Festland - Philip K. Dick und Schubert zu einem Discobeat!

„Bitte identifizieren Sie sich besser nicht ganz so stumpf mit mir!“
Ein Gespräch im Le Chat Noir mit Thomas Geier von Festland.
 
Jens Kobler: Bevor hier ein auch aus der einen oder anderen Trendpostille genährter, falscher Eindruck verstärkt wird: Wir sitzen hier zwar zu zweit, aber Du bist kein Phil-Collins-Typ und Du singst auch nicht als einziger in der Band.
 
Thomas Geier: Hauptsächlich singen Yoshino (Tasten, Knöpfe, Gesang) und ich (Schlagzeug, Gesang). Aber wir versuchen auch, DDFM (Bass, Gesang; auf dem Foto links) Raum zu geben, was musikalische Gründe hat: Er singt einen tiefen Bass, Yo (auf dem Foto rechts) und ich (Mitte) singen Tenöre. Wenn wir zum Beispiel einen Kanon singen, dann funktioniert das besonders gut. Vor allem aber geht es darum, die Rolle des Sängers aufzuteilen auf zwei Personen, damit klar wird, dass sich da eben keine Singer/Songwriter-Persönlichkeit ausdrückt.
 
JK: Es gibt halt kein Rockstar-Ego, was – nicht zwingend, aber doch – ja damit zu tun hat, dass die Texte von jemand sind, der nicht Mitglied der Band ist. Ihr seid aber auch nicht nur ein Projekt, das einfach die Texte von jemand anderes in Musik umsetzt, oder?
 
Thomas Geier: Die Texte sind in der Regel von Fabian Weinecke, der eigentlich Maler ist. Seine Texte bieten für uns viele Assoziationsflächen für die musikalische Umsetzung, aber halt auch für textferne Rollen, für Sprecherrollen, in die wir hineinschlüpfen, von denen wir uns aber auch distanzieren können. Es geht nicht darum, dass da jemand in erster Linie etwas ausdrücken möchte.
 
JK: Das Ganze hat etwas von Darstellung, was man meiner Meinung nach gerade bei den Auftritten sieht, wenn in den Pausen die Leute, die gerade ein Stück fabriziert haben, plötzlich als Personen hervortreten. Yoshino und Du, Ihr seid ja auch als Freischwimmer nicht zuletzt als Produzenten elektronischer Musik zusammen in Erscheinung getreten. Insofern führt ja dann vielleicht die Band im wahrsten Sinne des Wortes Stücke auf…?
 
Thomas Geier: Ich würde schon den Begriff der Rolle benutzen. Dass man zeigt, dass es um etwas Aufgeführtes geht, etwas Inszeniertes. Gleichwohl ist da aber keine Künstlichkeit bei uns in dem Sinne von „Wir spielen da nur so locker mit Zitaten“. Das ist eine recht pathetische, moderne Vorstellung: Man führt quasi die Produktionsmethoden vor, zeigt den Weg zur Inszenierung, fällt auch einmal aus der Rolle, ist im Gesang aber wieder diese Stimme, die eben nicht nur zitiert oder nachstellt. Ganz schrecklich finde ich diese Betroffenheitssubjektivität, aber halt auch diese ganz kühlen Verweise im Zitatpop, NDW-Inszenierungen, etc.

JK: Auf ein Publikum, das eine reine Indierock- oder Punk-Sozialisierung hat, muss so etwas doch sehr befremdlich wirken. Gleichzeitig operiert Ihr in dem Kontext eines Labels wie What`s So Funny About und spielt live mit den unterschiedlichsten Bands zusammen. Was sind diesbezüglich Eure Erfahrungen?
 
Thomas Geier: Im Hafenklang in Hamburg zum Beispiel – leider nicht in der 1:1-Livesituation, sondern danach – wurde das sehr klar, dass es da eine Rezeptionshaltung gegenüber Musik gibt, der wir nicht entsprechen und auch nicht entsprechen wollen. Noch vor der Bandgründung, nach der Arbeit von Yo und mir bei zum Beispiel Radio Gruga und mit Honolulu United, war die Frage eher, wie wir unseren eher elektronisch-musikalischen Ansatz in eine Band umwandeln könnten. Da wollten wir etwas Unverbrauchtes entwickeln, und das macht es auch spannend, diese Gratwanderung: Dass es neu ist, aber die Leute auch angeht.
 
JK: Weil man nicht einfach den Ziggy Stardust oder die Björk spielen will?
 
Thomas Geier: Ja, das wäre zu einfach. So etwas ist bestimmt schön, sich auf der Bühne einfach so auszuleben, und das empfinde ich auch als ästhetisch schön, aber nicht als befriedigend.
 
JK: Und es gibt auch keine Musical-hafte Bühnenshow, sondern zusätzlich zu den Texten auch noch die passenden Bilder des Malers Weinecke…
 
Thomas Geier: Wir benutzen seine Gemälde in dem Sinne, dass wir sie in einen popkulturellen Kontext stellen: Sie zieren unsere Cover und Plakate (s. Abbildung), und wir wählen sie aus seinem Repertoire aus. Beim ersten Albumcover waren wir noch etwas zögerlich, da war alles auch noch etwas intimer, und das merkt man dem Cover auch an. Das aktuelle Cover sieht etwas anders aus (s. Abbildung). Entwickelt hat sich diese Zusammenarbeit wiederum daraus, dass ich Fabian öfter mal Musik vorgespielt habe. Er mit einem 80er-Industrial-Düsterecke und ich mit meinem Disco-geprägten, homophilen Hintergrund waren da natürlich erst einmal weit auseinander. Im Vorfeld der ersten Platte kam alles bei einer Ausstellung mit einem Konzert von Festland einmal zusammen, das war da aber nicht wirklich super-glücklich.
 
