Festivals brauchen Spaß, Emotion und Experiment
Eine Reise in den Norden – PAZZ in Oldenburg
Sex und Kindergeburtstag, Raumerkundungen und Rituale im Schloss – das alles innerhalb von 40 Stunden kann nur ein Festival bieten.
Ich habe die letzten zwei Tage des Festivals „PAZZ“ in Oldenburg besucht und habe selten innerhalb von zwei Tagen einen solch starken Eindruck mitgenommen. Überhaupt bietet Niedersachsen Theaterfestivals, die so im Ruhrgebiet nach dem vorläufigen Ende von „off limits“ nicht mehr zu finden sind, außer vielleicht das Bochumer „Fidena-Festival“.
Performance Art in den Wohngebieten der platten Landschaften
Das abwechselnd in Hannover und Braunschweig stattfindende Festival „Theaterformen“ zeigt große Namen und neue Köpfe und findet vom 31.5. bis 10.6. dieses Jahr in Braunschweig statt. In Hildesheim können Freunde der Performance-Kunst das Festival „transeuropa“ besuchen: „Gastspiele aus Island, Portugal und Litauen, eine europäische Wohngemeinschaft, alltägliche und utopische Räume verflechten sich vom 12. bis zum 19. Mai 2012 zu einem fluoreszierenden Gewebe, einer Strickleiter über der Kluft zwischen Bühne und Zuschauerreihen.“

„PAZZ ist nicht an einzelnen Top-Produktionen interessiert, sondern an Gruppen und deren Potenzial.“ Das ist erkennbar. Das Oldenburgische Staatstheater, Träger des Festivals, versprach ein spartenübergreifendes und experimentierfreudiges Programm, das einen Einblick in die internationale Performing Arts Szene gewährt.
Quer durch das Leben und die Generationen

Kinderauswahl
Die RuhrTriennale macht‘s auch in der kommenden Saison. Man lässt Kinder ran an. Die Children's Choice Awards werden auch in Oldenburg vergeben. Eine Gruppe von Kindern reist von Aufführung zu Aufführung. „Mit dem Blick geborener Experten und der Offenheit unvorbereiteter Kinder werden sie die zeitgenössische Kunst einer kritischen Prüfung unterziehen,“ heißt es. Die Show, die man immer wieder sehen möchte? Die coolste Tänzerin? Der tollste Trick? Die Frisur, die gar nicht geht? Das pappigste Pausenbrot? Der Abend, nach dem man die schlechtesten Träume hatte? Der Moment, der nicht vergehen soll? Die Idee stammt von der kanadischen Gruppe „Mammalian Diving Reflex“ aus Toronto. Seit 1993 realisiert sie Projekte mit Schulen, Unternehmen, Seniorenheimen und Festivals. Ihr Interesse gilt dem Verhältnis von Macht und Ohnmacht und Fragen zu Fairness, Ausgrenzung und der Würde des Kindes. Mit überraschenden Perspektivwechseln bringt sie eine neue Qualität in eingespielte Abläufe.
All the sex I ever had
Der Künstlerische Leiter Darren O’Donnell ist auch verantwortlich für einen beeindruckenden Abend, den man so schnell nicht vergessen wird. In „All the sex I ever had“ beschäftigt er sich mit einem der 
Dieser Abend ist beeindruckend, verstörend, wunderbar. Wie hier ältere Herrschaften offen und ohne Pathos über schöne und teils schreckliche Erlebnisse ihres Sexual- und Beziehungslebens berichten, hat das Prädikat „wertvoll“. Das Publikum wird Teil der Geschichten, indem ähnliche Erlebnisse abgefragt werden. „Wer von Ihnen hat es schon mal im Wald getrieben?“ Die Arme heben sich und es scheint, als wäre der Raum mit Wahrheit angefüllt.
Hochzeitswahn

Revierglanz statt erdige Nähe
Im Ruhrgebiet indes wird meist darauf gesetzt, einzukaufen. Den hiesigen Kräften wird kaum vertraut. Dass es da hin und wieder Ausnahmen gibt, ändert nichts daran. Die Nähe zum Ort und zu den Menschen, die eigene Kreativität eines Festivals ohne Pomp, das fehlt in einer Region, die eigentlich dafür geschaffen wäre: Offene Formen, neues Altes, altes Neues und vor Ort entstehende kleine Sensationen und alles ohne Hochglanzrepräsentation.
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