. Mussten sie auch nicht. Sie sind die Künstler.Erläuterung von Schliengensiefs Werk
Wie man Künstler und ihr Werk erklärt, wurde an einem anderen Abend deutlich: Bei der Veranstaltung „Five Favorites“, die sich mit einem Künstler des Ruhrgebiets beschäftige: Nur knapp ein halbes Jahr nachdem der gebürtige Oberhausener Christoph Schlingensief verstarb, hatten sich Weggefährten versammelt, um das in der deutschen und internationalen Kunst einmalige Werk Schlingensiefs zu erläutern: beginnend mit Film, über Theater, Fernsehen, Performance, Installation, Politik und zuletzt mit seinem Opernprojekt in Afrika hat Christoph Schlingensief sein Werk tatsächlich zur „Sozialen Plastik“ im Sinne Beuys geformt.
Von dem Kurator Anselm Franke über Dramaturg und Bühnenbildner Carl Hegemann, Mathias Lilienthal dem Direktor des HAU sowie Georg Seeßlen als renommierten Filmkritiker versuchten die Herren in Vorträgen alle Aspekte des Schlingensief‘schen Schaffens abzudecken und Verbindungslinien aufzuspüren. Anstrengend und ein wenig peinlich: keiner der fünf Herren sprach ein auch nur annähernd erträgliches Englisch, das aufgrund der internationalen Gäste aber als Verkehrssprache diente. Wie sehr klare Gedanken durch eine klare Sprache glänzen, wurde überdeutlich. Film, Ausstellungen, Theater
Die lange verlachten, gehassten und ignorierten Filme Schlingensiefs stellte Seeßlen in den Kontext der Begriflichkeiten von Joseph Beuys und entdeckte in ihnen sowohl Peformance, Installation, Ortbezogenheit und immer Kritik an den Verhältnissen. Die wiederkehrenden Themen: Religion und die deutsche Geschichte.
In Schlingensiefs Filmen gibt es keine psychologisch motivierten Figuren wie im narrativen Film, eher Archetypen oder mythologische Figuren wie den Helden, den Torwächter usw. Seine Filme „handeln“ auch nicht von etwas, sondern sie handeln mit etwas, einem Stoff, einer Fragestellung einem Zeitphänomen. Leute laufen herum, schreien, lamentieren, erzählen etwas, werden verfolgt von äußeren oder innern Dämonen, leben etwas aus, das aus ihnen selbst kommt, nicht aus der Umwelt. Der Zuschauer nimmt an diesen Filmen teil, er schaut sie nicht einfach an. Da beginnt auch schon der Weg ins Theater.
Mathias Lilienthal erzählte von der grandiosen Installation, Performance, Theateraufführung in Wien im Jahr 2000 mit dem Titel „Ausländer Raus!“. Dabei erfuhr man nichts Neues, aber als Link zwischen Film, Fernsehen und Theater war sein Beitrag trotzdem wichtig.
Über die Ausstellungen Schlingensiefs sprach der Kurator Anselm Franke, der u.a. auch bei der Talkshow Schlingensiefs bei MTV aus dem Jahr 2000 mitarbeitete, aber der Frage nachging, wie sehr Objekte und Werke Schlingensiefs den Rahmen normal zeigbarer Kunstwerke verließen, weil sie mit allen Gattungen und Medien spielten, also im besten Sinne Medienkunst sind.
Carl Hegemann schließlich sprach über die Zusammenarbeit in Bayreuth in der Aufführung des Parsifal - die Arbeit die laut Schlingensiefs eigener Aussage seiner letztlich tödlichen Krankheit Vorschub geleistet hat.
Was ist das? Vor allem Kunst!
Schlingensiefs Wanderung durch die Gattungen und die zunehmende Vermischung bis zur Unmöglichkeit, sie zu benennen, einzugrenzen und manchmal klar zu beschreiben, war Teil des künstlerischen Anspruchs. Wenn Installationen auf Theaterbühnen stehen und darüber Filme angefertigt werden, wenn Schauspieler mit Videobildschirmen in Dialog treten oder in seiner letzten Arbeit „Mea Culpa“ Religion, Kindheitserinnerungen, eigene (Krankheits)Geschichte, Oper, Film und Theater zusammenfinden - dann ist das packende, vieldeutige, kraftvolle Kunst - wie auch immer man sie nennt und welche Medien sie nutzt.
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Fotos: Berlinale Presseservice
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So, 20.02.2011
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