JK: Es gibt in diesem Genre jenseits von Schlager, Indierock und Elektronik gerade in Deutschland ja auch wenig Anknüpfungspunkte, Vergleichbares. Ich würde da gerne noch mehr Erfahrungsberichte hören, wie das so ankommt.
 
Thomas Geier: Nun, wir haben mit verschiedensten Bands und auch vor unterschiedlichst großem Publikum gespielt. Mal eher kontrastiv im Sinne der Darbietung mit einer Band wie den Fehlfarben, mal vom musikalischen her passend mit The Whitest Boy Alive. Jetzt spielen wir auf der Tour viel mit School of Zuversicht, da geht es um Hamburger Zusammenhänge, DJ Patex aus dem Knarf Rellöm Umfeld, die auch auf eine starke Art von Künstlichkeit setzt, aber wiederum ganz anders damit umgeht, als wir es tun. In so einem spezifischen Rahmen wie einem Theater auftreten, das möchte ich gar nicht. Ich möchte uns als Pop-Band und denke, dass die Möglichkeiten von Pop auch da mal liegen dürfen: Pop darf auch mal Kunst sein. In der Roten Sonne in München haben wir z.B. mit F.S.K. gespielt, die ja auch Sympathien für so einen Ansatz haben. Mal schauen, wie das jetzt als nächstes in Berlin läuft,… Ich kann mir uns in ganz vielen Zusammenhängen vorstellen, ohne dass es da jetzt um Identifikationspunkte geht. Wir haben zu Identifikation, glaube ich, ein gebrochenes Verhältnis. 

 

 
JK: Je nach Tagesform kann man sich ja in Eure Lieder hineinfallen lassen, und am nächsten Tag bemerkt man sozusagen eher den, ich nenne es einmal Vorführeffekt in der Musik, dass da etwas eher zur Disposition gestellt wird.
 
Thomas Geier: Das muss auch so sein, denn bei aller Konstruiertheit muss Pop ja auch offen sein, für die Hörer benutzbar sein. Wenn von der Bühne herunter postuliert wird „Identifizier Dich mit mir!“, das ist mir zu bestimmend. Die direkte Identifikation ist bei uns vielleicht durchbrochen, aber es gibt Anknüpfungspunkte. Und gleichzeitig finden die Zuhörer auch immer Punkte, wo sie sehen: Da kann ich hereinschlüpfen, aber da geht es auch wieder heraus.
 
JK: Und diese Anknüpfungspunkte gibt es, wenn genau hingehört wird, nicht nur zusätzlich durch die andere Ebene der Bilder, sondern auch durch Samples. Was ja auch in der HipHop- und House-Kultur vorkommt, ohne dass diese jetzt zwingend im Einzelnen aufgeschlüsselt werden müssen…
 
Thomas Geier: Wir haben diesen Ansatz, sind aber auch von Programm- oder Filmmusik geprägt. Bei „Irre Gleise“ gibt es z.B. Lok-Geräusche und man kann an die popkulturelle Hobo-Type denken. Trackprinzipien gab es noch eher auf dem ersten Album. „Welt verbrennt“, das aktuelle Titelstück, z.B. hat noch eher eine Art Zeitungs-Headline als Text, der mit der Musik interagiert, damit Bilder entstehen können. Ansonsten sind wir derzeit stark beim Pop-Prinzip Strophe-Refrain-Strophe. Außer dann noch einmal bei dem reinen Instrumentalstück „Tannhäuser Tor“, das sich auf den Film Blade Runner bezieht. Aber es muss da auch nicht jedes Steve Reich Sample erkannt werden, so á la: „Ihr müsst unbedingt wissen, dass in der Sterbensszene des Replikanten gesagt wird: I’ve seen ships at the Tannhäuser Tor.“ Natürlich denke ich da an Romantik und deren Rezeption bei Kraftwerk im Techno-Gewand, und dass die ein Stück namens „Schubert“ hatten, wo sich in unendlichen Schleifen Subjektivität reproduziert. Solche Bezüge sehe ich, aber das ist kein Muss. Und wir arbeiten auch deshalb nicht mit Linernotes, denn: Es gibt eine reichhaltige Palette an Möglichkeiten, wie man sich einem Stück Musik nähern kann. Wir möchten da viele Möglichkeiten anbieten, ohne die „richtige“ Art und Weise vorzugeben.

Foto: Sascha Kreklau. Bilder: Fabian Weinecke.


Aktuelle Tourtermine:

18. März: Monarch, Berlin
20. März: Arm Galerie Loyal, Kassel
07. April: Tsunami, Köln
08. April: Djäzz, Duisburg
10. April: Polyester, Oldenburg
15. April: Goldclub, Essen

Mo, 19.04.2010 0

Kommentar hinzufügen

Anmelden oder Registrieren um Kommentare zu schreiben

Über den Autor

04.12.2009

Stadt

Branche

Aktuelle Tweets

LABKULTUR
[DIGITAL] keynotes @TheNextWeb conference: #Google Glasses, business advice & Sneakers http://t.co/dx50OHp9wZ #Labkultur @SabienSchrijft
LABKULTUR
[FAR] wie der Schlüssel Kultur am besten erschließt Interview mit Autorin Franziska Sörgel http://t.co/Lxt0Rjkm6v #FAR13 #LABKULTUR
LABKULTUR
[FAR] CULTURE IS THE KEY. A culture consultant & an architect: temporary events mirror excess and euphoria http://t.co/gQGJw2WWB1 #LABKULTUR